Theater der Zeit

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Auftritt

Schauspielhaus Bochum: Töten oder Ertragen?

„Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten“ (DSE) von Tiago Rodrigues, aus dem Portugiesischen von Niki Graça – Regie Mateja Koležnik, Bühne Raimund Orfeo Voigt, Mitarbeit Bühne Isabela Volcu, Kostüm Ana Savić-Gecan, Choreografie Magdalena Reiter, Video Philipp Haupt, Komposition Alen Sinkauz, Nenad Sinkau

von Stefan Keim

Assoziationen: Theaterkritiken Debatte Nordrhein-Westfalen Tiago Rodrigues Mateja Koležnik Schauspielhaus Bochum

Ein Theaterabend, der aufregt, weil er trifft: „Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten“ in der Regie von Mateja Koležnik am Schauspielhaus Bochum. Foto Armin Smailovic
Ein Theaterabend, der aufregt, weil er trifft: „Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten“ in der Regie von Mateja Koležnik am Schauspielhaus BochumFoto: Armin Smailovic

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Tumult im Theater. Am Ende des Stücks „Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten“ hält der bis dahin stumme Faschist eine Rede. Rhetorisch geschickt führt er einen Appell an den „gesunden Menschenverstand“, wie ihn auch Friedrich Merz halten könnte, in immer deutlichere Aussagen gegen Homosexualität, Feminismus und vermeintlich Fremde. Er benutzt Klischees und Vorurteile, vermengt falsche Informationen und reale Fakten. 15 Minuten lang spricht er ohne Unterbrechung direkt ins Publikum. Erst kommen Zwischenrufe wie „Halt´s Maul“ und „Hau ab!“. Manche Zuschauer*innen entgegnen, das sei doch Theater, man solle den Mann ausreden lassen. Dann eskaliert die Lage. Männer rennen auf die Bühne und versuchen, den Schauspieler hinter die Kulissen zu zerren. Kollegen verteidigen ihn, eine Frau wirft etwas auf die Bühne. Manche zücken die Handys und filmen die Szene. Später, beim Schlussapplaus, bittet die Dramaturgin Angela Obst darum, diese Aufnahmen zu löschen und auf keinen Fall zu veröffentlichen. Da sind einige der Handybenutzenden schon längst aus dem Saal gestürmt. Es ist was los im Bochumer Schauspielhaus.

Natürlich geht es nicht darum, faschistischem Gedankengut kritiklos eine Bühne zu bieten. Autor Tiago Rodrigues stellt das Publikum vor ein Dilemma und denkt es konsequent zu Ende. Ähnliche Reaktionen gab es schon bei Festivalaufführungen des 2020 uraufgeführten Stücks, es ist darauf angelegt. Allerdings überrascht, dass das Bochumer Schauspielhaus anscheinend nicht darauf vorbereitet war, dass bei der Deutschsprachigen Erstaufführung Ähnliches passieren könnte.

Dass dieses Stück aufwühlt, ist seine Qualität. Tiago Rodriguez erzählt zunächst ein Gleichnis, das eine historische Grundlage hat. Am 19. Mai 1954 wurde in Portugal die Erntehelferin Catarina Eufémia erschossen, weil sie einen angemessenen Lohn verlangte.  Sie ist heute eine mythische Figur für die antifaschistische Bewegung, damals war der Langzeitdiktator António Salazar an der Macht. Historisch ist übrigens umstritten, ob er als Faschist richtig klassifiziert ist. Salazar hat die Achsenmächte im Zweiten Weltkrieg nicht unterstützt, auch Antisemitismus gehört nicht zu seinen Sünden. Er führte ein autoritäres, gewalttätiges Unterdrückungsregime.

Nun zur erfundenen Geschichte: Rodriguez erzählt von einer Familie, deren Urgroßmutter ihren Mann erschossen hat. Der war Soldat und hat nicht eingegriffen, als Catarina ermordet wurde. Damit begründete die konsequente Frau eine Familientradition: Jedes Jahr entführt die Familie, die nur Vornamen hat und in der sich alle außerdem mit Catarina ansprechen, einen Faschisten. Oder jemanden, den sie dafür halten. Es gibt ein Festessen – Schweinefüße nach traditionellem Rezept –, danach wird die Geisel getötet. Das sei wie Musik, sagt einer aus der Familie, die Schönheit der Tat liege darin, ganz bei sich zu sein. Doch die junge Generation macht nicht mehr mit. Die eine Tochter lebt vegan und hat keine Lust auf Schweinefüße. Die andere lässt sich nicht davon überzeugen, einen Menschen umzubringen. Es wird debattiert und gestritten, ganz in der Tradition des psychologischen französischen Feinschlifftheaters. Tiago Rodriguez leitet seit 2023 das Festival d’Avignon.

