Theater der Zeit

Diskurs & Analyse

Serie: Warum wir das Theater brauchen #01

Ein Plädoyer gegen die Verkrustung

In der Serie „Warum wir das Theater brauchen“ schreiben Theatermacher:innen über innere Antriebe, gesellschaftliche Bedingungen und künstlerische Motivationen. Und natürlich auch darüber, wer das Wir dieses Ganzen ist oder sein sollte. Den Auftakt macht die Regisseurin Nora Schlocker, derzeit Hausregisseurin am Münchner Residenztheater.

von Nora Schlocker

Erschienen in: Theater der Zeit: Tarife & Theater – Warum wir das Theater brauchen (02/2023)

Assoziationen: Debatte Bayern Residenztheater

Nora Schlocker
Nora SchlockerFoto: Sandra Then

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Ich habe nicht gezählt, wie oft ich in meinem Leben im Theater war. Aber oft. Als Kind. Als junge Erwachsene. Fiebernd, begeistert oder bisweilen zutiefst abfällig als Regiestudentin, aber auch heute noch meistens aufgeregt. Es ist kein außergewöhnlicher Vorgang für mich und doch – betrete ich einen Theaterort, schlägt mein Herz schneller. Und natürlich lassen sich die professionellen Gedanken manchmal schwer beiseiteschieben – wie erzählen sie die Geschichte, was haben sie sich denn da mit dem Raum überlegt, warum braucht es denn so viele Requisiten usw. Doch trotz der professionellen Versehrtheit, der Live--Moment, die schlichte Tatsache, dass ein Mensch vor andere tritt und sich zeigt, etwas erlebt, durchlebt, in dem Moment für uns laut denkt und wir mit ihm, das ist für mich nach wie vor faszinierend.

Es gibt einen Moment, der mich im Theater immer wieder besonders berührt, erwischt. Wenn ich Spieler:innen beobachte, die in der Maske sitzen. Wenn ich in diesem Moment heimlich Zeugin einer Transformation sein kann. Dieser Moment der Konzentration, in dem eine Person, die ich vermeintlich kenne, zu einer anderen wird, als würde sie heimlich woanders hingleiten, um sich dann in den Dienst einer höheren Macht zu stellen. Vielleicht ist das nur Adrenalin. Aber ich hege die größte Hochachtung für diesen schrecklichen und zugleich beeindruckenden Beruf. Schauspieler:innen sind, vielleicht vergleichbar zu ehemals Priester:innen, in der Lage, sich stellvertretend ins Zentrum der Gemeinschaft zu begeben – eine Handlung auf die Probe zu stellen – und wir dürfen daran im Stillen, im Dunkeln teilhaben, in der großen Gruppe im Rhythmus ihres Atems etwas erleben. Denn das tun sie für uns. Sie durchbrechen die Grenzen, sie geben sich preis, verausgaben sich für uns, verlassen ihren Schutzraum, überwinden die Scham. All das, was wir Menschen seit unserer Kindheit verlernt, uns abtrainiert haben oder uns systematisch abtrainiert worden ist, all diese Grenzen halten sie offen. Sie bewahren sich die Bereitschaft, ihre Durchlässigkeit zur Verfügung zu stellen, auf dass wir sie beschauen, erfahren, an ihren Geschichten partizipieren und dadurch erschüttert, verführt, im besten Fall verändert als Menschen Mensch bleiben zu können.

Die Möglichkeiten des Theaters

Bietet das Theater also die Möglichkeit, gegen die Verkrustung unserer Gesellschaft anzugehen? Das Theater lässt uns fühlen und denken in Anwesenheit anderer. Und das ist anstrengend. Wir müssen uns ins Theater bewegen, oftmals viel Geld bezahlen. Und nicht nur das: Oft ist diese Institution Theater abschreckend für andere, die es nicht, wie ich, seit ihrer Kindheit gewohnt sind, ins Theater zu gehen. Vielleicht haben sie als Schüler:innen unfreiwillig einer Theatervorstellung beiwohnen müssen, vielleicht waren sie noch nie da. Das Theater ist immer noch eine soziale Hürde als Institution und ich glaube, dass es vielen das Gefühl vermittelt, nicht gemeint zu sein. Und dabei wünsche ich mir als Künstlerin die größtmögliche Diversität im Theater. Dieser Ort der Zusammenkunft, einer von sehr wenigen, die unsere Gesellschaft noch hat, muss ein Ort des Austausches für alle sein, einer, der alle meint, an dem wir einander in unserer Verletzlichkeit begegnen, sie zur Darstellung bringen auf der Bühne und versuchen, sie auszuhalten ohne Absolution zu erhalten. Was ist der Mensch – diesen Begriff können wir dort bewegen, betrachten.

In einer Zeit zunehmender Polarisierung unserer Gesellschaft, in der Demokratien erodieren, Populismen und Fundamentalismen stärker werden, einer Verrohung und Radikalisierung der politischen Sprache und Diskurse, in Zeiten von Inflation und Isolation werden wir die drängenden Probleme unserer Zeit nicht lösen, indem wir uns immer mehr einkapseln. Weil im Moment vieles auseinanderfällt, was wir gerade noch für selbstverständlich gehalten haben, haben wir vielleicht auch gute Chancen, uns zivilgesellschaftlich weiterzuentwickeln.

