Auftritt
Schauspiel Leipzig: All Too Well (80 Minute Theatre Version)
„Was ihr wollt (A Tortured Lover's Version)“ nach William Shakespeare in einer Fassung von Pia Richter und Julia Buchberger – Regie Pia Richter, Bühne Julia Nussbaumer, Kostüme Lise Kruse, Musikalische Leitung Maria Moling, Choreografie Vasiliki Bara, Licht Veit-Rüdiger Griess, Video Philip Schroeder
von Lina Wölfel
Assoziationen: Theaterkritiken Sachsen Dossier: Musik im Schauspiel Pia Richter Schauspiel Leipzig

„How does he love me? With adoration, with fertile tears, with groans that thunder love, with sighs of fire“ – na, wer hat’s geschrieben? William Shakespeare oder Taylor Swift? Nachdem 2025 Swifts neues Album „The Life of a Showgirl“ herauskam, gab es auf Social Media geradezu einen „Who-wrote-it“-Quiz-Hype. Dabei ist die Referenz auf Shakespeares „Hamlet“ in „The Fate of Ophelia“ nicht die erste: Man denke an Romeo und Julia in „Love Story“ oder Shakespeares postum 1623 erschienenes Stück „Ende gut, alles gut“ in „Lover“ und „All too well“. Taylor und Willy sind also alte Freund:innen. Ihre künstlerischen Ergüsse sind Sehnsuchtsort und Projektionsfläche zugleich.
So wird zur Wiedereröffnung der Großen Bühne des Schauspiel Leipzigs zusammengebracht, was scheinbar zusammengehört: Mit „Was ihr Wollt (A tortured Lover’s Version)“ verbindet Regisseurin Pia Richter die Pop-Ikonen William Shakespeare und Taylor Swift miteinander. Die beiden aufeinander loszulassen, ist nicht neu: In Weimar bereicherte Swantje Lena Kleff ihren „Was ihr wollt“-Abend letzten Sommer mit Popsongs – auch von Taylor Swift. Pia Richter will die Werke der beiden Popikonen jedoch enger miteinander verschneiden, inhaltlich und künstlerisch zusammenführen.
Denn ja, richtig gehört, der Meister des elisabethanischen Theaters, gehörte nicht immer zur sogenannten Hochkultur. Seinerzeit (englische Renaissance, wie Manfred Pfister die Zeit nennt) befand sich öffentliches Theater am unteren kulturellen Spektrum: ein populäres Vergnügen, mehr Hahnenkampf als Bildungsmarker, Treffpunkt eines heterogenen Publikums, das laut und emotional mit den Weh-Leiden der Liebe(nden) interagierte. Diese durchlebten Gefühle von Verwirrung, Schmerz, Betrug und Sehnsucht und wurden so zur allgemeinen Projektionsfläche eines und einer Jeden. Kommt einem bekannt vor?
Also: „Wenn Musik die Nahrung der Liebe ist, so spielt fort“ – vor allem, wenn es eine so hervorragende Band gibt, wie die aus Anna Emmersberge, Anton Berman und Maria Moling. Und wem das nicht gefällt, der ist einfach zu verklemmt. So wie Malvolio, der als Einziger in ganz Illyrien nicht besonders begeistert von Neuankömmling Taylor (Juli Niemann) ist. Das Gedudel nervt ihn, den Hype versteht er nicht, das sei alles, wenn überhaupt, höchst durchschnittlich. Denis Petković verkörpert diesen, vom unterdrückten Verlangen nach seiner Herrin Olivia ganz verbittert gewordenen Verwalter als herrlich gefassten antagonistischen Pol im ansonsten vor lauter Emotionen überkochenden Chaos-Haufen.
Der restlichen Personage fällt es nicht besonders leicht, sich in der radikalen Strichfassung zurechtzufinden. Von Shakespeare bleibt nur ein ebenso mageres, wie dürftiges Skelett, zusammengeschustert aus dem Best-Off der klausurrelevanten Punchlines. Ausgestopft wird das dann mit allerhand „Taylor“. Die ist ein bisschen Best-Girl, übernimmt Passagen und Funktionen gestrichener Nebenfiguren, erklärt dem Publikum Handlungsstränge, die aufgrund ebenjener Streichungen nicht mehr nachvollziehbar sind, sorgt mit ihren Songs für die richtige Stimmung und steuert wie eine Puppenspielerin das Geschehen. Hier offenbart sich die große Verfehlung des Abends. Die Megastars laufen, ebenso wie ihre künstlerischen Impulse, nebeneinanderher, anstatt ineinander überzugehen. Taylor bleibt eine Außenstehende, die manchmal zwar dankbar angespielt wird, aber immer entrückt bleibt. Wie schmerzhaft das ist, zeigt sich vor allem dann, wenn es mal gelingt, schimmernde Synergien zwischen Shakespeare und Swift herzustellen, die mehr sind als popkulturelle Referenzen und Insider. Zum Beispiel als Teresa Schergaut als Gräfin Olivia die „Dress“-Line: „I only bought this dress so you could take it off“, veropert und vom höchsten Absatz des globe-artigen Bühnengestells von Julia Nussbaumer in ihrem lilafarbenen Punk-Barock-Kleid als Arie schmettert. Oder generell in den fantastischen Kostümen von Lise Kruse, die wie ein Mash-Up aus Eras-Tour-Outfit und viktorianischer Robe daherkommen. Fürs Ende – das einen schon bei Shakespeare irgendwie überrumpelt – werden geschwind die Paare (zu jetzt queeren) vertauscht. Moderner Anstrich ist auch hier wichtiger als dramaturgisch stringente Personenführung.
Man könnte jetzt sagen: Es fehlt die große Kunst. Die Metaebene. Die tiefgehende Verschränkung zwischen Renaissance und Spätkapitalismus. Aber braucht es das? Muss das zwingend der Anspruch sein? Dem Theater wird oft vorgeworfen, zu hochkulturig zu sein. Zu voraussetzungsreich. Bäumt sich Richters Abend nicht genau gegen solch einen Zugriff auf? All die Striche, all die Musik und all die Durchökonomisierung lassen die Inszenierung zwar weniger rau, ambivalent, ja schlichtweg glatter erscheinen, dafür ist es eine Grundeigenschaft blitzeblanker Oberflächen, dass man sich so schön in ihnen spiegeln kann.
Am Ende erfüllt „Was ihr Wollt (A tortured Lover’s Version)“ genau diese Funktion. Es ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis, sich zu verwandeln, sich in Kunst und Kultur wiederzufinden. „I Show you every version of yourself tonight“, heißt es bei Swift, „Ein Mann in seinem Leben spielt viele Rollen“ bei Shakespeare. Wir sollen und dürfen uns an diesem Abend in den Figuren wiederentdecken. Nicht auf einer intellektuellen, sondern auf einer emotionalen Ebene. Affektiv, voller (mitunter auch zu großer) Gefühle. Dürfen herzlich lachen – über die Figuren und damit über uns –, cringen, mitleiden, sie und ihr Verhalten kritisieren. Das mag vielleicht gefällig sein, aber der Applaus zeigt: Es gefällt eben.
Erschienen am 10.2.2026





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