Theater der Zeit

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Auftritt

Bühnen Bern: Männerfantasien zerbersten lassen

„Trophäe“ von Gaea Schoeters aus dem Niederländischen von Lisa Mensing in einer Bühnenadaption von Felicitas Züricher und Roger Vontobel (UA) – Regie Roger Vontobel, Bühne Olaf Altmann, Kostüme Jana Findeklee und Joki Tewes, Musik Matthias Herrmann

von Elisabeth Maier

Assoziationen: Theaterkritiken Schweiz Dossier: Uraufführungen Roger Vontobel Bühnen Bern

Zwischen geschwenkten Cognacgläsern und den sanften Klängen eines Flügels bricht die Härte der globalen, kolonialen Wirtschaft ein: „Trophäe“ von Gaea Schoeters in einer Bühnenadaption von Felicitas Züricher und Roger Vontobel in der Regie von Roger Vontobel an den Bühnen Bern.
Zwischen geschwenkten Cognacgläsern und den sanften Klängen eines Flügels bricht die Härte der globalen, kolonialen Wirtschaft ein: „Trophäe“ von Gaea Schoeters in einer Bühnenadaption von Felicitas Züricher und Roger Vontobel in der Regie von Roger Vontobel an den Bühnen Bern.Foto: Florian Spring

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Sie schwenken Cognacgläser und lauschen den Klängen des Flügels. Das Gewehr liegt bereit. In ihren Träumen sind sie die Herren über Menschen und Tiere auf dem afrikanischen Kontinent. Der amerikanische Jäger Hunter White und der Jagdleiter van Heeren bereiten sich auf das nächste Abenteuer vor. Diese neokolonialen Schreckensfantasien reflektiert die belgische Autorin Gaea Schoeters in ihrem Roman „Trophäe“ (2020). Roger Vontobel, Schauspieldirektor der Bühnen Bern, stellt sich den Grenzgängen des Stoffs mit drei Schauspieler:innen auf der Bühne.

Die Setzung verblüfft. Schoeters, die ihre Texte in niederländischer Sprache schreibt, verortet den Roman in einer martialischen Männerwelt. Da geht es ums Töten, um Herrschaft. Der Spekulant und Investmentbanker Hunter hat die Lizenz zum Schießen eines Nashorns ersteigert. Was als kranke Männlichkeitsfantasie beginnt, entwickelt sich in dem Roman der belgischen Autorin zum mörderischen Ringen mit einer menschenverachtenden Moral. Diese maskulinen Klischees werden auf der Bühne hinterfragt. 

Radikal bricht die Schauspielerin Patrycia Ziòlkowska mit dem Bild vom erfolgreichen Geschäftsmann, der sich und seine Umwelt voll im Griff hat. Sie peitscht ihre Figur in einen Fiebertraum. Da verliert der gnadenlose Kapitalist die Kontrolle. Virtuos lässt die Schauspielerin Zweifel in die Sprache der Macht einfließen, die Hunter White so souverän zu artikulieren scheint. Einen unglaublichen Spagat meistert der Musiker Matthias Herrmann, der live auf der Bühne steht. Von plätschernder Flügel-Salonmusik bewegt, gerät er in einen musikalischen Angstrausch, der Hunter den Boden unter den Füßen wegreißt. Tiefenscharf lotet Michael Gööcks Lichtregie Stimmungen aus.  

Herrschaftsdenken und Maskulinität spiegeln sich in den Kostümen von Jana Findeklee und Joki Tewes. Die kurzen Haare sind ordentlich gekämmt, gegelt und gestriegelt. In Frack und Anzug wirken die Akteur:innen wie Stützen der Gesellschaft, die man aus kolonialistischen Gesellschaftsformen der Geschichte kennt. Die Jagd und die damit verbundenen Trophäen sind in ihrer Welt Statussymbole – für die Lizenz zum Töten des Nashorns hat Hunter einen fünfstelligen Betrag hingeblättert. Am Ende bleiben ihm nur klägliche Reste, die Wilderer und Aasgeier zurückgelassen haben.

Der unwürdige Tod seiner Beute lässt Hunters Welt ins Wanken geraten. In der Rolle des Jagdleiters verkauft Susanne-Marie Wrage Träume. Statt die ersehnten „Big Five“ zu erlegen – also die fünf größten Tiere des afrikanischen Kontinents – schlägt van Heeren einen menschenverachtenden Deal vor. Statt des Nashorns soll er nun einen Menschen schießen. Kalt und berechnend klingt die Stimme der Schauspielerin, als sie diesen Deal ins Spiel bringt. Da geht es um Geld, immer nur Geld. In ihrem Tonfall ist jede Menschlichkeit erloschen. Wrage unterdrückt jede menschliche Regung.

Den Text haben Regisseur Vontobel und die Dramaturgin Felicitas Züricher für die Uraufführung klug, wenngleich zu radikal, gestrafft. Der Diskurs über die Unterdrückung der afrikanischen Dorfbewohner:innen, den die Autorin und Journalistin Schoeters im Roman verhandelt, bleibt auf der Bühne skizzenhaft.

Wie dieser Kolonialismus die Psyche von Opfern und Tätern zerfrisst, setzt Vontobel mit dem Ensemble dagegen großartig in Szene. Olaf Altmann hat einen Bühnenraum geschaffen, der in den ersten Szenen offenbleibt – ein Podium. Dann öffnet sich der Boden, ein erd- und metallfarbener Schlund verschlingt Hunter. Ohne den politischen Kontext plump zu aktualisieren, spielt Altmann mit der Materialwahl auf die Ausbeutung der Bodenschätze an. Damit wird der afrikanische Kontinent bis heute versklavt.

In diesem Abgrund kehrt Patrycia Ziòlkowskas großes Körpertheater Hunters schwarze Seele nach außen.  Sie schreit, kämpft, verliert sich in vergeblicher Gegenwehr. Kaum zu ertragen sind die Momente der Stille. Immer weiter verschließt sich der Raum, treibt sie ins Herz der Finsternis – Parallelen zu Joseph Conrads gleichnamiger Erzählung von 1899 ziehen sich durch Roman und Bühnenfassung. Regisseur Vontobel denkt diese Reise ins Innere beherzt weiter.

June Ellys Mach verkörpert die Jungen, die den Jagdherren buchstäblich zum Töten aus purer Lust vorgeworfen werden. Ihre Leben, die nie gelebt werden dürfen, schwingen im Spiel wie in den Worten immer mit. Aus der Opferrolle befreit sie die Figuren mit kühler Nachdenklichkeit und erotischer Kraft. Das fasziniert und befremdet.

Vontobels radikale Reduktion auf die Figuren und ihre Beweggründe zeigt nicht nur die Kälte der globalen, kolonialen Wirtschaft. Vor allem erzählen die drei Schauspieler:innen vom Verlust der Menschlichkeit. Das Ende des Romans, dass ein Jäger Lust empfindet, auf einen Menschen zu schießen, mag absurd klingen. Doch solche Morde gab es in der jüngeren Geschichte; das Massaker von Srebrenica im Bosnienkrieg 1995 ist nur ein Beispiel für diese brutalen, medial ausgeschlachteten  Jagdszenen der Gegenwart. 

Erschienen am 1.4.2026

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