Vorsatz
von Bruno Flierl
Erschienen in: Selbstbehauptung – Leben in drei Gesellschaften (05/2015)
Mein ganzes Leben lang war ich bestrebt, mir die Welt zu erklären und gestaltend in sie einzugreifen, um dadurch mich selbst in ihr zu begreifen und zu entwickeln: in ihren und in meinen Möglichkeiten – ideell und praktisch. Das ist ein hoher Anspruch, behaftet mit Widersprüchen, inneren und äußeren.
Geboren 1927, habe ich nacheinander in drei Gesellschaften gelebt. In die erste Gesellschaft wurde ich hineingeboren – ohne meinen Willen. Von der Weimarer Republik nur indirekt über meine Eltern geprägt, wuchs ich auf in Nazi-Deutschland: in Schlesien. Ich war da in eine Gesellschaft geraten, deren menschenfeindliche Ansichten und Praktiken ich, unterstützt von meinen Eltern, erst langsam zu durchschauen lernte, stets in der Hoffnung auf eine noch unbekannte bessere Zukunft. Die aber war nicht sichtbar. Zunächst geriet ich als Jugendlicher in den Krieg und musste mit 16 Jahren als Luftwaffenhelfer Kriegsdienst leisten. Mit 18 Jahren wurde ich an die Front kommandiert, überlebte und hatte dann in Frankreich drei Jahre Kriegsgefangenschaft zu absolvieren, bevor ich „heim“ nach Deutschland entlassen wurde, in den Frieden, nach West-Berlin, wo meine Eltern nach ihrer Flucht aus Schlesien 1945 ansässig geworden waren. Berlin aber war zum Brennpunkt des 1947 weltweit ausgebrochenen Kalten Krieges zwischen den Großmächten des Kapitalismus und des Sozialismus geworden. Für mich war das die geradezu provozierende Gelegenheit, beide Seiten kennenzulernen und daraufhin zu prüfen, was sie wert sind für eine gesellschaftliche Erneuerung Deutschlands von Grund auf, wie ich sie erhoffte. Und genau dafür erschien mir das kapitalistische West-Berlin ungeeignet. Deshalb siedelte ich um: von West-Berlin in das auf den Sozialismus orientierte Ost-Berlin, das im Oktober 1949 Hauptstadt der DDR geworden war. Das war die erste freie Wahl in meinem Leben.
Die zweite Gesellschaft in meinem Leben kam also nicht über mich, ich trat in sie ein – aus eigenem Willen. Ich wählte sie, weil ich hoffte, sie könne, indem sie sozialistisch werde, meine eigene werden, wenn ich sie nur tatkräftig genug mitgestalten und sie mir auf diese Weise aneignen und dadurch zu meiner eigenen machen würde. Dieser Traum, eine Utopie, hat sich nicht erfüllt. Das lag, wie ich heute weiß, in erster Linie daran, dass der Sozialismus in seinem Prozess von der Idee zur Realität neben dem Kapitalismus im 20. Jahrhundert historisch über keine Voraussetzungen für seine Verwirklichung verfügte – weder objektiv noch subjektiv, weder in der Sowjetunion noch in den anderen sogenannten realsozialistischen Staaten der Welt, auch nicht in der DDR. Die Implosion der DDR – Gesellschaft und Staat – wie aller anderen realsozialistischen Staaten Ende der 1980er Jahre und damit der Verlust meiner in sie gesetzten sozialistisch-utopischen Hoffnungen auf eine von Grund auf erneuerbare Welt waren eine bittere Enttäuschung für mich. Und dennoch: Die 40 Jahre von 1950 bis 1990, in denen ich in der DDR lebte und mich konfliktreich für ihr Sozialistisch-Werden einsetzte, waren die produktivsten Jahre meines Lebens, die mich formten und mich mit mir selbst identisch machten.
Die dritte Gesellschaft ist die heutige der Bundesrepublik Deutschland, der ich nach dem misslungenen Versuch, in der DDR eine realsozialistische Alternative für Deutschland zu schaffen, „beigetreten wurde“ – gegen meinen Willen, ohne eine andere Wahl zu haben. Sie ist für mich, wenn auch in europäischer und globaler Dimension in manchem gewandelt, die alte kapitalistische Gesellschaft, der ich entflohen war. Sie ist nicht meine, sie ist mir fremd, wie auch ich ihr fremd bleibe. Eine andere Gesellschaft aber ist für mich nicht in Sicht – in der mir noch zur Verfügung stehenden Zeit. Der Traum von ihr bleibt.
