Auftritt
Theater Aachen: Zwei Stunden Zuhören
„Die Ungehorsamen“ (UA) von Manuel Waltz & Marcel Raabe – Regie, Bühne, Kostüme Manuel Waltz & Marcel Raabe, Komposition Ensemble
von Stefan Keim
Assoziationen: Theaterkritiken Nordrhein-Westfalen Dossier: Uraufführungen Marcel Raabe Manuel Waltz Theater Aachen

Das Dokumentartheater kennt eine Menge Formen: Präzise choreografierte Inszenierungen, Videoinstallationen, auch Puppen oder Animationen kommen zum Einsatz. Manuel Waltz und Marcel Raabe zeigen in ihrem zweiten Theaterstück, wie die einfachsten Mittel oft die größte Wirkung entfalten. Und dass es nicht unbedingt Expert:innen des Alltags braucht, um Authentizität zu entfalten. Das Profi-Ensemble des Theaters Aachen schafft es mühelos, glaubwürdig Rollen zu verkörpern und gleichzeitig als Personen erkennbar zu sein, die sich gemeinsam mit den Autoren und Regisseuren auf eine Recherchereise begeben.
Schon im Foyer beginnt die Vorstellung. Eine Klimaaktivistin freut sich, dass so viele Leute gekommen sind, um das Baumhausdorf im Hambacher Forst zu besuchen. Die Protestbewegung gegen die Rodung des tausendjährigen Waldes in der Nähe von Aachen gehört zu den bekanntesten Beispielen für zivilen Ungehorsam. Die junge Frau führt das Publikum in die kleine Spielstätte namens mörgens. Zwischen Europaletten schnippelt das Ensemble Kartoffeln und Gemüse, während der Vorstellung wird eine Suppe gekocht. Die sechs Darsteller:innen wechseln die Rollen, spielen eine Seenotretterin (Stefanie Rösner), einen Klimakleber (Jonas Hellenkemper) und einen Soldaten (Nola Friedrich), der einen Kampfbefehl verweigert hat. Den langjährigen Chef der Lokführergewerkschaft Claus Weselsky (Torsten Borm) haben die Autoren ebenso interviewt wie einen wütenden, aber sehr reflektierten Bauern (Philipp Manuel Rothkopf). Viele Argumente fliegen durch den Raum, das Ensemble stellt verschiedene Formen des Ungehorsams vor.
Ungehorsame aus dem rechtsextremen Spektrum wie Reichsbürger oder Anhänger von Verschwörungserzählungen kommen nur am Rande vor. Es gibt einen Text über Impfgegner, aber diese spezielle Gruppe ist politisch kaum einzuordnen. Gegenreden zu den Protesten werden gesungen, es sind Zitate aus einer großen Boulevardzeitung. Über den Instrumenten hängt ein Banner mit der Aufschrift „BAND dir eine Meinung.“
Die Autoren und Regisseure Manuel Waltz und Marcel Raabe versuchen in ihrem Text, jedem Gesprächspartner gerecht zu werden. In der Inszenierung allerdings sind schon Vorlieben für Widerstand erkennbar, der sich auch mal an den Rand des Legalen bewegt. Eine Frau erzählt, dass sie für ihren Protest eine Haftstrafe in Kauf genommen hat, und argumentiert: „Ich werde bei diesem Paragrafen ja nicht dafür angeklagt, dass ich diese Sachen gemacht habe. Sondern ich werde bei diesem Paragrafen dafür angeklagt, dass ich mich mit anderen Menschen zusammengetan habe und dass wir gemeinsam überlegt haben, was wir machen können. Also genau das, was wir in einer Krise brauchen, dass sich Menschen zusammentun und sich organisieren.“
Bei aller Sympathie für die Aktivist:innen wird das Publikum nie belehrt. Im Gegenteil, immer wieder spricht die ebenso energiegeladene wie feinfühlige Schauspielerin Elina Schkolnik die Besucher:innen direkt an, fragt, wann sie mal ungehorsam waren, und sammelt Beispiele. Das Publikum nimmt an einem Blockier-Workshop teil, lernt, wie man sich von der Polizei wegtragen lässt, dass man nichts sagen, sondern eine Notfallnummer anrufen sollte.
Schließlich stellen sich die Schauspieler:innen in den Ecken des Raums auf. Sie vertreten verschiedene Thesen, zum Beispiel, ob man bereit wäre, das Gesetz zu brechen oder nicht. Das Publikum soll aufstehen. Jeder sucht seinen Standpunkt, die Nähe zu den Sätzen, die die eigene Haltung widerspiegeln.
Es bleibt nicht beim Meinungsbild, Elina Schkolnik ist mit einem Mikrofon unterwegs und fragt nach den Gründen. Und nun wird der ohnehin ausgezeichnet gespielte und präzise geschriebene Abend besonders interessant. Menschen mit verschiedenen Meinungen hören einander zu. Es gibt sogar teilweise Applaus für Argumente, die von den eigenen abweichen. Aus dem Theater wird wahrhaftig ein Plenum, ein öffentlicher Ort des Austauschs, voller Respekt und Wertschätzung. Das funktioniert so gut, weil Manuel Waltz und Marcel Raabe keine ästhetischen Brüche suchen, keine kunstvollen Überhöhungen. Sie lassen das Ensemble direkt spielen, den offenen Dialog mit dem Publikum wagen. Während die Suppe brodelt und Essensduft durch den Raum zieht, entsteht eine Ahnung, wie Demokratie funktionieren kann. Und aus einem kleinen Theaterabend wird ein großer Wurf. Wer will, kann zum Essen bleiben.
Erschienen am 16.3.2026




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