Theater der Zeit

Auftritt

Landestheater Detmold: Buddelarbeit in Bedeutungsschichten

„Quälbarer Leib – ein Körpergesang“ von Amir Gudarzi (UA), Inszenierung Jan Steinbach, Bühne und Kostüm Frank Albert

von Stefan Keim

Assoziationen: Theaterkritiken Nordrhein-Westfalen Jan Steinbach Landestheater Detmold

Buddelarbeit in Bedeutungsschichten: „Quälbarer Leib – Ein Körpergesang“, Schauspiel von Amir Gudarzi in einer Inszenierung von Jan Steinbach, Bühne & Kostüm von Frank Albert.
Buddelarbeit in Bedeutungsschichten: „Quälbarer Leib – Ein Körpergesang“, Schauspiel von Amir Gudarzi in einer Inszenierung von Jan Steinbach, Bühne & Kostüm von Frank Albert.Foto: Marc Lontzek

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Der Autor steht auf der Bühne. Genauer gesagt ist es ein schauspielender Stellvertreter von Amir Gudarzi, der als Prolog eine biografische Geschichte erzählt. Polizisten befragen und bedrohen ihn, er flieht 2009 aus dem Iran nach Österreich. Mehr erzählt Gudarzi in seinem autofiktionalen Roman „Das Ende ist nah“. Im Stück berichtet er von den Reaktionen seines Körpers auf die Gefahr und formuliert den Grundgedanken von „Quälbarer Leib – ein Körpergesang“.

Der Anfang ist die berührendste und verständlichste Szene des Stücks. Danach collagiert Gudarzi wie auch in anderen Stücken Geschichte, Mythen und ironische Kommentare auf so komplexe und verschachtelte Weise, dass einem die Werke Heiner Müllers wie nette Vorabendunterhaltung vorkommen. Eine bildungsbürgerliche Gedankenraserei, ohne die dramaturgische Einführung, viel Vorbildung und das Interview im Programmheft begreift wohl kaum jemand, was das wackere Ensemble des Landestheaters Detmold verhandeln möchte.

Es geht um Afghanistan, um einen roten und einen schwarzen Fluss. Der eine symbolisiert die Unterdrückung durch den Kommunismus und die Sowjetunion, der andere den Islamismus. Odysseus tritt auf, er berichtet seinen Getreuen, wie er dem Riesen Polyphem entkommen ist. Die Krieger interessieren sich immer weniger für diese Geschichte, schließlich sind es Islamisten, die ihm folgen und ihn als „Osama“ ansprechen. Odysseus lässt es geschehen, Hauptsache, irgendjemand findet ihn toll.

Eine Minensucherin ist noch die klarste Figur. Sie beschreibt herumfliegende Körperteile und Blutregen, wenn man es in ihrem Job an der nötigen Geduld mangeln lässt. Außerdem gibt es einen Sprechchor von Drohnen, und Gudarzi wirft die Frage auf, ob nach einem erfolgreichen Attentat eigentlich die Drohnen im Paradies die versprochenen Jungfrauen bekommen. Schließlich haben sie ihre Körper geopfert. Oder die Menschen, die auf die entsprechenden Tasten gedrückt haben. Die Jungfrauen spielen natürlich auch mit. Das alles wirkt so theatral abstrahiert, dass ich keinen Moment lang an die Kriegsrealität denke. Ich bin vor allem damit beschäftigt, zu kapieren, worum es hier geht.

Wenn man einen roten – oder schwarzen – Faden erkennen kann, könnte es die Aussage sein, dass es für viele Menschen völlig unwichtig ist, welcher Ideologie oder Religion sie folgen. Die Gründe des Terrors sind austauschbar. Aber was folgt daraus? Gudarzi gibt keine Antworten und zeigt die westlichen Politiker als groteske Dumpfbacken, die weder die Lage durchschauen noch an einer Lösung der Probleme interessiert sind.

Immerhin begeht Regisseur Jan Steinbach nicht den Fehler, auf das überkomplexe Stück noch eine weitere Deutungsebene draufzusatteln. Mit so einem Versuch ist Florian Fischer am Theater Aachen an der Uraufführung von Gudarzis Stück „Die Burg der Assassinen“ gescheitert. In Detmold zeigt die Bühne ein abstrahiertes Gebirge, das auch eine Festung darstellen kann. Das Ensemble trägt fleischfarbene Unterwäsche, Beine und Arme sind mit Verbänden umwickelt – quälbare Körper. Alle geben sich sehr viel Mühe. Dennoch bleibt die Aufführung eine sehr mühsame Angelegenheit. Als Lesedramen mögen Gudarzis Stücke interessant sein, auf der Bühne wirken sie überfrachtet und unverständlich. Sie sind eine Buddelarbeit in Bedeutungsschichten für Menschen, die Freude daran haben, Theater als Archäologie zu betreiben.

Erschienen am 23.4.2024

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