Theater der Zeit

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Kolumne

Habitus-Passing

von Mateja Meded

Erschienen in: Theater der Zeit: Horror, das Unheimliche auf der Bühne (06/2026)

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Ich bin 38. Kein Expat. Migrantin, keine Postmigrantin. Mein Land hat mich verkauft. Als Kind habe ich mit meiner Familie Häuser und Büros geputzt. Auf dem Gymnasium kamen alle meine Mitschüler:innen aus der Mittelschicht. Obwohl sie meine Freund:innen waren, wussten sie nichts über meine Herkunft. Ich habe Alman-Safari gemacht, habe studiert, was ihre Themen sind, habe Britney Spears gegen 2pac getauscht, habe L’esprit gegen Adidas getauscht, habe Körnerkäsepausenbrote gegen Burek in Alufolie getauscht.

Ohne es zu merken, habe ich mich ausgetauscht, um nicht ausgeschlossen zu werden. Ich habe es geschafft dazuzugehören und fühlte mich dennoch einsam. Das Wesentliche konnte ich nicht teilen: die Armut, Gewalt, Unsicherheit, die Kreativität, aus nichts alles machen zu können, den Humor und die große Freiheit später, keine Angst zu haben, etwas zu verlieren, weil man sowieso nichts hat.

Als Jugendliche habe ich unterbewusst den deutschen Mittelschichtshabitus internalisiert und performt, um nicht anzuecken, nicht extra Platz einzunehmen, um niemanden zu zwingen, ihre Komfortzone zu verlassen und zu realisieren, dass der Wohlstand der deutschen Mittelschicht bis heute auf migrantischer Arbeit basiert. Deshalb stört die kopftuchtragende Putzfrau niemanden, im Gegensatz zur Professorin. Die gläsernen Decken in akademischen und kulturellen Institutionen sind für Frauen aus der Arbeiter:innenschicht real und wenn sie migrantisch sind, werden daraus Panzerglas-Ceilings.

„Nemoj. Njemci ne vole auslendere“, sagte meine Mutter zu mir, als ich meinte, ich gehe zum Theater. Und sie sagte, ich müsse doppelt so hart wie die Deutschen arbeiten. Mit beidem hatte sie Unrecht. Doppelt reicht nicht. Zehnmal so hart vielleicht. Aber egal, was ich erreiche: Die Theaterlandschaft ist nicht dafür gebaut, dass Frauen wie ich dort überleben, obwohl die Theater Ausländer:innen mögen. Manchmal importieren sie etablierte Theaterleute aus „exotischen“ Ländern und nennen das Diversität. Oft verwechseln sie Tokenism mit Vielfalt. Am meisten lieben sie jedoch diejenigen mit Migrationshintergrund, die die Kodizes, Themen und den Geschmack der deutschen Mittelschicht so perfekt internalisiert haben – im Habitus-Passing.

Der Affe in Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“ überlebt durch Anpassung. Er lernt die Sprache, die Gesten, den Habitus der Menschen, wird Teflon und profitiert davon, gleichzeitig erträgt er nicht den Anblick einer Äffin, die sich dagegen entscheidet. Ich habe mich gegen das Kafka-Affen-Karrieremodell im Theater entschieden. Wenn ich den Habitus einer Mittelschichtsfrau performen würde, hätte ich eine erfolgreichere Karriere und meine Arbeit und Arbeitssituation wäre eine konstante Mittelmäßigkeit, verwechselbar mit der herrschenden Theaterhomogenität, die durch das Double des Doubles entsteht.

Im Theater herrscht die Diktatur der Mittelschicht. Preise bekommen jene, die aus ihr kommen oder ihr Habitus-Passing perfekt beherrschen. Jurys. Intendant:innen. Dramaturg:innen. Kritik. Lektor:innen. Fast alle Mittelschicht. Sie entscheiden, wer gesehen wird, welche Geschichten erzählt werden dürfen und wie laut man sein darf, selbst dann, wenn einer Unrecht widerfährt. Der Schmerz, der Humor, das Wissen und das Handwerk von Künstlerinnen aus der Arbeiter: innenschicht werden abgewertet oder unsichtbar gemacht, besonders wenn sie feministisch-migrantisch sind, weil unsere Emotionen die herrschenden Strukturen im Kern angreifen, dadurch, dass sie Fehlund Missstände benennen, die man besonders gut enttarnen kann, wenn man außerhalb des gesellschaftlich normierten Kreises gehalten wurde und dann aber plötzlich Teil dessen wird. Durch Distanz werden Strukturen sichtbarer. Ich kenne die deutsche Mittelschicht besser, als sie sich selbst kennt, doch das passt denen nicht, da sie diejenigen sind, die die Normen und Meinungen setzen, über sich und über andere, und wenn das jemand bei ihnen macht, wird das als eindimensional gewertet, was für ihre Perspektive auch stimmt, aber nicht für meine. Als Migrantin aus der Arbeiter:innenschicht, die im Kulturbetrieb arbeitet, bin ich Weltenwandlerin. Mal stehe ich vor der Bundeskanzlerin, mal putze ich mit meiner Mutter ein Büro und wieder ein anderes Mal frage ich mich, wie ich mit Mittelschichtsfrauen, von denen ich abhängig bin, am besten umgehen soll, die sich von meiner Perspektive angegriffen fühlen.

Die treibende Kraft gesellschaftlicher Transformation war immer die Frau*, besonders jene aus der Arbeiter:innenschicht. Revolutionen wurden von ihnen begonnen und von Männern übernommen.

Feministische Künstler:innen aus der Arbeiter:innenschicht sind genau das, was wir heute brauchen, gegen Rechtsruck, Pseudoaktivismus und ästhetische Monotonie im Theater. Doch wir werden nicht gefördert, nicht geschützt, nicht gehalten. Schon gar nicht, wenn wir älter werden und migrantisch sind.

Wir gelten als unbequem, dabei sind wir die Avantgarde. Die Mittelschicht hat Angst vor empowerten und feministischen Working- Class-Künstler:innen, die sich gegen Habitus-Passing entschieden haben, weil wir die Norm aushebeln und Sachen benennen, wie z. B. die gähnende Mittelmäßigkeit dieser Mittelschicht im Theater.

Ich komme nicht ins Theater, um dazuzugehören, ich bin nicht mehr die Jugendliche von damals auf dem Pausenhof. Not my circus, not my monkeys. Ich komme, um zu rasieren und das Patriarchat zu kastrieren. Intellektuell und handwerklich. 

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