Theater der Zeit

Anzeige

Auftritt

Theater Erfurt: „Dem Unheil in den Rachen“

„Orestes“ von Felix Weingartner – Musikalische Leitung Alexander Prior, Regie Guy Montavon, Ausstattung Hank Irwin Kittel

von Thea Plath

Assoziationen: Thüringen Theaterkritiken Musiktheater Felix Weingartner Guy Montavon Theater Erfurt

Ilia Papandreou als Klytaminestra in der Erfurter Inszenierung der Oper „Orestes“ von Felix Weingartner.
Ilia Papandreou als Klytaminestra in der Erfurter Inszenierung der Oper „Orestes“ von Felix Weingartner. Foto: Lutz Edelhoff

Anzeige

Anzeige

Anzeige

Es ist eine sinnige Idee: Der einprägsame Tunnel aus der Erfurter „Elektra“-Produktion kehrt als Bühnenbild am Ende der Spielzeit zurück und weist auf den Zusammenhang beider Stücke hin. Beide Erzählungen thematisieren die Geschichte um Agamemnon und seine Frau Klytaimnestra sowie deren Kinder Elektra und Orestes. Während Richard Strauss’ Oper Elektras Perspektive auf den Mord an Klytaminestra einnimmt, erzählt Weingartner auch die Vorgeschichte und Fortsetzung des Muttermordes durch Orestes. Kurz gesagt: Eine blutrünstige Trilogie um Mord, Ehebruch, Rache und Sühne. 113 Jahre musste Weingartners „Orestes“ auf seine Wiederentdeckung warten, die nun am Theater Erfurt in beeindruckender, und doch streitbarer Inszenierung über die Bühne ging. Der eher als Dirigent in Erinnerung gebliebene Felix Weingartner schuf mit seiner vierten Oper ein klanggewaltiges Werk in der Tradition Wagners – und darüber hinaus. Zusammen mit der Eröffnungspremiere „Elektra“ bildet „Orestes“ den Rahmen für diese Griechische Spielzeit. Noch einmal Mord und Totschlag zu passend dramatischer Musik. 

Bei einer solchen Produktion sind natürlich alle Scheinwerfer auf den Orchestergraben gerichtet. Weingartners Musik unterstützt die Handlung und begleitet mal feinfühlig, mal explosiv alle Geschehnisse auf der Bühne. Die klanglich vielfältige Dynamik und die fast schon inflationär eingesetzten Effekte werden von Alexander Prior energiegeladen umgesetzt. Gesanglich führen die Solisten mit starken Stimmen durch den Abend, eine tragende – und sauber ausgeführte – Rolle spielt auch der Chor mit seinen wiederkehrenden Exaltationen gegenüber den Göttern.  

Optisch setzen die ersten zwei Bilder Maßstäbe, die im dritten Teil leider nicht erfüllt werden. Zu Beginn saugt der rotbeleuchtete Tunnel das Publikum wortwörtlich ein: „Dem Unheil in den Rachen“ steigen die Sängerinnen und Sänger, wenn sie hinter einer auffahrenden Wand im Schlund des Tunnels verschwinden. Dieser wirkt übrigens nicht nur visuell, sondern auch akustisch als Katalysator – größtenteils mit positiven Auswirkungen, etwa auf die Textverständlichkeit. Wo im ersten Teil ein Tisch als Bühne diente, liegt nun Agamemnon in seinem gläsernen Sarg. Über ihm geht das Leben weiter: Elektra wacht am Grab des Vaters, Klytaimnestra wird in ihrem chinesisch anmutenden Schlafgemach von Alpträumen geplagt, die sich kurze Zeit später erfüllen. Nachdem Orestes seine Mutter erschossen hat, kniet der Frauenchor mit geballter Faust zu tosendem Orchesterklang am Bühnenrand. Die von Klytaimnestra angerufenen Rachegöttinnen machen sich zur Jagd auf den Mörder bereit. In Blut getränkte Sägeräder sowie großzügiger Einsatz von Bühnennebel kündigen den düsteren dritten Teil der Geschichte an.  

So nebulös wie die Bühne – und der Zuschauerraum – sind manche Regieeinfälle: Die Idee, das Publikum auf eine Reise durch die Goldenen Zwanziger, bis hin zu UNO-Verhandlungen der Sechziger Jahre mitzunehmen, klingt grundsätzlich gut. Während die Originalvorlage mit dem Ende des Trojanische Krieges beginnt, ist hier gerade der Erste Weltkrieg zu Ende gegangen. Die mit Orden behangenen Männer in Frack und Uniform werden von Putschisten erschossen, die Weimarer Republik scheitert. Diese Idee wird jedoch nicht konsequent fortgeführt. Der zeitliche Bezug kommt erst am Ende wieder zur Geltung, wenn Orestes vor ein demokratisches Gericht gestellt wird: In der Erfurter Inszenierung prangt über dem Rednerpult unverkennbar das Logo der Vereinten Nationen. Orestes wird also unter demokratischen Prinzipien freigesprochen, die Gewaltherrschaft ist damit scheinbar zu Ende – soweit so logisch. Wieso allerdings zuvor ein riesiger Berg aus Kleidung den Tempel des Apollo darstellt, die Seherin einen Einkaufswagen vor sich herschiebt und im Hades Richard Wagner und Charlie Chaplin umherspazieren, bietet Stoff für die Pausendiskussion.  

Mit „Orestes“ gelingt dem Theater Erfurt eine Produktion mit Nachhall – insbesondere musikalisch. Wer sich selbst ein „Bild“ von Weingartners Musik machen möchte, hört am 27.05.23 19.05 Uhr auf DLF Kultur einen Mitschnitt dieser besonderen Premiere.  

Erschienen am 25.5.2023

teilen:

Assoziationen

Neuerscheinungen im Verlag