Halberstadt: »Die Schöne und das Tier«
Aus TdZ 4/1979
Erschienen in: Die andere Seite – Tanz in der DDR von 1975 bis 1997 (04/2026)
Fast verwundert es, daß nicht Jean Cocteau der Librettist des Balletts »Die Schöne und das Tier« wurde, denn seine poesievolle Verfilmung des französischen Märchens (»La belle et la bête«, 1946) und sein Libretto für Heinz Rosens Ballett »Die Dame und das Einhorn« (1953) bildeten beste Voraussetzungen dafür. Aber der »Triumph ehrlicher, keuscher Liebe über höfisch-feudale Sinnenlust« (Rebling), der Grundgedanke des Cocteau/Rosen-Balletts nach den altfranzösischen »Einhorn-Teppichen«, ist auch ein entscheidendes Motiv in Emil Hlobils getanztem Märchen von der schönen Kaufmannstochter, die durch ihr selbstloses Handeln nicht nur den Vater rettet, sondern auch einem zum tierischen Scheusal verzauberten Lebewesen hilft, seine menschliche Gestalt und damit sein eigenes Ich zurückzugewinnen. Die Motive der Selbstüberwindung und des Zu-sich-selbst-Findens sind nicht »pur«, sondern in bezug auf gesellschaftliche Situationen dargestellt. Das Tier wandelt sich vom mächtigen, grausamen Ungeheuer zum human handelnden Jüngling in märchengemäßer Prinzengestalt, der Kaufmann vermag sich mit dessen Hilfe von seiner Schuldenlast zu befreien. Ähnlich wie im Märchen »Das singende, springende Löweneckerchen« wertet der Kontrast zu zwei charakterlich unterlegenen Schwestern die »Schöne« moralisch auf. Sie muß sich erst in verschiedenen kritischen Situationen mutig bewähren, ehe die Wendung zum Guten erfolgt. Somit verdient das Mädchen seine Bezeichnung »Schöne« nicht wegen äußerlich-körperlicher Reize, sondern wegen...
















