Gyula Molnàr
Gyula Molnàr wurde 1950 in Ungarn geboren und lebt seit langer Zeit in Italien. Er ist als Schauspieler, Autor und Regisseur in ganz Europa tätig und hat als Objekttheaterkünstler die Entwicklung des Objekttheaters entscheidend beeinflusst. Über mehr als 20 Jahre, zumeist in Erlangen, war er zahlreiche Male zu Gast beim Figurentheater-Festival und spielte sich mit seinen Inszenierungen in die Herzen der Besucher*innen.
Zu den Klassikern des Genres gehört seine frühe, minimalistische und inzwischen Kultstatus genießende Objekt-Inszenierung „Drei kleine Selbstmorde“, die 2001 beim Festival gezeigt wurde und von einem verachteten und ausgegrenzten Alka Selzer, der Liebe eines schwedischen Streichholzes zu einer Kaffeebohne sowie von der Zeit an sich erzählt. Gemeinsam mit Jacques Templeraud entwickelte er eine objekt-artistische, rüde und zärtliche Version von „Blanche neige/Schneewittchen“. Im Solo „Gagarin“ stellte er 1997 auf den Bühnen aller vier beteiligten Festivalstädte mittels ausgesuchter Dinge, darunter ein Hula-Hoop-Reifen, irritierende Mutmaßungen über die wahre Reise des ersten Kosmonauten an. In „Unaussprechlich QKWZVA“ lud er in seinen – oder vielleicht auch in den seines Kollegen Carrignon – geordnet-chaotisch philosophischen Kopf ein. Zudem wirkte er als Spieler in Produktionen des Ensemble Materialtheater mit, etwa in dem ebenso witzigen wie bewegenden atheistischen Mysterienspiel „Passion der Schafe“, das 2009 im Nürnberger Festivalprogramm gezeigt wurde. Seine Inszenierungen wie „Drei kleine Selbstmorde“ oder „Gagarin“ scheinen ästhetisch und inhaltlich nicht wirklich zu altern – vielleicht, weil sie sich von Beginn an durch ihre Mehrdeutigkeit, ihre künstlerische Genauigkeit und ihren typisch molnárschen Spielwitz einer zeitgeistigen Kategorisierung entzogen. Auch „Veillées“ zeigte er beim Festival: nach einer offenbar wenig erbaulichen Zuschauerreaktion im Jahr 1991 kehrte er 14 Jahre später, 2005, in Erlangen mit einer Neufassung unter dem Titel „Nachtwandler“ zurück, in der Annette Scheibler vom Ensemble Materialtheater seine Partnerin war – für Festivalneulinge ein besonderes Theatererlebnis, für Festivalfans der ersten Stunde zugleich eine wunderbare Chance, seine künstlerische Entwicklung in nucleo zu betrachten.
Seit vielen Jahren leitet Gyula Molnàr auch Improvisations-Workshops, in denen er die Interaktion zwischen Schauspieler und Objekt erforscht. Teilnehmer*innen resümieren, es sei ein großer Genuss, sich über das Chaos einem Ziel zu nähern, Verknüpfungen zu erspüren und dem Unerwarteten Raum zu geben. Über sich selbst sagt er: „Ich bin ein neugieriger Mensch, nähere mich gern Künstler*innen an, die mich begeistern. So lasse ich mich, wenn möglich, bei der Auswahl meiner Zusammenarbeit von diesen Sympathien führen. Dabei versuche ich zu verstehen, kennenzulernen, mich anzupassen und damit auszukommen, was vorgegeben ist. Ich plane kaum, beobachte viel und glaube an die kleinen und großen Erleuchtungen.“
Stand: 2025 (Datum der letzten Veröffentlichung bei Theater der Zeit)


















