Theater der Zeit

Ein Stadtspaziergang

von För Künkel und Mirjam Hildbrand

Erschienen in: Zirkuskunst in Berlin um 1900 – Einblicke in eine vergessene Praxis (02/2025)

Blick von der Kaiser-Wilhelm- Brücke (heute Liebknechtbrücke) spreeabwärts auf das Gebäude von Circus Busch hinter der Friedrichsbrücke (1931). Landesarchiv Berlin, F Rep. 290 (09),  Allgemeine Fotosammlung der Landesbildstelle Berlin: 0284462. Spree
Blick von der Kaiser-Wilhelm- Brücke (heute Liebknechtbrücke) spreeabwärts auf das Gebäude von Circus Busch hinter der Friedrichsbrücke (1931). Landesarchiv Berlin, F Rep. 290 (09), Allgemeine Fotosammlung der Landesbildstelle Berlin: 0284462. SpreeFoto: Ernst Zahn, 1931

Dieses Buch beginnt mit einem Stadtspaziergang im April 2018. Wir begeben uns mit einer Stadtführerin auf eine Tour zu den nicht mehr bestehenden Zirkusgebäuden im Berliner Stadtzentrum. Startpunkt: Brandenburger Tor und dann spreeaufwärts bis zum Hackeschen Markt. Vom ersten, 1821 erbauten festen Zirkusgebäude bis zum letzten und jüngsten, das 1895 eröffnet wurde und ähnlich wie der sogenannte Markthallenzirkus auf der Höhe des Bahnhofs Friedrichstraße über rund 4500 Plätze verfügte. An die pompösen Spielstätten erinnert heute nur noch der Name der kurzen Straße „Am Zirkus“ zwischen Friedrichstraße und Berliner Ensemble – ansonsten ist in Berlin keine Spur mehr von ihnen im Stadtraum zu entdecken. Wer durch Hamburg spaziert hat etwas mehr Glück: Im Stadtteil St. Pauli steht noch das stählerne Skelett der Schilleroper, um 1890 erbaut für die Berliner Zirkusgesellschaft Circus Busch.

Die von der Stadtführerin mitgebrachten Zeichnungen, Sitzpläne und Fotografien der Berliner Zirkusgebäude – ausgedruckt auf DIN-A4-Papier – halten wir gegen den Horizont, um uns die Spielstätten an ihren jeweiligen Standorten auszumalen. Manchmal hilft dabei noch ein kurzes Zitat aus einem Bericht einer damaligen Zeitung. Doch wie sahen die Gebäude in ihrem Inneren aus, wie wurden die Gebäude beleuchtet und beheizt, was wurde dem Publikum auf ihren Spielflächen präsentiert und wer waren die Künstler:innen, die dort auftraten?

Aus diesem ersten Stadtspaziergang im April 2018 resultieren nicht nur viele Fragen, sondern auch die Erkenntnis, dass noch irgendwo Informationen über diese Spielstätten zu finden sein müssen. Und auf diesen ersten Stadtspaziergang folgt eine bis heute andauernde Begeisterung sowie eine mehrjährige Recherche, die uns in diverse Archive, Bibliotheken und zu verschiedenen Menschen führte. Auch sollte dieser Zirkus-Stadtspaziergang nur einer von vielen weiteren, forschenden Spaziergängen sein. Neben dem Berliner Stadtzentrum folgen Spaziergänge und Recherchen in der polnischen Stadt Wrocław (das einstige Breslau), wo die großen Berliner Zirkusgesellschaften um 1900 ebenfalls eine feste Spielstätte besaßen oder in Berlin-Neukölln, dem Heimathafen vieler Artist:innen um 1900.

