Auftritt
Schauspiel Erlangen: Kontinent in concert
„Europa flieht nach Europa“ von Kiki Miru Miroslava Svolikova – Regie Jonas Knecht, Bühne Sandra Dehler und Jonas Knecht, Kostüme Sabine Blickenstorfer, Musik Chris Norz
von Michael Helbing
Assoziationen: Theaterkritiken Bayern Jonas Knecht Kiki Miru Miroslava Svolikova Theater Erlangen

Zwei entscheidende Gewaltakte des Stückes setzt diese Inszenierung nicht in Szene. Sie findet keine Bilder dafür. Und sie will sie wohl auch nicht finden, obschon der ganze Abend, wie von der Autorin vorgesehen, ansonsten doch sehr von seinen Bildern lebt – in Erlangen mindestens zur Hälfte.
Da bringt also Europa, die Königstochter, zu Beginn den Göttervater in Stiergestalt um, der sie auf seinem Rücken mit sich forttrug. Eine Spitze ihres Haares mitten hinein in sein Herz – mehr braucht es nicht. Danach, so heißt es in einer literarischen Regieanweisung, wälzt sie sich „in der Stierleiche, schneidet kleine Filets aus der Leiche heraus und wirft sie in eine Panade, die den Bühnenboden bedeckt, während Hände und Gesicht von Blut beschmiert sind.“ Sehr viel später, zum vorläufigen Ende hin, stirbt Europa schließlich und „wird von den Kindern in Stücke gerissen und verspeist.“
Nichts davon auf der Bühne des Markgrafentheaters. Obschon auch hier vieles in Bildern und Texten von Störgefühlen in, mit und durch Europa spricht, als Figur ebenso wie als Idee, stört nichts die Ästhetik konzentrischer und konzertierter Kreise, die der Abend zieht – und in die er uns regelrecht hineinzieht.
In der Woche dieser Premiere verspottete ein US-Präsident im schweizerischen Davos Europa als Gemeinschaft schwacher Nationen. Dessen ukrainischer Amtskollege erklärte sodann an gleicher Stelle, Europa fühle sich immer noch mehr wie eine Geografie an, eine Geschichte, eine Tradition; keine wirkliche politische Kraft und keine Supermacht. Es ist ein bisschen so, als hätten beide aus sehr unterschiedlichen Perspektiven und Motiven heraus den Begleittext zu einer Aufführung gesprochen, die parallel dazu ein Schweizer Regisseur als Erlanger Intendant besorgte. Man nennt dergleichen wohl eine Koinzidenz der Ereignisse.
Politische Kraft bedeutet Macht. Bedeutet eine Gewalt, die tätig werden muss, ohne gewalttätig werden zu müssen. „Europa flieht nach Europa“, eine Art postdramatisches Mysterienspiel von Kiki Miru Miroslava Svolikova aus Wien (TdZ 06/2018), erzählt indes von einer Geschichte der Gewalt und der Gewalten wider Willen. Europa ist hier sozusagen des Teufels: ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft.
Das fußt auf einer heutzutage naheliegenden, gleichwohl auch befragenswerten Deutung der antiken Mythologie, der griechische Zeus habe die phönizische Europa entführt und vergewaltigt. Darin sollen Sexismus und Kolonialismus zugleich widerhallen.
Entsprechend wehrt sich das Opfer, indem es zur Täterin wird. Das Dekret der Beherrschten als unberrschte Herrscherin lautet zwar: „Dieser Kontinent wird nicht in Blut getränkt! Dieser Ort wird nicht aufbauen auf Blut!“ Aber da ist es schon zu spät. Die Szene setzt sie ins Unrecht: Das Blut des Zeus für dich vergossen aus Kannen und Trögen, so lautet gleichsam die Botschaft an der langen Tafel, auf welcher der Stier liegt: angerichtet wie zum Abendmahl am Morgen einer Geschichte. Da kommt sie nicht mehr raus, das zieht sie immer tiefer rein.
Europa scheitert an den größten Ansprüchen und kleinsten Utopien. Der Blick zurück: ein Albtraum. Der Blick voraus: reine Finsternis. Und an einer solchen Europa in diesem Stück kann man eigentlich auch nur scheitern: Denn sie ist mythologisch konkrete und allegorisch abstrakte Figur in einem. Juliane Böttger aber scheitert in Erlangen keineswegs daran. Sie setzt sich so keck wie souverän zwischen alle konzeptionellen Stühle. Mit lyrischem Habitus und prosaischem Furor entfaltet sie eine ansehnliche dramatische Gestaltungskraft für ein sich in der Realität spiegelndes Märchen, in dem sozusagen die gute Fee mit der bösen Stiefmutter fusioniert.
Und doch ist sie nicht das Zentrum der Aufführung, der ihre Rolle eher als ewig wandelnde Leerstelle dient, die doch immer nur gefüllt werden will mit Sinnhaftigkeit. Da sind, nebst dreier Statisten, vier weitere Kollegen, die sich ganz unaufdringlich und fast zwangsläufig in den Vordergrund spielen. Auch sie schwanken zwischen Allegorien und Wesen aus Fleisch und Blut. Sie sind, oft vervielfacht, mitunter chorisch, Schwestern Europas oder der Zeit, sind als Könige wie Kinder und als Kinder königlich, sie sind die Putzkolonne im Saustall Europa oder die Wissenschaftler, die dem Leben ans Leben wollen.
Birgit Bücker, Tobias Graupner, Maximilian Gehrlinger und Johannes Rebers wechseln auf offener Bühne die Haltungen, Positionen und Kostüme. Sie beglaubigen den steten Rollenwechsel in der Geschichte Europas, die Svolikova als einen „Karneval der Wirklichkeit“ angelegt hat. Besonders eindrücklich und subtil komisch gelingt dem Quartett eine zunächst stumme Szene, für die sich die Tafel des Abendmahls in einen Konferenztisch verwandelt. Aus Svolikovas Schwestern Europas werden daran vier Politiker, die, oben herum im Anzug, unten herum in Sportklamotten, allmählich wegnicken. Der Kernsatz ihres müden Erwachens: „Schlafen wir. Vielleicht löst jemand anderes das Problem.“
Als „dramatisches Gedicht in mehreren Tableaus“ hatte die Autorin ihren Text angelegt und beschrieben. Was Jonas Knecht daraus macht, ist, und das bedeutet des Abends zweite Hälfte, Musik in Wort und Ton. Allein schon die Dynamik des Sprechens tendiert, inklusive präzise gesetzter Pausen, zu einem Konzert. Obendrein und oben drüber platziert die Inszenierung aber noch den Jazz-Schlagwerker Chris Norz, der auf hohem Podest die Szene mit ihrem reichlich reduzierten Bühnenbild für farbige und opulente Gewänder überschaut und unterfütert, um ihr Klänge und Geräusche einzuhauchen.
Das Ensemble nimmt das auf und führt es fort: zu Beginn mit Röhrenglocken und Triangel, später mit stampfenden Rhythmen oder mit Gesang. Wer wissen will, wie Europa klingt, so ließe sich ohne viel Übertreibung sagen, sollte also derzeit nach Erlangen reisen. Dort erzählen sie Geschichte eines Kontinents binnen 110 dichten Minuten am Stück. Ohne zu rasen, vergeht die Zeit wie im Flug.
Erschienen am 26.1.2026





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