Formstrenger SakraltanzHändels »Saul« als Tanzadaption in Rostock
Aus NZ, 18.7.1991
von Volkmar Draeger
Erschienen in: Die andere Seite – Tanz in der DDR von 1975 bis 1997 (04/2026)
Zu einer ungewöhnlichen Aufführung lud das Tanztheater des Rostocker Volkstheaters in die backsteingotische Universitätskirche: eine Tanzadaption von Händels 1739 in London uraufgeführtem Oratorium »Saul«.
Dass Ballettchef Manfred Schnelle, Schüler von Marianne Vogelsang, seit Jahrzehnten selbst Soloprogramme in Kirchen gestaltet, kommt ihm als Erfahrungsquelle zugute. Denn die packende Geschichte um Saul, Israels ersten König, und David, seinen Günstling, Widersacher und Nachfolger, erweist sich als geeignet für eine tänzerische Kommentierung, zumal im Verein mit Händels musikdramatischer Ausformung. Weder um Theater noch um Heilsbebilderung im Stile Oberammergaus kann es hierbei gehen.
Schnelle hat sich um eine Deutung bemüht, die die Bewegung neben dem Wort und dem Ton bestehen läßt. Dazu musste er das dreistündige Oratorium um etwa ein Drittel auf sein dramatisches Konzentrat kürzen. Der szenischen Anschaulichkeit wegen personifizierte er Sauls Seele durch eine Tänzerin; der Kampf beider Gestalten steht als Metapher für das Ringen des von Depression und zornigem Neid geplagten Königs mit seiner inneren Stimme. Holzgeschnitzter Altar, goldenes Tabernakel und Chorgestühl markieren die Spielfläche der 14 Interpreten. In Soli, Duetten, Gruppenbildern, orientiert an der musikalischen Struktur, forscht der Choreograph den Figuren und deren Beziehungen nach. Die freie, am Ausdruckstanz geschulte Bewegung bildet den Baustein, aus dem er seine Sprache formt,...
.jpeg&w=3840&q=75)