Solidarität muss neu definiert werden. Wenn wir uns nur um uns selber drehen, gehen wir vor die Hunde. Das betrifft alle großen Fragen unserer Zeit, allen voran den Klimawandel. Also glaube ich zutiefst an das Miteinander-Sprechen. Und ich glaube, Theater kann Anlass für so ein Sprechen sein.

Begegnungen

Besonders eindrücklich waren für mich Publikumsgespräche, die wir nach meiner Inszenierung „Finsternis“ am Residenztheater München geführt haben. Es war eine in der Pandemie entstandene einstündige Zoom-Theater-Inszenierung auf der Grundlage von Davide Enias Roman „Schiffbruch vor Lampedusa“. Wir baten schon vor Beginn des Stückes, das ich speziell für dieses Format inszeniert habe, die Zuschauenden, ihre Kamera und ihr Mikrofon eingeschaltet zu lassen. Auf diese Weise begegneten sich die begrenzte Anzahl an Leuten sozusagen in ihren Wohnzimmern, ließen diese anderen Fremden hinein zu sich in ihren Privatraum, manche schick gemacht, als gingen sie wie sonst ins Theater, andere in Jogginghose auf ihrer Couch. Dann folgte eine knappe Stunde mit Robert Dölle in seiner (nicht ganz echten) Küche, am Küchentisch sein Bericht über Anlandungen in Lampedusa. Das Beeindruckende an dieser Arbeit war für mich nicht nur die trotz Bildschirm entstehende Nähe zwischen den Zuschauenden untereinander und dem Schauspieler gegenüber, ihre Betroffenheit, ihre Nacktheit im Angesicht des Schreckens. Besonders stark war, dass keines dieser Publikumsgespräche kürzer als eine Stunde dauerte. Die Menschen wollten sprechen. Vom soeben Erlebten berührt zu einem Beschreiben zu finden, um Fragen zu stellen, aber auch laut darüber nachzudenken, was zu tun sei. Und das geschützt im Rahmen einer Gemeinschaft. Insofern kann Theater vielleicht Impulsgeber sein, Bereitschaft zum Denken zu entwickeln, immer wieder von Neuem, auch wenn das anstrengend ist. Um in einen Dialog einzutreten, der nicht daraus besteht, das Gespräch gewinnen zu wollen. Nicht via Kommentaren und Hasstiraden in den sozialen Medien, geschossen aus der Komfortzone der eigenen vier Wände, sondern tatsächlich im Gespräch. Den Schmerz auszuhalten, sich vielleicht geirrt zu haben oder etwas Neues zu lernen.

Nun fangen wir nach zwei Jahren Pandemie wieder an, „normal“ Theater zu machen. Einiges hat sich verändert, vieles auch nicht. Nur allzu schnell bewegen wir uns wieder in einem Hinterherhechten nach Zeitplänen, Abgaben, knappen Produktions­zeiten, Druck herrscht vonseiten der Politik, angstvoll wird auf Auslastungszahlen geschielt. Viele hatten Zeit, durch das von ­außen auferlegte Pausieren über Hierarchien und Machtmissbrauch, Arbeitsbedingungen, Selbstbestimmung und vieles mehr zu reflektieren. Das ist gut. Aber wie machen wir nun all das besser, anders? Das Theatersystem ist ein verkrustetes Tier und schnell wird man durch die auferlegte Schnelligkeit und die täglichen Notwendigkeiten korrumpiert.

Als ich als Anfängerin zum ersten Mal Hausregisseurin an einem Theater wurde, damals am Nationaltheater Weimar, ging ich mit einigen Spieler:innen in eine fremde Stadt. Für uns gab es da nichts, nur uns und das Theater. Und unser Theatermachen war für uns ein Banden-Bilden, ein Sich-Weiterbilden-Dürfen. Ein Diskutieren mit unserem Publikum. Ich möchte versuchen, mir dieses Gefühl des Banden-Bildens auch in der manchmal behäbigen Institution Stadt-/Staatstheater immer wieder zurückzuerobern. Gerade auch, weil dort durch ein relativ angstfreies ökonomisches Dasein (der Spagat mit einem Familienleben bleibt natürlich trotzdem und da hinkt mein Vergleich) mehr Platz im Denken bleibt, Raum, um Ohren, Nasen, Haut offen zu bewahren, der Welt entgegenzuhalten und nicht den Kontakt zu verlieren zu den Städten, den Menschen, die in ihr leben. Denn nur für sie machen wir das. Ich versuche, weiter schutzlos und kampfeslustig zu bleiben. Vielleicht immer wieder die Frage zu stellen, mit wem will ich, soll ich, muss ich arbeiten. Künstlerische Prozesse sind nie austauschbar. Aus den Institutionen heraustreten, Kontakt aufnehmen, sprechen sprechen sprechen. Weiter Hürden abbauen. Alles tun gegen die Isolation. Gegen die Verkrustung. O Gott, ist das anstrengend.

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