Theater der Zeit

Auftritt

Theater Magdeburg: Polyphonie des Schmerzes

„Wunde Stadt“ von Kevin Rittberger (UA) – Regie Sebastian Nübling, Bühne Una Jankov, Sebastian Nübling, Kostüm Una Jankov, Musik und Sounddesign Jackie Poloni

von Lina Wölfel

Assoziationen: Theaterkritiken Sachsen-Anhalt Dossier: Uraufführungen Sebastian Nübling Kevin Rittberger Theater Magdeburg

Sebastian Nüblings „Wunde Stadt" von Kevin Rittberger am Theater Magdeburg: Während ein Chor der Versehrten nach Sprache ringt, wird das Theater zur Öffentlichkeit, die Ambivalenzen aushält.
Sebastian Nüblings „Wunde Stadt" von Kevin Rittberger am Theater Magdeburg: Während ein Chor der Versehrten nach Sprache ringt, wird das Theater zur Öffentlichkeit, die Ambivalenzen aushält.Foto: Kerstin Schomburg

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Was hilft, wenn einen Angst und Panik überkommen? Das Atmen schwerfällt, das Nervensystem mit jeder Synapse auf Alarm gepeilt ist? Einen Ballon aufpusten? Atem fokussieren? Vor und zurückwippen? Langsam, noch einmal, hilft das? Oder schreien? Wie als Stadt, als Mitbürger:innen, mit einem kollektiven Trauma umgehen? Wie Trauer, Angst, Panik bewältigen?

Am 20. Dezember 2024 steuerte Taleb A. seinen PKW mit hoher Geschwindigkeit in eine Menschenmenge auf dem Alten Markt in Magdeburg. Sechs Menschen kamen ums Leben, mindestens 323 wurden verletzt. Der Prozess zu der als Amokfahrt eingestuften Tat ist noch nicht abgeschlossen.

Dass sich das Theater Magdeburg bereits jetzt mit diesem Stoff auseinandersetzt, ist mutig. Es zeugt von großer Reaktionsbereitschaft. Schließlich betritt man zur Premiere von „Wunde Stadt“ ein Theater, dem vorgeworfen wurde, „zu früh“ zu sein, das dem Verdacht ausgesetzt war, den Täter indirekt zu adeln oder das Grauen voyeuristisch auszustellen.

Dieser Legitimationsdruck ist der Aufführung spürbar eingeschrieben. Sebastian Nübling setzt deshalb nicht auf Provokation, sondern auf demonstrative Ernsthaftigkeit: Jede Geste, jedes Bild scheint sich selbst zu fragen, ob es „sein darf“, sperrt sich von vorneherein gegen spektakuläre Extreme – gegen ein Re-Enactment der Tat ebenso wie gegen eine glättende Versöhnungserzählung, in der alle Händchen haltend im Kreis sitzen.

Zentrum des Abends ist folgerichtig kein Täter, keine Ermittlungsfigur, keine politische Repräsentantin – sondern ein Chor der Versehrten. Über Monate hinweg hat Autor Kevin Rittberger mit Seelsorger:innen, Angehörigen, Budenbetreibenden, Ärzt:innen, Politiker:innen und Traumatisierten gesprochen, Mitschriften gefiltert, verdichtet und montiert. Aus diesem Material entstand kein dokumentarisches Tribunal, sondern eine vielstimmige Partitur, in der Brüche, Wiederholungen und Leerstellen ein Kaleidoskop der Wunden bilden. Die Figuren, die hier auftreten, repräsentieren eher Haltungen im Raum als ausformulierte Rollen. Perspektiven, mit Trauer und Schmerz, mit Trauma und Verwundung umzugehen – keine biografischen Leidensgeschichten.

Da ist die Malerin, der kein Kreis mehr gelingen mag. Da ist eine Gruppe, die penibel versucht, den Ablauf bis auf Sekundenbruchteile nachzuverfolgen. Da sind die Stimmen, die fordern: „Er gehört erschossen.“ Da sind abgelehnte Therapieanträge, Aktenberge, Bürokratie.

