Theater der Zeit

Auftritt

Theater Basel: Die Haut zu Markte tragen

„Kim“ von und mit Nairi Hadodo – Textfassung Nairi Hadodo, Daniele Holtz, Bühne Tobias Stefan Maurer, Kostüme Nairi Hadodo

von Annette Hoffmann

Assoziationen: Theaterkritiken Schweiz Theater Basel

Nairi Hadodo in „Kim“ am Theater Basel. Foto Lucia Hunziker
Nairi Hadodo in „Kim“ am Theater BaselFoto: Lucia Hunziker

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Es ist Weltfrauentag. Am 08. März protestieren in Basel unangemeldet gut hundert Menschen ganz allgemein gegen das Patriarchat, im Besonderen halten sie Plakate hoch, auf denen „Free Palastine“ und „Stop pinkwashing genocide“ steht. Ob auch jemand an die Vergewaltigungsopfer und die Geiseln der Hamas erinnert? In unmittelbarer Nähe der Straßenkreuzung, auf der sich die Demonstranten und die Polizei gegenüberstehen, hat Nairi Hadodos Theaterabend „Kim“ auf der Kleinen Bühne Premiere. Kim ist Kim Kardashian, selbsternannte Geschäftsfrau, Model und Instagrampersönlichkeit. Die Frau eine einzige Selbstermächtigung. Manche halten sie für eine hart arbeitende Unternehmerin, für eine liebevolle Mutter von vier Kindern, für eine Vorzeigefeministin. Selbst wenn, wie es im Stück heißen wird, seit zehn Jahren weltweit junge Frauen zum Schönheitschirurgen gehen mit dem Wunsch „I wanna look like Kim Kardashian“. Für andere ist sie einfach Trash. Glaubt man, sie in einer Schublade versorgt zu haben, postet sie Fotos von sich anlässlich einer bestandenen Uni-Prüfung oder wie sie während eines Besuchs in Armenien auf den Genozid aufmerksam macht. Auch ihre Vorfahren kamen in den Jahren 1915/16 um, andere konnten in die USA fliehen. Das Theater ist eine gute Übung, es sich nicht ganz so behaglich einzurichten in seinen Meinungen und die Widersprüche und die etwas gespenstischen Doppelgänger unserer Gegenwart da draußen auszuhalten. Oder sollte man lieber unserer reality sagen?

Im Theater Basel fällt es von Beginn an schwer, an die Matriarchatsgeschichte der Kardashians zu glauben. Nairi Hadodo steht in Jogginghose und bauchfreiem Top auf der Bühne, links eine Treppe mit einem Podest, hinter der sich ein Hotelzimmer verbirgt, rechts eine Kleiderstange, über sich das Hologramm Robert Kardashians (Bühne Tobias Stefan Maurer). Es ist ein Geschenk des Ex-Mannes Kanye West zu Kims vierzigsten Geburtstag. Während das Bild immer mal wieder abrutscht, erzählt der Vater, wie stolz er auf seine Tochter sei und dass sie immer noch so wundervoll wie als kleines Mädchen sei (tatsächlich werden die Schwestern sich selbst von Jahr zu Jahr unähnlicher). Toll sei auch, dass sie mit West „the most most most most most genius man in the world“ geheiratet habe. Und doch ist es bemerkenswert. Die Kardashians, die immer schon Geld hatten, und ihre Männer – meist Schwarze Rapper und Sportler, die irgendwann bedeutungslos wurden und verschwanden. Kanye West ist hier eine Erinnerung an seine besseren Tage.

Für Nairi Hadodo, 1995 in Köln geboren und seit 2020 Ensemblemitglied am Theater Basel, ist dieses Stück wirklich eine Selbstermächtigung. Hadodo, die ebenfalls armenische Vorfahren hat, schrieb den Text zusammen mit Daniela Holtz und hat auch selbst Regie geführt. Ihre Kim ist eine übersexualisierte Anziehpuppe, die in die ikonischen Fähnchen und Ganzkörper-Suits steigt und in die Mäntel schlüpft, sie singt und posiert. Hadodo trägt diesen Abend mit körperbetontem Spiel zwischen Selbstaffirmation und dem verinnerlichten Blick der Gesellschaft auf weibliche Körper. Das Unbehagen an der eigenen Haut lässt sich nicht weg reden, der Realitystar leidet an Schuppenflechte. Eineinhalb Stunden sehen wir eine Kunstfigur, die ihren Teint tönt und ihr Haar zu Cornrows flicht, wenn es dem Bankkonto guttut.

In Basel kennt sich das Publikum aus und lacht an den richtigen Stellen. Auch dann noch, wenn die beiden Ankleidehelfer der Schauspielerin für jene stehen, die das Kardashian-Imperium am Laufen halten und wenn aus der It-Bag, die auf dem Bett thront, im nächsten Moment jene Tasche wird, auf der das blutverschmierte Messer von O. J. Simpson lag. Robert Kardashian, der ihn im Mordprozess verteidigte, sollte in den kommenden Jahren nicht mehr eine so dominante Rolle im Leben seiner Töchter spielen. Und überhaupt, sich selbst als Sexobjekt zu formen und inszenieren, feit einen nicht vor Gewalt und lässt einen nicht zur Herrin des Diskurses werden. Zunehmend macht Hadodo aus dieser Kim eine Meta-Kunstfigur, die die Widersprüche einer überwiegend weißen Gesellschaft verkörpert und ihre Ängste, von wohlstandverwahrlosten Cyborgs verdrängt zu werden.

Erschienen am 14.3.2024

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