Die zweite literarische Bezugsgröße wird mehrmals im Stück zitiert, es ist Bertolt Brecht. Sein Gedicht „An die Nachgeborenen“ kommt in den Sinn: „Auch der Hass gegen die Niedrigkeit / Verzerrt die Züge. / Auch der Zorn über das Unrecht macht die Stimme heiser. Ach, wir / Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit / Konnten selber nicht freundlich sein.“ Rodriguez stellt die Frage: Erfordert ein effektiver Widerstand die Bereitschaft zum Töten? Und er lässt das Publikum nach dem Austausch der Argumente nicht aus den Klauen. Als die junge Sara (Carla Richardsen) sich gegen die Tötung entscheidet, fallen Schüsse. Die Familie ist danach weg, die Geisel namens Romeu übernimmt das Wort und hält die oben erwähnte Rede. Am Ende sagt er: „Wir sind die Realität. Wir sind die Zukunft.“ Und das Licht geht aus.

Mateja Koležnik inszeniert das Stück in einem ähnlichen Stil wie sie in Bochum auch Maxim Gorkis „Kinder der Sonne“ auf die Bühne und zum Berliner Theatertreffen gebracht hat. Präzise, feinfühlig, realistisch, mit leichter Überhöhung. Das Ensemble, zu dem als Gast – ohne je ein Gaststar zu sein – auch der film- und fernsehbekannte Rainer Bock gehört, spielt überwältigend und spannungsgeladen. Alle sprechen in Mikroports, was leise Töne ermöglicht, aber auch zu einer klanglichen Distanzierung führt. Die wird durch einen dauerpräsenten, untergründigen Soundtrack noch verstärkt, ebenso durch das Bühnenbild, ein durchsichtiges Hausgerüst, ständig in Bewegung, oft drehend, manchmal werden die Elemente durch sichtbare Bühnentechniker aufgeklappt.

All das hat ästhetischen Reiz, ist aber eigentlich überflüssig. Bei diesem Stück kommt es auf das Wort an, die Argumente, die Direktheit. Vielleicht wäre es sogar besser, all die Ausstattung und die Töne wegzulassen und das Ensemble ohne jeden Filter vor das Publikum zu stellen. Weniger Kunst, mehr Inhalt. Dann würde der Faschist am Ende zwar immer noch als einziger die vierte Wand durchbrechen, aber er hätte nicht den Vorteil einer im Vergleich zu den anderen übergroßen Präsenz. Der Schauspieler Ole Lagerpusch gestaltet den Monolog mit offenem Gesicht, leise, eindringlich, argumentativ. Vielleicht löst er gerade deshalb besonders heftige Aggressionen aus. Und der Tumult bricht los.

Was ist nun passiert in diesen wilden zehn Minuten? Auf jeden Fall bringen sie eine zentrale Debatte auf den Punkt. Gelten die Regeln der Demokratie auch für diejenigen, die die Demokratie zerstören wollen? Ist es gerechtfertigt, Faschisten den Mund zu verbieten? Oder sind diejenigen, die schreien, stören und sogar die Bühne entern, selbst Faschisten, die neben ihrer eigenen Meinung keine andere gelten lassen? Wären sie bereit, noch weiterzugehen, also zu töten? Ist Michelle Obamas Satz „If they go low, you go high“ bloß Blödsinn einer verweichlichten Multimillionärin? Ich wusste nach der Premiere nicht mehr, vor wem ich mehr Abstand wahren will. Vor dem rhetorisch gewieften Faschisten oder den geifernden und schließlich „Alerta, Alerta, Antifascista!“ brüllenden Menschen im Publikum. Nebenbei offenbaren diese klassischen Kampfrufe, dass es auch unter den Altrevoluzzern eine Art Bildungsbürgertum gibt.

Auf jeden Fall erregt dieser Theaterabend, weil er trifft. Das ist großartig. Er zeigt auch, wie zerrissen unsere Gesellschaft ist, wie niedrig die Fähigkeit, provokante Meinungen auszuhalten. Das ist beängstigend. Aber keine Kritik an Stück und Aufführung, im Gegenteil. Diese Inszenierung lässt niemanden kalt.

Erschienen am 16.2.2026

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