Politische Verschiebungen und bauliche Instabilität: Abriss des einstigen Markthallenzirkus 1985
von För Künkel und Mirjam Hildbrand
Erschienen in: Zirkuskunst in Berlin um 1900 – Einblicke in eine vergessene Praxis (02/2025)

Der einstige Markthallenzirkus war nach dem Zweiten Weltkrieg dem Sowjetischen Sektor zugehörig und wurde ab 1949 zu einem staatlich geführten Kulturbetrieb der DDR, dem Friedrichstadt-Palast. 1985 musste das Gebäude jedoch aus baulichen Gründen abgerissen werden. Zu dieser Entscheidung kam es nicht nur wegen der verschiedenen, teilweise schlecht dokumentierten Umbauten, sondern vor allen Dingen aufgrund des mangelhaften Gebäudefundaments: Das Gebäude war auf rund 850 Eichenpfählen in morastigem Untergrund entlang des kleinen Flusses Panke errichtet worden. Bereits über den Umbau unter Renz im Jahr 1889 wurde in diesem Zusammenhang berichtet, der schlechte Untergrund gebe Anlass „zu ausgedehnter Verwendung eiserner Träger schwerster Art“ wie auch zur „Durchführung des Umbaues hauptsächlich mittels Eisenkonstruktionen und Zementarbeiten nach Monierscher Art“ (Deutsche Bauzeitung, 24. August 1889, S. 413). Spätestens mit der Trockenlegung der Panke infolge des Mauerbaus in den 1960er Jahren begann die Stabilität des Bauwerks aufgrund des Feuchtigkeitsverlusts der Eichenpfähle im Untergrund nachzulassen. Dies wird im Vorgutachten über die aufgetretenen Setzungserscheinungen 1976 von der VEB Baugrund beschrieben und gab 1980 den Anlass zur Schließung, fünf Jahre später dann zum Abriss der Spielstätte.
Ein neuer und zweiter Friedrichstadt-Palast wurde ganz in der Nähe, an seinem heutigen Standort an der Friedrichstraße erbaut. Die Institution feierte 2019 – unter anderem mit einer extra dafür eingerichteten Website – ihr 100-jähriges Jubiläum. Damit schrieb sie ihren Anfang im Jahr 1919, also dem Zeitpunkt der Wiederöffnung der Spielstätte als Großes Schauspielhaus durch Max Reinhardt fest. Nicht weiter erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die Spielstätte damit die Sphäre der Hochkultur erlangte. Im Hinblick auf die künstlerische Praxis ist es jedoch verwunderlich: Abendfüllende, spektakuläre Inszenierungen mit Tanz, Musik, Akrobatik und Spezialeffekten, flutbare Spielflächen, Drehbühnen, Hubpodien, eine aufwändige Ausstattung sowie eine internationale Durchmischung der beteiligten Künstler:innen gehörten zum Markenzeichen der Zirkusgesellschaften im Markthallenzirkus. Ganz ähnliche Attribute treffen heute auf das Programm des Friedrichstadt-Palasts zu, das – wie im Falle der Berliner Zirkusgesellschaften – großen Anklang bei einem breiten Publikum findet.
















