Landestheater Altenburg: »Ischtar«
Aus TdZ 7/1980
von Volkmar Draeger
Erschienen in: Die andere Seite – Tanz in der DDR von 1975 bis 1997 (04/2026)
Ein vieldeutiger altorientalischer Mythos bildet die Grundlage des 1924 uraufgeführten Werkes »Ischtar«: Die Liebesgöttin wird von Ereschkigal, Göttin der Unterwelt, ihres Geliebten, des Fruchtbarkeitsgottes Tammuz, beraubt. Alles Leben auf der Erde droht zu ersterben, bis Ischtar ihren göttlichen Gatten auf einem Bittgang in die Unterwelt, nach demütigenden Prüfungen, durch Eingreifen höherer Götter endlich zurückerhält und er seine segenspendende Kraft wieder wirken lassen kann – eine Art weibliche Vor-Orpheusiade auf sumerisch, nach Gera und Halle nun in dritter DDR-Inszenierung.
Die Vieldeutigkeit der literarisch-religiösen Basis kehrte in der Choreographie nicht wieder. Es gelang Heinz Specht nicht hinreichend, Mythos und zugleich entmythisierte, privat-menschliche Konflikte in Tanz umzusetzen – seine Choreographie betonte überwiegend das letztere, obwohl sich die stärkere Einbeziehung des Kultischen, einer der Wurzeln des Tanzes überhaupt, angeboten hätte. Ischtar und Tammuz als geographisch wie zeitlich weitverbreitete Kulturgestalten erscheinen, dieser Funktion wesentlich entkleidet, zu sehr als schwache, gehetzte Menschen. Ihre Beziehung assoziiert wenig deutlich und wenig drastisch Liebe und Fruchtbarkeit im Sinne der unprüden Ischtar-Mythen. So ist die Choreographie, trotz interessanter Passagen, nicht kraftvoll, vital, bildhaft genug, gerät manchmal in die Nähe des Trivialen.
Ich hätte mir, abgesehen von archaischen Bewegungen und einem Tanz der Priesterinnen mit Leuchttöpfen, mehr Stilisierung durch genauere Orientierung...
















