Illusionen sind zerbrechliche Gefüge, und sie zu zerstören, ist an sich noch keine Kunst. Das Theater hat sich heute alle Mittel dazu erworben, muss aber immer noch sehr genau zielen, damit die einfallenden Luftschlösser nicht alles ringsherum in Trümmer legen, die sich womöglich gleich darauf im leeren Feld neu auftürmen. Bertolt Brecht war einer der vortrefflichsten Schützen. Vor siebzig Jahren experimentierte er für kurze Zeit in den Schweizer Alpen mit der „Antigone“, woran das Theater Chur in diesem Jahr mit dem Festival Brecht! / BB18 erinnert. In diesem Rahmen kuratierte die Digitalbühne Zürich um Samuel Schwarz das „Camp der Zukunft“, lud die Brecht-Forscher Jan Knopf und Werner Wüthrich ein, ermöglichte frei nach Brecht-Stücken sogenannte Experiences mit Virtual-Reality-Brillen sowie die Teilnahme an einer öffentlichen Generalprobe ihres mit der Gruppe 400asa erarbeiteten Stücks „Lukullus“, basierend auf Brechts Hörstück über den gleichnamigen römischen Kriegsherrn, der in einem weltlichen Gegenentwurf zum Jüngsten Gericht von Volksvertretern verurteilt wird.
An zwei Tagen kommen also ein paar Handvoll Theaterschaffende in Chur zusammen und bringen sehr viel an Erfahrung und Wissen mit, doch vor den Augen der wenigen Zuschauer eskaliert die vielversprechende Konstellation, weil zwischen Performance und weltbezogener Diskussion schon bald nicht mehr zu unterscheiden ist – sowie...