Auftritt
Theater Basel: Solidarische Lektüregruppe
„Die Schändung der Lucretia. Ein Casting.“ nach William Shakespeare von Lola Arias und Ensemble – Inszenierung Lola Arias, Text: Lola Arias und Ensemble, Bühne Dominic Huber, Kostüme Tutia Schaad, Videodesign Mikko Gaestel
von Annette Hoffmann
Assoziationen: Theaterkritiken Schweiz Lola Arias Theater Basel

Als hätte Shakespeare gewollt, dass die Protagonisten dieses Falls nicht allzu plastisch werden, hat er „Die Schändung der Lucretia“ als Langgedicht verfasst. Schändung – das klingt nach Schande. Doch wessen Schande? Wenn man etwas aus dem Prozess gegen die Vergewaltiger von Gisèle Pelicot lernen konnte, dann, dass die Scham die Seite wechseln muss. Im Theater Basel wird der Titel „The Rape of Lucretia“ weiß auf Schwarz auf eine Schiebetür projiziert, später zeigt sich dahinter eine Box mit zwei Räumen (Bühne: Dominic Huber). Die Band (Ntando Cele, Barbara Colceriu, Phil Hayes, Laura Leupi, Julian Anatol Schneider und Elia Rediger) greift zum Mikro und den Instrumenten, während im Schauspielhaus ein eingeblendetes Bild in das nächste übergeht. Egal, ob Tizian oder Rubens die Vergewaltigung gemalt hat, man sieht die gleiche Choreografie: Tarquinius greift sich die Frau, mit der Dolch bewaffneten anderen Hand holt er aus, sie versucht, ihn mit den Händen abzuwehren. „Lucretia, Wo möchtest du nun hingehen? Bist du bei uns? Bist du allein?“, singt die Band.
Lola Arias‘ Inszenierung „Die Schändung der Lucretia: Ein Casting“ ist eine plastische Selbstermächtigung. Einige der Darsteller:innen teilen Lucretias Erfahrung, vergewaltigt und missbraucht worden zu sein. Damit das Publikum nicht allzu sehr auf den kathartischen Effekt für die da auf der Bühne wartet, steht im Besetzungsbüro links eine Couch. Wer nie einen Film gesehen hat, in dem das Casting über die Besetzungscouch lief, lehne sich jetzt mal entspannt zurück. Schon das Bewerbungsinterview ist übergriffig, eine Kamera ist auf die Ensemblemitglieder gerichtet, sodass man sie im Profil und von vorn sieht. Schneider will endlich mal nicht als der Nette von nebenan besetzt werden, Cele wendet ein, ihre dunkle Hautfarbe mache aus Tarquinius automatisch einen Migranten, lieber wäre sie die Erzählerin und Colceriu berichtet von den erniedrigenden Reaktionen auf ihren Wunsch, auch als Kleinwüchsige professionell Theater zu spielen. Es muss nicht immer zum Äußersten kommen, auch so erfahren Menschen von anderen Menschen Gewalt.
Das Ensemble ist perfekt gecastet. Für alle im Publikum gibt es Identifikationsangebote: queer, POC oder nichts von alledem. Diejenigen fängt Phil Hayes auf. Hayes, im England der Thatcher-Jahre aufgewachsen und seit einigen Jahrzehnten in der Schweizer freien Szene heimisch, ist anders als alle anderen kein Bekennender. Er erzählt stattdessen, wie es war, wenig zu haben.
Was die Inszenierung zusammenhält, ist, dass Shakespeares Text durch diesen Abend leitet. Das Ensemble formiert sich zu einer Lesegruppe, die verstehen will, wie es zu dieser Vergewaltigung kommen konnte und warum Lucretia Selbstmord begeht. Sie diskutieren, wie es sein kann, dass ihr Tod zur Legitimation der Römischen Republik instrumentalisiert wird. Denn mit dem Fall von Tarquinius‘ Familie endet die Monarchie. Das Ensemble formiert sich daraufhin zu einer Band. Was daraufhin gesungen wird, wirkt nun gar nicht mehr popsongmäßig unschuldig. „Why don’t you take all of me“ klingt jetzt übergriffig und aus dem Police-Song „Every Breath You Take“ tritt klar der Stalking-Aspekt hervor.
Schließlich gibt die Schiebetür den Blick auf ein Schlafzimmer frei, das von einem Bett dominiert wird – so weiß wie ein Blatt Papier. Auf dem Nachttisch und dem Fensterbrett liegen ein Sexspielzeug, ein Missy-Magazin, der Text von Shakespeare und andere Lektüre. Der Ausblick geht mal auf Zürich, den Wohnort von Laura Leupi. Leupi wurde durch das Buch „Das Alphabet der sexualisierten Gewalt“ bekannt. Leupi schreibt darin von der Vergewaltigung durch den Ex-Freund. Später erzählt Leupi von einer Begegnung mit ihm auf einer Demo, und verzichtet darauf, dass die Clique ihn stellt. Mal sieht man das brennende Rom oder Lucretias Mann im Brustpanzer, der seine Frau als tugendhaftes Beispiel von Weiblichkeit im weißen, altmodischen Nachthemd (Kostüme: Tutia Schaad) seinen Kriegsgefährten vorführt.
Arias‘ Dokumentartheater erweitert die biografischen Erzählungen durch andere Fälle, auch von Rache und (Selbst)justiz. 2024 etwa korrigierte das Schweizer Bundesgericht ein Urteil, das die Dauer der Vergewaltigung und den Umstand, dass die Frau kurz zuvor Sex hatte, noch als strafmindernd bewertet hatte. Und nicht immer ist das Opfer weiblich, auch Jungen werden missbraucht, doch geht das überhaupt, einen Mann zu vergewaltigen? Es ist ein ganzes Spektrum, das sich in diesen 110 Minuten entfaltet. Das ist nicht immer beklemmend nah, sondern auch grotesk, sogar komisch, vor allem aber getragen von dem Lebensmut, dass die Tat einen nicht dem Täter ähnlich macht.
Erschienen am 19.3.2026


.jpeg&w=3840&q=75)