Eine Ausnahme bildet da Meriam Abbas, die immer wieder monologhafte Texte einer migrantisch gelesenen Krankenschwester übernimmt. In ihrem Beruf hält sie die Gesellschaft am Laufen, im Alltag ist sie massiver Anfeindung ausgesetzt. Ihre Sätze sind von großer Präzision, schnüren einem die Luft ab, sind vermutlich die einzigen, die Katharsis erlauben: „Es hat sich etwas verändert. Abfällige Blicke, Angestarrtwerden, Angerempeltwerden, Beschimpfungen. Das konnte schon vor dem Anschlag vorkommen. Aber jetzt ist es unerträglich geworden. Ich versteh nicht, warum niemand diese Partei anzeigt, die uns alle loswerden möchte. Mein Kollege sagt, ich könne mit ihm in eine Klinik nach Bochum wechseln. Vielleicht mache ich das. [...] Ich weiß nicht. Ich weiß nicht wohin. Ich bin Deutsche, verdammt.“ Schließlich verlässt die von ihr gespielte Figur Magdeburg, weil sie dem zunehmenden Rassismus nach dem Anschlag nicht länger standhalten kann.

Bei aller thematischer Komplexität bleibt die theatralische Form erstaunlich kontrolliert. Nübling, der an anderen Häusern mit Überwältigungsbildern und kollektivem Spiel oft stark auf Risiko setzt, hält sich hier sichtbar zurück. Der Abend verstärkt die Polyphonie, indem das zehnköpfige Ensemble nur selten psychologisch ausspielt. Ästhetisch dient dem eine konkrete Körperordnung. Kreise, die sich öffnen und schließen, zu denen sich die Spieler:innen zusammensetzen, als probten sie das fragile Einstimmen einer Gemeinschaft, die sich neu zusammensetzen muss. Diese Bewegungen haben etwas Rituelles, Anachronistisches – sie erinnern an Schutzringe und Mahnwachen, aber auch an das Kreisen in Gedanken, an eine Stadt, die um ihren Schmerz rotiert und keinen Ausgang findet, an Traumaschleifen, Retraumatisierung und Gewaltkontinuitäten.

Das Grauen kündigt sich an, bevor es sichtbar wird. Als Kratzen auf dem Boden, als Quietschen, Schleifen, wie Fingernägel auf einer Tafel, Gänsehaut, Fluchtinstinkt. Die Spieler:innen in grauen Kapuzenpullis ziehen mit den Stühlen, die sie schieben, einen großen Kreis über die Bühne. Werden schneller, versuchen einander einzuholen, rennen, stürzen. Währenddessen steigert sich die Geräuschkulisse ins Unermessliche. Dann: Stillstand. Nur ein einziger kreist weiter um den Rest, der sich zu einem Stuhlkreis in der Mitte versammelt hat, bis auch er aufgibt. Ruhe. Durchatmen. Erleichterung sogar?

Sprachlich wie auch ästhetisch bricht dieses Zusammenkommen die Kreise, manchmal ganz konkret an eine „Kreuzung, an der man nicht mehr sitzen kann“ gebunden, manchmal durch das Überkreuzen gegenläufiger Meinungen, Haltungen und Verabeitungsprozesse. Es wird klar, dass sich hier ein Riss durch die Körper zieht: vom Anschlag als Einschnitt, von der Gewalt, die nicht organisch „eingemeindet“ werden kann, sondern quersteht zu allen Versuchen, eine runde Erzählung zu finden. Kreis und Kreuz, Rotation und Schnitt – darin materialisiert sich das Spannungsverhältnis von Gedenkbewegung und Störung, auf dem der Abend fußt.

Rittberger denkt die „Wunde Stadt“ als Kontinuum von Traumaerfahrungen, als palimpsestartigen Erinnerungsraum, in dem verschiedene Gewaltgeschichten mit- und übereinander liegen. Der aktuelle Anschlag tritt neben die Bombardierung 1945, die Pogrome der NS-Zeit, den Antisemitismus; er steht in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Stolpersteinen und den neu gesetzten Gedenksteinen für die Opfer des Weihnachtsmarktattentats.

Theater zeigt sich hier als etwas Drittes: Es ist weder der geschützte Raum der Therapie noch der regelgebundene Ort des Gerichts oder der tagespolitischen Debatte, sondern eine eigene Form von Öffentlichkeit. Eine Öffentlichkeit, die Ambivalenzen aushält und dadurch erfahrbar macht.

Im Epilog rutscht die Perspektive schließlich in eine Art „Cli-Fi“, eine klimafiktionale Utopie, in der gemeinsam Langos gebacken wird.  „Wunde Stadt“ bleibt folglich ein notwendiger Versuch, aber noch lange kein Schlussstrich – den wird es vermutlich (auf kollektiver Ebene) auch nie geben dürfen.

Erschienen am 29.5.2026

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