Theater der Zeit

Auftritt

Deutsches Nationaltheater Weimar: Im Karussell der Ewigkeit

„Der Zauberberg“, Schauspiel von Beate Seidel und Christian Weise nach dem Roman von Thomas Mann – Regie Christian Weise, Bühne Nina Peller, Kostüme Lane Schäfer, Musik Jens Dohle, Choreografie Ronni Maciel

von Michael Helbing

Assoziationen: Thüringen Theaterkritiken Christian Weise Deutsches Nationaltheater & Staatskapelle Weimar

Das Ensemble als Star des Abends zeichnet die steile Fieberkurve einer mit Lust leidenden Gesellschaft vor und nach: Die Weimarer Inszenierung von Manns „Zauberberg“ inszeniert von Christian Weise.
Das Ensemble als Star des Abends zeichnet die steile Fieberkurve einer mit Lust leidenden Gesellschaft vor und nach: Die Weimarer Inszenierung von Manns „Zauberberg“ inszeniert von Christian Weise.Foto: Candy Welz

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Drei Wochen wollte Hans Castorp auf dem Berghof verweilen, wo Wochen ein allerdings zu vernachlässigendes Zeitmaß bedeuten. Sieben Jahre sind daraus geworden, denen die sieben Kapitel einer so inhaltsreichen wie handlungsarmen 1000-Seiten-Satire jedoch keineswegs entsprechen. Das erste Jahr wird groß ausgebreitet, die letzten werden gerafft.

Die Relativität der Zeit zieht sich als relativ großes Thema durch Thomas Manns „Der Zauberberg“, worin in konstanter Höhen-, allerdings veränderlicher Stimmungslage im Grunde jahrein, jahraus ohnehin stets dasselbe geschieht. Leser:innen finden sich mit den Routinen der pathologischen und auch pathologisch dekadenten Personnage einer Lungenheilanstalt in den Schweizer Bergen, oberhalb von Davos, in der Endlosschleife wieder, die nicht einmal der Tod durchbrechen kann. „Das Damals“, liest man einmal, „wiederholt sich beständig im Jetzt, das Dort im Hier.“

Wie sich dergleichen auf die Bühne bringen, wie sich aus diesem Roman Theater machen lässt, ist hierzulande schon oft zu zeigen versucht worden. Ohne über Vergleiche zu verfügen, kann der Berichterstatter aus Weimar melden: Hier ist es dem Regisseur Christian Weise mit seiner Dramaturgin Beate Seidel sowie einem grandiosen Ensemble gerade deshalb adäquat gelungen, weil sie auf jeglichen Anklang ans Literaturtheater pfeifen. Sie machen den 100 Jahre alten Roman über die Form intuitiv und dabei geradezu körperlich erfahrbar, so wie sie es vor zwei Jahren auf ganz andere Weise, und unter anderem mit filmischen Mitteln, schon mit Manns „Buddenbrooks“ taten und wie es zuletzt an gleicher Stelle Luise Voigt und Eva Bormann mit Bulgakows „Der Meister und Margarita“ überzeugend vorführten.

„Der Zauberberg“ ist Christian Weises neunte Inszenierung in Weimar binnen zehn Jahren und womöglich, da sich Intendant Hasko Weber 2025 verabschiedet, auch seine letzte. Vorkenntnisse sind dafür erneut kaum vonnöten. Mögen solche zu tieferen Einsichten und Erkenntnissen führen, so steht diese Aufführung doch ganz für sich. Sie ist selbsterklärend: als eine sich binnen netto drei Stunden Spieldauer ständig in spielerisch und bald auch kostümtechnisch neuem Gewand wiederholende einzige Szene, die sie auf dreizehn Seiten als Nukleus des Romans formulierten. Sie steht gleichsam pars pro toto; aller radikalen Striche zum Trotz ist darin im Grunde alles enthalten: alle Temperaturen, alle Atmosphären, alle Reflexionen. Und alle böse Spottlust obendrein.

