Theater der Zeit

Auftritt

Berliner Ensemble: Mit Blitzeinschlag

„Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ von Bertolt Brecht – Regie und Bühne Dušan David Pařízek, Kostüme Kamila Kamila Polivkova, Musik Peter Fasching

von Thomas Irmer

Assoziationen: Berlin Theaterkritiken Dossier: Bertolt Brecht Dušan David Pařízek Berliner Ensemble

„Brecht gebrauchen, ohne ihn zu kritisieren, ist Verrat“: „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ von Bertolt Brecht in der Regie von Dušan David Pařízek am Berliner Ensemble.
„Brecht gebrauchen, ohne ihn zu kritisieren, ist Verrat“: „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ von Bertolt Brecht in der Regie von Dušan David Pařízek am Berliner Ensemble.Foto: Birgit Hupfeld

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Wer wen niederringt, durch Marktmacht, Insidertipps und Maulerei, ist gerade ein ganz aktuelles Thema und damit sogar weltbedeutend. „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ ist immer noch eines von Brechts schwierigsten Stücken – weil es mit einer sehr kompliziert darzustellenden Handlung Kapitalismus und Moral behandelt. In der unwahrscheinlichen Verbindung von Börsenbericht und Heilslegende, mit literaturgeschichtlichem Augenzwinkern noch dazu.

Dušan David Pařízek hat das sozusagen auch theaterökonomisch nicht uninteressante Kunststück fertiggebracht, den Brocken aus Marx-Theorie und Schiller-Parodie für eine Besetzung mit nur fünf Spieler:innen einzurichten und dabei sogar noch zu erweitern.

Im Zentrum seiner Version bleibt der Zweikampf der Heilsarmee-Offizierin Johanna Dark und des Superkapitalisten Mauler, eines brutalen Fleischfabrikanten mit Tierwohlanwandlungen, wie man staunend in Brechts Text aus dem Jahr 1931 lesen kann. Auf der Bühne stehen sich zwei großartige Schauspielerinnen gegenüber: Stefanie Reinsperger (in ihrer letzten BE-Rolle nach der bereits erfolgten Rückkehr ans Burgtheater) schafft einen Mauler, der im Profil eigentlich ein Börsen-Macho der Kategorie von Gordon Gekko in Oliver Stones „Wall Street“ ist, bei ihr aber auch ungewöhnliche Seiten wie Nahbarkeit und Schmerzempfinden für die Auswüchse des brutalen Systems erkennen lässt. Was freilich nichts an der Sache ändert. Kathleen Morgeneyers Johanna läuft auch gegen die weicheren Züge Maulers vergeblich an, wenn sie die von Brecht mit seinen Vorbehalten gegen die Heilsarmee gezeichneten Gutmenschen-Attitüden zurücksetzt.

Gezeigt wird das auf einer von Regisseur Pařízek selbst entworfenen Holzplattenbühne, auf der mit starkem Seitenlicht immer wieder scharfe Schattenrisse entstehen, die einmal sogar an John Heartfields Illustrierten-Titelbild „Der Sinn des Hitlergrußes“ erinnern, wenn die übergroße Maulerin dem nicht nur business-mäßig, sondern auch sexuell manipulierten Konkurrenten Cridle (Marc Oliver Schulze) die Hand nach unten reicht. Doch weiter ausgeführt wird dieses Motiv im Licht des Overhead-Projektors, Pařízeks Markenzeichen seit frühen Tagen, nicht. Es ergäbe auch kaum interpretatorischen Mehrwert.

Der entsteht allerdings durch die Hinzufügung eines Textes, der Brechts Absichten mit dem Stück geradezu tödlich gegenübersteht. Aus Ayn Rands 1200-Seiten-Romanschwarte der Rechtfertigung eines zügellosen, jetzt würde man sagen Trump-Kapitalismus mit dem Titel „Atlas Shrugged“ (1957) hat Dušan David Pařízek einen zwanzigminütigen Mauler-Monolog destilliert, der nun als so deklarierte Pauseneinlage („Wer eine Pause benötigt, kann rausgehen“) Brechts Stück und eigentlich auch diese Inszenierung als solche kontert. Die Hetztirade gegen „Nullen“, die ihre vermeintlich parasitäre Existenz allein dem Erfolg von Großunternehmern als Helden der Menschheit verdanken, wirkt wie aus dem Geiste von Elon Musk, der in den USA gerade alle Staatsbeamten als „Nullen“ entlässt und im Grunde wie eine von Ayn Rand erfundene Figur handelt. Stefanie Reinsperger tobt diesen Monster-Monolog ins unentschlossen sitzengebliebene Publikum hinein. Die Situation ist ein bisschen unklar, aber ein die ganze Unternehmung erhellender Blitz Heiner Müllers schlägt dabei ein: „Brecht gebrauchen, ohne ihn zu kritisieren, ist Verrat“.

Erschienen am 5.3.2025

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