Magazin
Nature Writer und erotischer Autor?
Ein Band versammelt neue Perspektiven auf Thomas Bernhard
von Stefan Keim
Assoziationen: Buchrezensionen

„An jeder Ecke / dreht es einem den Magen um / Wo ein Wald war / ist eine Schottergrube / wo eine Wiese war / ist ein Zementwerk / wo ein Mensch war / ist ein Nazi“
Die Sprachmelodie ist unverkennbar, der Inhalt auch. Dieser Ausschnitt aus Thomas Bernhards „Der Theatermacher“ zeigt zentrale Elemente seines Werkes. Die Schändung der Landschaft bringt er mit der Zerstörung des Humanen zusammen. Bernhard liebte das Wandern, damit auch die Natur, naturgemäß, und kritisierte auch in seinen Romanen oft die Ausbeutung und die damit einhergehende romantisierende Verkitschung der Felder, Wiesen und Auen. Aber lässt er sich deshalb als Vorreiter des „Nature Writing“ bezeichnen? Bernhard Judas findet diese These im Buch „Dem Stumpfsinn die Geisteskappe aufsetzen“ „zumindest bedenkenswert“.
Auch wenn ich da etwas skeptisch bleibe, lohnt sich diese Perspektive auf Thomas Bernhards Werk. Sie zeigt auch eine direkte Linie zum Schreiben und Denken Elfriede Jelineks. Bernhard hat viele Spuren hinterlassen, die gleich zu Beginn mit einer großen Zitatensammlung von Verehrenden angedeutet werden. Der Norweger Jon Fosse ist natürlich dabei, aber es geht auch um die Faszination und die Problematik, den eigenwilligen Stil Bernhards in andere Sprachen zu übersetzen. Diesen ganz eigenen Sound bildet man sich ein – wenn man viele Texte gelesen oder Stücke gesehen hat –, imitieren oder reproduzieren zu können. Ein Versuch, dies mit einem Bot zu erreichen, scheitert allerdings.
Die Romane und Erzählungen spielen im Band, der begleitend zu einer Thomas-Bernhard-Ausstellung in der Österreichischen Nationalbibliothek erschienen ist, eine größere Rolle als die Theaterstücke. Das ist eine interessante Parallelität zu den Spielplänen, in denen von den dramatischen Werken eigentlich nur „Der Theatermacher“ und mit Abstrichen „Heldenplatz“ überlebt haben. Sogar hier sind Prosatexte wie „Alte Meister“ oder „Das Kalkwerk“ präsenter. So wundert es nicht, dass beim Thema „Thomas Bernhard als erotischer Schriftsteller“ ein zentrales Stück überhaupt keine Erwähnung findet. Der Blick von Renate Langer richtet sich – neben der Prosa – auf den „Theatermacher“ und eine Art Unterdrückungserotik. Die findet ihre Kulmination, wenn der Theatermacher Bruscon seiner verstummten Frau an den Kopf wirft: „Der einzige Reiz an dir ist der Hustenreiz.“ Außerdem erwähnt Renate Langer noch die Dreierkonstellation in „Am Ziel“, aber nicht die brodelnde Geschwistererotik in „Ritter, Dene, Voss“. Wer Claus Peymanns Inszenierung mit der im Titel vorgegebenen Besetzung erlebt hat, wird der Kampf der Schwestern um die – auch erotische – Aufmerksamkeit ihres Bruders unvergesslich bleiben.
Die Musik spielt eine ebenso große Rolle beim Blick auf Thomas Bernhard wie sein Verhältnis zur Architektur und seine transmediale Selbstinszenierung. Viele interessante Gedanken enthält das Buch, außerdem eine Menge Quellen und Abbildungen. Aus Theatersicht ist besonders das letzte Kapitel „Bernhard plakativ“ interessant. Da gibt es nicht nur Plakate von den Salzburger Festspielen zu sehen, sondern auch viele von kleineren Theatern wie dem Theater 44 aus München. Zur Komödie „Vor dem Ruhestand“ ist ein verschlanktes Hakenkreuz zu sehen, das eine überraschende Eleganz, fast eine tänzerische Leichtigkeit vermittelt. Und doch ein Hakenkreuz bleibt. Es wäre lohnend, auch die Stücke jenseits des „Theatermachers“ wieder häufiger zu spielen. T
„Dem Stumpfsinn die Geisteskappe aufsetzen. Thomas Bernhard heute“. Hg. von Bernhard Fetz, Katharina Manojlovic und Juliane Werner, Zsolnay, Wien 2026, 384 S., € 38 (Hier kaufen)

















