Theater der Zeit

Auftritt

Jena: Völlig von der Mutterrolle

Theaterhaus: „Leaving Carthago“ von Pina Bergemann und Anna Gschnitzer (UA). Regie Pina Bergemann, Bühne und Kostüme Bettina Kirmair

von Michael Helbing

Erschienen in: Theater der Zeit: Frank Castorf – „Wallenstein“ in Dresden (06/2022)

Assoziationen: Sprechtheater Theaterkritiken Thüringen Theaterhaus Jena

Ein Stück, das in die Wunde greift, die die Mutterlüge schlägt: „Leaving Carthago“ in der Regie von Pina Bergemann.
Ein Stück, das in die Wunde greift, die die Mutterlüge schlägt: „Leaving Carthago“ in der Regie von Pina Bergemann.Foto: Joachim Dett

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Das muss ein unglaublicher Erfolg gewesen sein, damals, vor sechs Jahren am Broadway, wo Pina Bergemann als Autorin, Regisseurin und Hauptdarstellerin mit „Leaving Car­thago“ die Theaterwelt ins Wanken brachte. Die Kritiken überschlugen sich, Bergemann schrieb sogar selbst welche. Na schön, irgendwie schien niemandem aufzufallen, dass der Titel etwas komisch klingt. Müsste es nicht „Leaving Carthage“ heißen? Egal. Der Erfolg war allein schon deshalb wirklich unglaublich: weil es ihn gar nicht gab.

Es gab nicht einmal dieses Stück. Es gab nur: den Titel. Erfunden in Bruchteilen von Sekunden, in denen Synapsen Fasching feiern, für eine vermeintlich karrierehemmende Lücke im Lebenslauf einer Schauspielerin, die sich mit und von der Mutterrolle besetzen ließ. Schwangerschaft und Elternzeit in New York, ausgerechnet auch noch in jenem Jahr, in dem Marina Abramović erklärte, drei Mal abgetrieben zu haben, weil sie Kinder als „ein Desaster“ für ihre Arbeit als Künstlerin empfände.

Inzwischen arbeitet Bergemann in Jena, wo das niederländische Wunderbaum-Kollektiv Schauspielern zu Theatermacher-Impulsen verhilft. Hier machte sie ihre Lebensnotlüge öffentlich, um mithilfe der Autorin Anna Gschnitzer das Stück zum Titel nachzureichen. Eines, das nun mitten in die Wunde greift, die die Mutterlüge schlägt: also jene „Erzählung, dass man alles schafft“.

Mit ihr beginnt der Abend. Bergemann gleichsam im Comedy-Solo als Superweib: Mutter von Drillingen, ach was, Vierlingen gar, mit Mann, Haus, Hund und Auto, eigenem Kindergarten, einer Ausbildung als Schauspielerin und als Steuerfachangestellte, zudem ehemalige Deutsche Meisterin im Schwergewichtsboxen …

Auftritt Chor der Mütter aus Jena: eine Handvoll Laiendarstellerinnen und zwei Schauspielerinnen darunter, Ella Gaiser und Dorothea Arnold, alle als Boxerinnen in Pink und Orange sowie mit Wut im Bauch. Ein ganzer Chor als Sparringspartner für Bergemann, der sie zum Stück mit feministischer Perspektive herausfordert. Ihr Plan hingegen: „Es gibt keinen Plan.“

Das ist den Frauen zu wenig. Um sie bei der Stange zu halten, stammelt sie eine Handlung ihres Broadway-Erfolgs zusammen: Pina als Schauspielerin Nina in verhängnisvoller Mutterrolle sowie diese als Tina, die schreckliche Piratin mit dem Schwur „Für immer Braut des Windes, niemals Mutter eines Kindes!“. Die wird dann trotzdem schwanger und Pina-Nina-Tina vom vorzüglich einstudierten Chor auf die Planke gejagt.

Eine Gruppendynamik, die den Probenprozess bestimmt haben könnte, überträgt sich. „Ich hätt’ ‘nen Monolog machen sollen“, ruft Bergemann. „Scheißidee mit dem Chor!“ Da ist sie längst buchstäblich ins Loch gefallen, das Bettina Kirmair auf ihrer Bühne hinterließ, die ein Vorhang mit riesigem Reißverschluss gleichsam zwischen Kind und Karriere abzuschließen versucht.

Bergemann, so die Erzählung, entgleitet ihr Stück, ehe sie es zu fassen kriegt. Sie konstruiert es, es dekonstruiert sich gleich wieder und legt die Schwächen frei: nicht die dieses ganz im Gegenteil starken, ergreifenden und erheiternden Abends der Selbst­ermächtigung, sondern die menschlicher Selbstüberschätzung.

Bergemann krümmt sich im Loch, über ihr eine Kamera, die sie wie den Fötus in der Frucht­blase filmt. Sie freundet sich in postnataler ­Depression mit alten Bekannten an: chronische Erschöpfung, Überforderung, Geburtstrauma. Später rechnet sie vor, dass Theater- und Care-Arbeit zweieinhalb Vollzeitjobs bedeuteten, und schreit nach dem „Fucking Dorf“, das es doch angeblich braucht, ein Kind großzuziehen. Sie ist beides: „unfassbar glücklich, eine Mutter sein zu dürfen, und richtig im Arsch!“

Das überträgt sich auf einen Chor der Furien. Dies droht Dimensionen einer antiken Tragödie anzunehmen, die sich in Tränen der Wut, der Trauer und des Lachens auflöst. Ihr Stück tappt bitter-komisch in die Falle des Patriarchats, Ella Gaiser übernimmt am Herd die Rolle der pseudomodernen Frau im „furchtbar schlechten Theaterstück Vater-Mutter-Kind“, das in der Küchenschlacht zertrümmert werden muss. Das Musical-Finale planscht enthemmt in Muttermilch. Die nährt die Hoffnung, dass sorgende Mütterlichkeit ein gesellschaftliches Prinzip werden könnte. //

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