Theater der Zeit

Kommentar CORRECTIV-Recherche

Theater im Zentrum der politischen Debatte

Was die szenische Lesung der Correctiv-Recherche im Berliner Ensemble so bedeutsam macht

von Stefan Keim

Assoziationen: Debatte

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Eine Theateraufführung kommt in allen Nachrichten vor, im Hörfunk, im Fernsehen, einen Tag später in den Tageszeitungen. Nicht hinten im Feuilleton, sondern vorne, im politischen Teil. Dort, wo ein Artikel wirklich gelesen wird. Daran kann ich mich in meiner Zeit als aktiver Theaterbeobachter – mein Gott, das sind schon 35 Jahre – nicht erinnern.

Es geht um die szenische Lesung „Correctiv enthüllt: Rechtsextremer Geheimplan gegen Deutschland“ im Berliner Ensemble, koproduziert vom Volkstheater Wien, inszeniert vom dortigen Intendanten Kay Voges, live gestreamt in public viewings vieler Theater und online überall verfügbar. Ein Reporter des Recherchekollektivs konnte sich in ein geheimes Treffen Rechtsradikaler in Potsdam schleichen und Aufzeichnungen anfertigen. Die Geschichte muss hier nicht wiederholt werden, sie ist bekannt, siehe erster Absatz.

Eine wichtige Information wurde in der Aufführung und parallel bei Correctiv erstmals veröffentlicht. Mario Müller, Mitarbeiter im Büro eines AfD-Bundestagsabgeordneten, erzählte im scheinbar internen Kreis, dass er Schlägertrupps auf einen deutschen Antifa-Aktivisten gehetzt hat. Das hatte Nachrichtenwert und führte dazu, dass die politischen Redaktionen das Thema aufgriffen. Radio- und Fernsehsender hatten durch den Stream gleich Audio- und Videomaterial. So lanciert man einen Mediencoup.

Nun ist eine Debatte entbrannt, ob die ästhetische Form der szenischen Lesung richtig war. Kay Voges hat kein trockenes Dokumentartheater abgeliefert, in dem es ausschließlich um die Präsentation der Texte geht. Er hat eine theatrale Form geschaffen. Das Ensemble kommentierte und ordnete ein, nahm sich gegenseitig auf die Schippe, schuf eine satirische Umrahmung, die oft an die Recherchen von Jan Böhmermann im „ZDF Magazin Royale“ erinnerte.

Dies wird nun von einigen heftig kritisiert. Die rechtsradikalen Reden würden nicht ernst genommen, heißt es, eine linksliberale Theaterblase feiere sich selbst. Außerdem seien keine Menschen mit migrantischem Hintergrund an der Aufführung beteiligt gewesen. Darüber lässt sich natürlich streiten. Ich war erleichtert, dass es gerade bei der Härte des Themas selbstreflexiv und – ja – sogar unterhaltsam zuging und finde die Ironie ein nicht nur erlaubtes, sondern manchmal lebensrettendes Mittel, um scheußliche Dinge ertragen zu können. Das mögen andere anders sehen.

Eins allerdings stört mich an der Diskussion: Viele verdammen das Projekt in Gänze und sehen überhaupt nicht, was Kay Voges und sein Team hier geleistet haben. Da hat Theater einmal nicht nur schnell auf aktuelles Geschehen reagiert, sondern auch mit seinen ureigenen Mitteln gearbeitet und eine Öffentlichkeit in einem historischen Ausmaß hergestellt. Für mich ist diese Lesung ein Teil der großen Bewegung gegen die AfD und Rechtsradikalismus, die sich gerade auch in den Massendemonstrationen äußert. Da ist eine breite gesellschaftliche Strömung entstanden.

An Kleinigkeiten rumzukritteln, ist jedem unbenommen, es ist auch der Job einer Theaterkritik. Aber wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass es sich hier um Details handelt. Der große Aufschlag zählt. Eine Basis für die Machtergreifung der Nationalsozialisten war neben der Kollaboration vieler bürgerlicher Politiker auch die Zerstrittenheit der demokratischen Kräfte. So etwas darf nicht wieder passieren. Wir brauchen jetzt Gemeinschaft, die Meinungsverschiedenheiten aushält, kein kleingeistiges oder ideologisches Gemaule. Deshalb: Ein Hoch auf Correctiv und alle Beteiligten dieser szenischen Lesung!

Erschienen am 24.1.2024

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