Denken wir heute an Zirkus, so tauchen in unseren Köpfen gemeinhin Bilder von Akrobatik-, Zauber-, Clownerie- oder Tierdressurnummern in der Manege eines Zirkuszelts auf. Wir können beim Gedanken an Zirkus vielleicht fast schon den Duft nach Popcorn und Sägemehl riechen und im Ohr haben wir möglicherweise einen Marsch von der Zirkuskapelle. Historische Quellen zeichnen jedoch ein überraschend anderes Bild der Zirkuskunst um 1900. In der theatergeschichtlichen Literatur der akademischen Forschung stellt der Zirkus mit seinen Spielstätten, Aufführungspraktiken und seinen Künstler:innen jedoch einen blinden Fleck dar – obwohl er für das damalige Bühnengeschehen, aber auch für das kulturelle Leben insgesamt von großer Bedeutung war. Aufschlussreicher sind heimatkundliche und zirkushistoriografische Publikationen von Vereinen, Chronist:innen und Expert:innen oder Kataloge längst vergangener Ausstellungen, die in städtischen Bibliotheken und Museen, in privaten Archiven oder in Antiquariaten zu finden sind. Und unerlässlich sind natürlich die historischen Quellen selbst, die – und das mag überraschen – zahlreich vorhanden sind. Jedoch haben sie bislang nur in Einzelfällen Eingang in systematisch geführte Sammlungen gefunden. So sind bei der Recherche eigentlich dienliche Findbücher oder Kataloge oftmals nicht vorhanden und die Möglichkeit einer genauen Stichwort- oder gar Volltextsuche bleibt meist Wunschvorstellung der Forscher:innen, sodass relevante Materialen häufig über Umwege ermittelt werden müssen. Der Forschungsgegenstand erfordert also detektivisches Gespür und manche Lücken und Ungereimtheiten bleiben auch nach mehrjähriger Recherche und verschiedensten Suchvorgängen bestehen. So verweist das für den Buchdeckel gewählte Bild – ein Plan der preußischen Katasterverwaltung vom Gelände des Circus Busch aus dem Jahr 1928 – nicht nur auf die Einblicke ins Innere der runden Zirkusgebäude, die wir mit diesem Buch gewähren möchten. Sondern für uns steht diese Leerfläche auch sinnbildlich für die weiterhin bestehenden Leerstellen, etwa die (bisherige) Unauffindbarkeit der ursprünglichen Baupläne des jüngsten Berliner Zirkusgebäudes, das 1895 an der Stelle des heutigen James-Simon-Parks beim Hackeschen Markt errichtet wurde. Sind die Baupläne vielleicht im Ersten oder Zweiten Weltkrieg versehrt worden oder möglicherweise einem Schimmelpilz-Befall des Bauakten-Archivs Berlin-Mitte zum Opfer gefallen? Warum sind sie nicht im Landesarchiv Berlin oder zumindest als Kopie in der bedeutsamen Sammlung von Martin Schaaff über Circus Busch zu finden, die heute im Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchiv verwahrt wird? Die Fragen bleiben unbeantwortet – zumindest unsererseits und zum Zeitpunkt des Drucks dieses Buchs.

Fotografie von der gleichen Stelle aus heute (2024).Foto: För Künkel

Wir denken dieses Buch als Einladung. Als Einladung auf eine Spurensuche in der Zirkuswelt Berlins um 1900 anhand von Materialien aus Berliner Archiven und Bibliotheken zu den Orten des Geschehens, mitten im Stadtzentrum wie auch im heutigen Neukölln. Es ist eine Einladung mittels unterschiedlicher historischer Quellenmaterialien eine vergangene und vergessene sowie mit Vorurteilen und Klischees behaftete künstlerische Praxis zu entdecken. Es ist auch eine Einladung zum Verweilen mit diesen Materialien. Manche wollen genau studiert oder gelesen werden, um heute noch zu uns zu sprechen.

Wir versammeln in diesem Buch Fotografien, Auszüge aus Briefwechseln oder Memoiren, Patentschriften, Presseberichte, Bauzeichnungen, Textausschnitte und vieles mehr. Nach und nach bieten diese Quellen Einblicke in die Berliner Zirkusspielstätten, in die sich im Laufe der Zeit immer wieder verändernden räumlichen und technologischen Vorbedingungen der Aufführungen, in Aufführungspraktiken und Inszenierungen, in das Schaffen von Künstler:innen sowie beteiligter Gewerke, Ausstattungsfirmen und Tüftler:innen, in ihre Arbeitsprozesse und Erfindungen. Und vielleicht gelingt es diesem Buch, hier und da, unsere eigene Überraschung zu vermitteln und Unerwartetes und Unbekanntes zutage treten zu lassen – im Widerspruch sowie in Ergänzung zu den großen (theater)historischen Narrativen.

Im Fokus dieses Buchs stehen also unsere Fundstücke. Raum erhalten hier die historischen Materialien und Zitate, wir möchten sie für sich sprechen lassen. Gegenseitig kommentieren sie sich, eröffnen aber auch den Blick auf Leerstellen und auf Widersprüchlichkeiten. Hervorgeholt aus verschiedenen Gedächtnisinstitutionen, Kisten und Mappen, Akten der Berliner Theaterpolizei, diversen Speichergeräten, Büchern und Zeitungen und in diesem Buch versammelt, treten die Materialien miteinander in einen Dialog. Anhand dieser Quellen laden wir Sie, liebe Leser:innen, ein, den Dialog weiterzuspinnen und im längst Vergangenen hier und da auch ganz Zeitgenössisches oder Zukunftsweisendes zu entdecken.

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