Rosen färben die Empfängerin blutrot. Kresniks »Rosa Luxemburg« in der Berliner Volksbühne
Aus MA,1.11.1993
von Volkmar Draeger
Erschienen in: Die andere Seite – Tanz in der DDR von 1975 bis 1997 (04/2026)
Assoziationen: Johann Kresnik
Unbarmherzig wird der »Sterbende Schwan«, kaum daß er vor dem Hammer-und-Sichel-Vorhang des Moskauer Bolschoi-Theaters sein Leben verzittert hat, per Mülltüte entsorgt. Eine uniforme, stupid fähnchenschwenkende Politikerriege mit roten Nelken müht sich über Totenbahren hinweg vorwärts erst einen Ost-, dann einen Westschlager grölend. Dem DDR-Bürger, der der todesstummen Rosa von seinen Enttäuschungen berichten will, bleibt wenig Chance, gehört zu werden.
Dieses Vorspiel deutet bereits an, daß es Johann Kresnik, dem Vorreiter politisch engagierten Theaters in Deutschland, in »Rosa Luxemburg Rote Rosen für Dich« nicht um eine bloße historische Reminiszenz geht. Vielmehr bietet ihm, nach einem Libretto von George Tabori, die Gestalt der Revolutionärin einen willkommenen Anlaß, über dieses Land nachzudenken, Parallelen zwischen gestern und heute aufzuzeigen.
In vier Blöcken und mehr als dreißig Szenen verflicht er biographische Episoden aus dem Wirken der Titelgestalt, vom Aufstieg bis zum Gewalttod, mit bitter-sarkastischen Kommentaren zur Gegenwart, breitet einen Bilderteppich aus, der den aufrechten Gang des Betrachters leiser und zögerlicher werden läßt. Sechs Darstellerinnen teilen sich in die facettenreiche Rolle der Rosa: als impulsive Kämpferin und streitbare Theoretikerin, als feurig-lüsterne Liebhaberin und visionäre Politprophetin, als zarte, ungewöhnlich sensible Frau, die unter der Isolation und den Schikanen der Gefängnishaft leidet. Frappierende Ähnlichkeit in der Sehnsucht...

