Was ich geworden bin auf der Suche nach dem Eigenen in mir und in der Beziehung zur Gesellschaft, bedingt durch individuelle Veranlagung und gesellschaftliche Anforderungen, war stets das Ergebnis der Verhältnisse, in denen ich lebte, und meines Verhaltens in ihnen. Nichts war vorbestimmt, aber alles doch bestimmt – in der widersprüchlichen Einheit von Zufall und Notwendigkeit, Schicksal und Verantwortung, Kontinuität und Diskontinuität. Das gilt für mein ganzes Leben wie für seine drei großen Etappen: das frühe Leben vor der DDR, die Mitte des Lebens in der DDR und das späte Leben danach. Ich schreibe hier nicht die Geschichte der drei Gesellschaften, in denen ich lebte, sondern die meines Lebens in ihnen auf. Eine wesentliche Konstante in meinem Leben in allen drei Gesellschaften war, dass ich im Grunde stets relativ „allein mit anderen“ blieb. Zwar strebte ich nach Gemeinsamkeit mit anderen, erlebte sie aber immer wieder nur kurze Zeit oder nur partiell. Das Glück der Zweisamkeit war mir nur wenige Jahre beschieden. Unter Einsamkeit litt ich nie. Ich war nie ganz allein – ohne andere. Und außerdem hatte ich ja mich selbst und wusste immer etwas mit mir anzufangen. Was mich prägte, war „Alleinsamkeit“.
Über mein Leben zu schreiben, heißt für mich, den Ereignissen folgend, aber auch den Bedeutungen nach strukturiert zu schreiben, keinen nüchternen Bericht, aber auch keinen Roman, sondern eine Lebensbiografie aus Erinnerungen und heutiger Sicht. Manches wird unerwähnt bleiben, nichts wird erfunden sein. Auskunft über mich und mein Leben habe ich nach dem Ende der DDR schon einige Male gegeben – teils befragt in Interviews, teils aus eigenem Antrieb, so anlässlich meines 70. Geburtstags mit einem später veröffentlichten Text zum Thema „Nachdenken über mich und meine Zeit“1 und ebenso zum 80. Geburtstag mit meiner Arbeitsbiografie Kritisch denken für Architektur und Gesellschaft, ergänzt durch eine Werkdokumentation von 1948 bis 2006, inzwischen fortgesetzt für die Jahre 2007 bis 2014.2 Darin geht es primär um mein Arbeitsleben, in erster Linie um Arbeitsverhältnisse, um Positionen und Funktionen, Inhalte und Ergebnisse meiner Arbeit. Selbstverständlich reflektierte ich meine Arbeit im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen und persönlichen Determinanten meines Lebens, aber doch verkürzt auf ein notwendiges Minimum zum Verständnis meines Arbeitslebens. Im Unterschied dazu geht es mir jetzt darum, ausführlich über mein eng miteinander verflochtenes persönliches und gesellschaftliches Leben zu schreiben, natürlich im Zusammenhang mit meiner Arbeit im Brennpunkt, nun aber ausführlich im Kontext mit anderen, vor allem mir nahestehenden Menschen. Wie in meiner Arbeitsbiografie geht es mir auch jetzt nicht darum, meinem Leben etwa nachträglich einen Sinn zugeben, sondern zu reflektieren, was für mich mein Leben lang Sinn gemacht hat – und dies in allen seinen Etappen mit ihren durchgehenden Entwicklungslinien, Widersprüchen und Brüchen. Im Mittelpunkt steht mein Leben in der DDR, woher es kam und wohin es ging.
Ich schreibe in erster Linie für mich selbst, um mich in meiner Zeit besser zu begreifen, aber auch für meine erwachsenen Kinder Anne und Thomas, damit sie ihr eigenes Leben in unserer gemeinsamen Zeit besser verstehen können. Ich schreibe, um zu klären, nicht um zu rechtfertigen, auch nicht um zu verdrängen, sondern um zu entdecken, was ich in meinem Leben erlebte, was ich fühlte, dachte und tat: bonum et malum. Das ist für mich nicht zuletzt ein Akt der Selbstbehauptung und Verteidigung meiner Identität. Für andere kann das womöglich eine Anregung darstellen, ihr Leben in der für sie zutreffenden Individualität und Gesellschaftlichkeit realitätsbezogen zu erkunden. Viele einzelne individuelle Geschichten tragen bei zu unserem Bild von der gesellschaftlichen Geschichte, die wir lebten und erlebten.
1 Bruno Flierl: Nachdenken über mich und meine Zeit, in: Bruno Flierl 70, Geburtstagskolloquium am 2.2.1997, hg. von Bernd Hunger, AnsichtsSache, Berlin 1998, S. 8–15; auch in: Bruno Flierl: Gebaute DDR. Über Stadtplaner, Architekten und die Macht. Kritische Reflexionen 1990–1997, Verlag für Bauwesen, Berlin 1998, S. 208–213.
2 Bruno Flierl: Kritisch denken für Architektur und Gesellschaft. Arbeitsbiografie und Werkdokumentation 1948–2006, hg. vom Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (= REGIO-doc. Dokumentenreihe des IRS; 4), Erkner 2007; Fortsetzung für die Jahre 2007–2015 geplant.