Dafür hat Nina Peller die Bühne realistisch als große Halle mit ausladender Geschosstreppe eingerichtet, die im rechten Winkel aus den Zimmern in eine Kombination aus Speisesaal und Salon führt, mit zwei Esstischen links und Sitzgruppe vorm digital flackernden Kamin rechts. Hinter der rückwärtigen Glasfront, vor die sich bisweilen ein Vorhang zieht, leuchtet ein Gebirgsprospekt. Über die Treppe tritt die Patientenschar kollektiv zu den Mahlzeiten an, abgesehen von der exzentrischen Madame Chauchat (Nadja Robiné), die vorne links die Tür aufzureißen und zuzuschlagen hat.

Über dieser Tür eine Uhr, auf der die Zeit mal schleicht und mal rast: ticktack hier, ticktackticktack dort. Derart spielt der Abend durchaus provokant mit dem Blick auf die Uhr im Theater, er zerrt dabei ein bisschen am Geduldsfaden seiner Zuschauer, der dem einen oder der anderen vor der Zeit reißt. Einige verlassen das Stück in der Pause, nach knapp zwei Stunden, andere spenden am Ende jubelnd stehende Ovationen.

Die Inszenierung ist angelegt als sieben Variationen über ein Thema und schon deshalb sehr musikalisch. Jens Dohle leitet zudem im Hintergrund ein Kammerensemble der Staatskapelle Weimar, das unter anderem Henry Mancini intoniert („Breakfast at Tiffany’s“ und „The Pink Panther“), aber auch immer wieder Toscas Arie „Nur der Schönheit weiht‘ ich mein Leben“, zu der Tenor Alexander Günther als Oberschwester Mylendonk anhebt (Hans Castorp schwärmt im Roman von Puccini).

Das szenische Thema kommt zunächst wie dem Boulevardtheater entlehnt daher, inklusive rhythmischer Keuchhustenanfälle und diverser Auswürfe. Das variieren sie dann etwa in einer melodramatischen Groteske, einer in Splatter-und-Zombie-Sphären abdrifteten Krimikomödie, einer Comicerzählung mit Papiertütenfratzen auf dem Kopf oder in einer Musicaltravestie in Latex. Dann stürmt noch gleichsam Hans Castorps Schneetraum in Skianzügen auf die Szene. Schlussendlich sind wir wieder am Anfang, derweil die Bühnentechnik dem Ensemble bereits Möbel und Kulissen unterm Hintern wegzieht: Da bleibt nichts mehr, woran sich festhalten ließe. Der Rückzug aus der Welt in die Krankheit, die letztlich selbstgewählte Isolation funktioniert nicht mehr, alles löst sich auf (im Roman durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges). Zeitenwende zerschlägt Zeitschleife.

Bis dahin drehen wir uns munter, um mit Hans Castorp zu sprechen, im Karussell der Ewigkeit. Noch ‘ne Runde, noch ‘ne Runde! Erschöpfungszustände sind eingepreist. Doch dreizehn Schauspieler:innen bestücken dieses Karussell mit Geist und Seele, mit viel Witz und auch ein bisschen Poesie – darunter die als Frau Iltis bestens integrierte Souffleuse Laurie Gibson sowie, als Herr Albin, Oscar Olivo, der fast schon als Maskottchen Christian Weises in dessen Inszenierungen häufig auftaucht und derart von Theater zu Theater tingelt.

Fabian Hagen schlingert und schlackert als Hans Castorp veränderlich durch die Szenerie und betont derart den schwankenden Boden, auf dem dieser naive Durchschnittsmensch durchs Leben tapst. Dascha Trautwein lässt den Unterkiefer wackeln, wenn ihre einfältige Frau Stöhr ihr künstliches Gackergelächter in Betrieb nimmt. Der große Star dieses Abends ist jedoch dieses Ensemble in Gänze, das uns hier die steile Fieberkurve einer mit Lust leidenden Gesellschaft vor- und nachzeichnet.

Erschienen am 6.5.2024

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