Theater der Zeit

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Auftritt

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen: Und draußen geht die Welt unter

„Fußnoten aus dem späten 21. Jahrhundert“ von Svealena Kuschtke – Inszenierung Pablo Lawall, Bühne und Kostüme Lex Hymer, Puppenbau Ulrike Langenbein

von Sarah Heppekausen

Assoziationen: Theaterkritiken Nordrhein-Westfalen Puppen-, Figuren- & Objekttheater Musiktheater im Revier

„Fußnoten aus dem späten 21. Jahrhundert“ von Svealena Kuschtke,  Inszenierung Pablo Lawall, Bühne und Kostüme Lex Hymer, Puppenbau Ulrike Langenbein am Musiktheater im Revier. Foto Sascha Kreklau
„Fußnoten aus dem späten 21. Jahrhundert“ von Svealena Kuschtke, Inszenierung Pablo Lawall, Bühne und Kostüme Lex Hymer, Puppenbau Ulrike Langenbein am Musiktheater im RevierFoto: Sascha Kreklau

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Draußen rauscht der Wind, da tobt das Wetter. Auf der Rückwand der Bühne im Kleinen Haus des Gelsenkirchener Musiktheater im Revier wabert eine Bildprojektion in Grau-Grün. Da brodelt es, da braut sich etwas zusammen. Es ist das Fenster zur Außenwelt, das nichts Gutes verheißt. Drinnen aber herrscht Ordnung. Auf der fast leeren Bühne tippen und tratschen kuriose Gestalten. Angestellte einer Institution, die Grubers und Webers eines Großraumbüros. Hier sind es Karikaturen mit strengen Ponyfrisuren, Puffärmeln an der Bluse und Lackschuhen an den Füßen (Bühne und Kostüme: Lex Hymer). Lauter Extreme aus einer nahen Zukunft, die uns da präsentiert werden.

Autorin Svealena Kutschke schreibt ihre »Fußnoten aus dem späten 21. Jahrhundert« als Vorausschau in eine gar nicht so weit entfernte Zeit, in der Bienen und Eulen längst ausgestorben sind, der Klimawandel als Katastrophe draußen vor dem Fenster Salatköpfe, Konserven und Gartenstühle herumwirbeln lässt und sich die Demokratie längst zum autokratischen Repressionsstaat entwickelt hat. So skurril wie feinsinnig sind ihre Gesellschaftsbetrachtungen.

Weil neue Dramatik »mit Form und Sprache experimentiert und dadurch immer neue Weisen schafft, unser Miteinander und In-der-Welt-Sein zu denken«, sieht Christofer Schmidt beste Voraussetzungen, um zeitgenössische Stücke und Figurentheater zu kombinieren, wie der Künstlerische Leiter der Szene-Institution Fidena im vergangenen Jahr beim Heidelberger Stückemarkt erklärte. Eben dort wurde Kutschkes Stück mit dem ersten Fidena Stückepreis ausgezeichnet. Verbunden ist die Auszeichnung mit einem Preisgeld von 5.000 Euro und einer Ur- oder Zweitaufführung der Puppenspielsparte des Gelsenkirchener Musiktheater im Revier. Unter der Regie von Pablo Lawall wurde der Gewinnertext eben dort jetzt uraufgeführt.

Und ja, Autorin Svealena Kutschke experimentiert – sie verwirrt, um Gegenwart greifbar zu machen, und lässt uns auch in dieser Verwirrung. Zum Figurenpersonal gehören neben den Büromitarbeitenden ein »Paranormales Phänomen« und eine Regiestimme. Und was die zu sagen hat, ist wichtig. Als eine Art Seismograph der Stimmung im Büro und in der Welt führt sie uns mal poetisch, mal lustig, mal kühl analysierend den Ist-Zustand vor Augen: »Es ist ein neuer Morgen im Maschinenraum der Auto-äh-Demokratie, im Kraftraum des Nationalstaats, im Moskitoschwarm der Verwaltung«, sagt sie. Oder: »Du hast dich daran gewöhnt, dass die Sonne nicht zu sehen ist.« Das ist harter Tobak im rauschenden Fluss des Nebenbei-Erzählens.

In Gelsenkirchen ist diese Stimme mal als Chor und mal als Puppe besetzt. Die sitzt in einem kleinen U-Boot, aus dem sie das Wetter und die Lage beobachten kann. Ihr Outfit: Typ Vorstandsvorsitzende mit grauer Haarsträhne, Bluse und reichlich Schmuck. Gespielt wird sie abwechselnd von den Darsteller:innen (Gloria Iberl-Thieme, Daniel Jeroma, Moritz Ilmer und Luisa Krause). Dann gibt es die Regiestimme aber auch im Nachrichten-Format, bei dem die Tagesschausprecher-Puppe mit ernster Miene an der Absurdität der Sprache verzweifelt und eine kleinere Puppe im Regenmantel vom Wetter weggeweht wird. Das sind kurze, witzige Einsprengsel, die das Prinzip Verwirrung allerdings noch verstärken. Und auch »Deutschland«, die Büro-Affäre, über die im Stücktext bloß gesprochen wird, bekommt ihren Auftritt als Puppe: ein schlacksiger Todesengel mit glitzernden Sternenaugen und dürren Fingern. Die Zukunft des Landes sieht schwarz aus.

So spielt die Regie mit Anspielungen und Ausdeutungen, die der feinen Sprache des Textes visuelle Reize hinzugeben, ihr manchmal aber auch die Luft nehmen. Im Büro denunzieren sich derweil die Angestellten gegenseitig. Daniel Jeroma als flackerndes »Paranormales Phänomen« mit hoher Alien-Stirn bringt mit zittrig wackelnden Gummihänden die Büro- und Gruppenordnung durcheinander. Das bürokratische Prinzip Meldung zu machen, provoziert Handlungen zwischen pflichtbewusster Dienstausführung und moralischer Reflexion. Jede*r könnte der oder die nächste sein.

Und draußen? Da sind nicht nur die Grenzen geschlossen und militärisch abgesichert. Da watscheln auch die letzten Kaiserpinguine und die Welt geht unter.

Erschienen am 19.2.2026

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