Theater der Zeit

Gespräch

Was macht das Theater, Heike Faude und Walter Bart?

von Walter Bart, Michael Bartsch und Heike Faude

Erschienen in: Theater der Zeit: Elektro-Theater – Der virtuelle Raum (04/2021)

Assoziationen: Akteure Dossier: Was macht das Theater...? Wunderbaum Theaterhaus Jena

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Heike Faude, Walter Bart, zuerst die gute Nachricht: Die akute Gefahr einer Finanzierungskrise scheint abgewendet!

Heike Faude: Ja, glücklicherweise ist das Haushaltskonsolidierungskonzept im Stadtrat gekippt worden. Es gab keine politische Mehrheit für Kürzungen in dieser Dimension.

Atmet das Theaterhaus jetzt auf?

Faude: Na ja, für 2021 war ursprünglich eine Zuschusserhöhung geplant, die Lohnsteigerungen über vier Jahre ermöglicht hätte. Die ist nun eingefroren worden. Wir haben uns mit dem Eigenbetrieb JenaKultur verständigt, dass wir auf dem Finanzierungsniveau von 2020 weiterarbeiten.

Mit welchem Budget können Sie also rechnen?

Faude: Unser Etat beträgt etwa zweieinhalb Millionen Euro. Die Stadt Jena schießt davon etwas über eine Million zu, das Land Thüringen die gleiche Summe.

In vielen Kommunen versucht die AfD, die „Gunst“ knapper Kassen zu nutzen und gegen lästige „linksextreme“ Vereine und Institutionen zu schießen. Sie spielt dabei Kultur gegen Wirtschaft und Soziales aus. Auch in Jena?

Faude: Ja, es gab einen Antrag der AfD im Stadtrat, unserem Theaterhaus komplett den Zuschuss zu streichen. Sie begründete das Ansinnen damit, dass wir keine überregionale Präsenz aufzuweisen hätten. Außerdem gebe es ja unweit auch noch die Bühnen in Weimar und Gera. Der Antrag ist nie durch den Stadtrat bearbeitet worden, weil auch das Haushaltssicherungskonzept nicht weiter verfolgt wurde. Wir haben den Kulturkampf nicht hochgekocht und uns ruhig verhalten. Vielleicht kommt aber aus dieser Richtung noch etwas.

Walter Bart: Ich finde die AfD-Begründung geradezu lustig. Alle unsere Stücke werden auch in Holland gespielt! Das wirkt peinlich und zeigt, dass die echt keine Ahnung ­haben.

Immerhin hat ein heterogenes Bündnis einen gemeinsamen Erfolg gegen die Haushaltspläne erzielt.

Faude: Man könnte von einer wilden Mischung von vielen Leuten sprechen, mit wilden Meinungen darüber, wie die Ziele des Bündnisses umzusetzen wären. Einige Aktivisten haben eigenmächtig Aktionen durchgezogen. Es geht nicht, anderen in den Vorgarten zu steigen.

Sie meinen die Kundgebung und die spektakuläre Briefkästen-Flugblattaktion im Landgrafenviertel? Die hier vermuteten Millionäre wurden aufgefordert, „durch einmalige Zahlungen die prognostizierten Einnahme­ausfälle zu kompensieren“. Also eine Umverteilungsaktion mittels freiwilliger kommunaler Vermögensabgabe.

Bart: Für uns war das natürlich die Grenze, denn da wohnt auch unser ­Publikum. Wir wollen ein Theater für die ganze Stadt sein und nicht nur für bestimmte Postleitzahlen. Im Theater sollen sich unterschiedliche Leute treffen, sich auseinandersetzen und nachdenken, gern auch über Kapitalumverteilungen. Seit der Briefkästen-Aktion stimmte das Bündnis für uns nicht mehr, wir haben es, wie einige andere auch, verlassen. Das ist nicht die Freiheit, die wir meinen.

Droht eigentlich auch in Jena eine Rangelei an den weniger gefüllten Fördertöpfen, der sprichwörtliche Kulturkannibalismus?

Bart: Nicht nur, weil wir das einzige Theater der Stadt sind, befürchten wir den nicht. JenaKultur arbeitet gut, wir haben eine breite soziokulturelle ­Szene in einer sehr lebendigen Stadt und ein junges Publikum. Die Gefahr für die Freien ist natürlich größer.

Und momentan scharrt man hinter geschlossenen Türen sozusagen mit den Hufen?

Faude: Wir hatten viel Geduld, und auch wir möchten endlich wieder spielen. Mit dem gleichen Betrag wie im Vorjahr kommen wir auch gut hin, weil wir 2020 geringere Produktionskosten ­ hatten. Auch Gäste wollen wir einladen und selbst an anderen Orten spielen.

Bart: Noch ist unklar, ob wir vielleicht ab Mai mit ein oder zwei Spielstätten öffnen können. Es ist eine Lawine an Stücken da, wir haben weiter produziert. Zum Beispiel Kneipengeschichten aus dem alten DDR-Lokal Zur Wartburg. Ob wir am 9. April tatsächlich eine Vorpremiere von „Clowns“ in den Niederlanden haben, steht dahin. Auf jeden Fall wollen wir im hoffentlich virenarmen Juli unser Kultur­arena-Sommertheater anbieten. //

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