auawirleben Theaterfestival Bern: Interview mit Nicolette Kretz
von Celestina Widmer, Yvonne Schmidt und Nicolette Kretz
Erschienen in: Recherchen 180: Im/Mobile Möglichkeiten – Zugänglichkeit und Verantwortung in den performativen Künsten (07/2026)
Einfach gesagt:
Dieser Beitrag ist eine Zusammenfassung vom Interview mit Nicolette Kretz. Nicolette leitet seit 2015 das auawirleben Theaterfestival Bern. Wir haben das Interview im Herbst 2021 geführt. Im Interview geht es um die Erfahrungen mit dem Festival in den Jahren 2020 und 2021.
Wegen der Pandemie waren öffentliche Veranstaltungen ab März 2020 verboten. Deshalb hat auch das auawirleben Theaterfestival Bern im Mai 2020 nicht wie geplant stattgefunden. Viele Menschen waren in der Pandemie einsam. Nicolette hat sich sogar über Post gefreut. Post war für sie eine Verbindung zur Außenwelt. Deshalb hatte Nicolette die Idee für ein Brief-Festival. Nicolette hat das Festival aua comes your way genannt. Das Team von Nicolette hat für das Festival zusammen mit Künstler*innen Briefe geschrieben. In den Briefen gab es Vorschläge und Anleitungen von Künstler*innen. Die Briefe waren sehr unterschiedlich. Das Team hat die Briefe an das Publikum nach Hause geschickt.
2021 war die Situation immer noch unsicher. Deshalb hat sich das auawirleben Theaterfestival auch 2021 für ein Festival entschieden, das möglich ist, wenn Menschen nicht ins Theater gehen dürfen oder wollen. Es gab ein Festival mit Vorstellungen vor Ort. Das Publikum konnte sich aber auch eine aua in a box nach Hause bestellen. Das war eine Schachtel mit zwölf kleinen Umschlägen aus Papier. An 12 Tagen konnte das Publikum damit zu Hause eine Vorstellung erleben.
Diese Art von Festival war neu. Das Team musste dafür sehr eng mit den Künstler*innen zusammenarbeiten. Es waren viele ehrliche Gespräche nötig. Jede Person musste gut informiert sein. Es musste zum Beispiel klar sein, wie viel Geld die Künstler*innen bekommen. Alle waren mit der Zusammenarbeit sehr zufrieden. Deshalb versucht das Festival so weiterzumachen.
In den Jahren nach 2021 hat das auawirleben Theaterfestival Bern keine Post mehr verschickt. Nicolette war wichtig, dass Menschen wieder ins Theater kommen. Das war viel Arbeit. Deshalb konnte Nicolette kein Festival per Post mehr planen. Nicolette weiß aber, dass manche Menschen nicht ins Theater gehen können. Sie denkt auch an diese Menschen. Manchmal kann das Festival diesen Menschen nichts bieten. Das Festival braucht nämlich Geld von Kulturinstitutionen. Die Kulturinstitutionen unterstützen das Festival jedoch nur, wenn Menschen das Festival persönlich besuchen.
Als Theater-Wissenschaftlerin findet Nicolette folgende Fragen interessant: Welche Formen kann Theater annehmen? Was ist der Unterschied zwischen Theater, das man live im Saal erlebt, und Theater, das man zu Hause anschaut? Nicolette fragt sich, ob wir neu darüber nachdenken sollten. Vielleicht brauchen wir neue Begriffe oder Ideen, damit wir diese verschiedenen Formen besser verstehen.
Nicolette ist wichtig, dass Menschen sich treffen und dass sie gemeinsam vor Ort etwas erleben. Trotzdem will Nicolette auch in Zukunft Vorstellungen im Programm haben, die ein anderes Erleben möglich machen. Sie ist überzeugt, dass es auch eine Gemeinschaft geben kann, wenn das Publikum die Vorstellungen zu Hause erlebt. In der Pandemie war vieles möglich und diese Erfahrung findet Nicolette sehr wichtig. Die Pandemie hat gezeigt, dass wir viele Menschen einbinden können, wenn wir das wirklich wollen.
Was ich extrem schön fand, vor allem beim Brief-Festival, war die schönste Rückmeldung, dass sie irgendwie ein Gefühl von Community gekriegt haben, obwohl sie alleine zuhause saßen. [...] Dass das irgendwie doch dieses Gemeinschaftsgefühl ist, was ja für Theater sehr wichtig ist. (Kretz)
Das auawirleben Theaterfestival Bern experimentierte während der Corona-Pandemie mit dezentralen Praktiken. Gleichzeitig verdeutlichte sich bei den Festivalorganisator*innen der Wunsch nach gemeinschaftlichen Begegnungen in analogen Festivalräumen. Ein Gespräch mit der Festivalleiterin Nicolette Kretz vom Herbst 2022 zeigt, welche Überlegungen, Erwartungen und Spannungsfelder sich aus dieser Situation heraus ergaben.
Theaterarbeit während der Pandemie
Wie sah bei euch Festivalarbeit nach dem Ausbruch der Pandemie aus und wie hat sie sich entwickelt?
Die ganzen Schließungen der Kultur waren im März 2020. Und auawirleben ist jeweils im Mai. Wir hatten dann sehr schnell diese Idee eines Brief-Festivals. Zu diesem Zeitpunkt waren wir schon eine Weile in dem Lockdown drin, als wir alle zu Hause saßen und wirklich sehr alleine waren. Und ich habe irgendwann gemerkt, dass ich mich bei mir zu Hause schon freue, wenn die Post kommt. Dieser Moment, wenn etwas Fremdes in mein Haus kommt, auch wenn es nur Papier ist! Und so haben wir dieses Brief-Festival aua comes your way erfunden. In jedem Umschlag war jeweils ein Brief, den wir vom Festival verfasst hatten. Dazu gab es jeweils einen künstlerischen Vorschlag von den Künstler*innen, die wir zum Festival eingeladen hatten.
2021 war ja immer noch Pandemie und wir waren eines der ersten großen Festivals international, das wieder stattfinden durfte. Das war eine Rieseneuphorie bei den Künstler*innen, weil das für die meisten wirklich das erste Mal wieder auf der Bühne war. Aber eben bei reduzierter Kapazität und ohne Gastronomie. Das hat die Atmosphäre am Festival wirklich eingeschränkt, wenn der Saal nur dreißig Prozent gefüllt ist und alle nach der Vorstellung gleich nach Hause rennen. Aber auf der anderen Seite war es einfach unglaublich schön, mit den Künstler*innen zusammen zu sein und endlich wieder mal veranstalten zu können – live.
Und gleichzeitig, eben weil das 2021 ja so unsicher war, war uns klar, wir müssen bereit sein für den Fall, wenn es wieder abgesagt wird. Zudem war klar, auch wenn Theater stattfinden kann, wird es sicher sehr viele Leute geben, die noch nicht ins Theater gehen können oder wollen.
Das daraus entstandene »Parallel-Festival« war an das vergangene Brief-Festival angelehnt. Uns war klar, dass wir da etwas machen müssen, das wir mehr oder weniger vorher abschließen können, um uns dann auf das Live-Festival konzentrieren zu können. Und so gab es aua in a box, das dann ebenfalls nach Hause bestellt werden konnte. Ein paar Tage vor dem Festival erhielten die Leute eine Kartonschachtel mit zwölf kleinen Papierumschlägen drin; gleichzeitig sollten sie sich für eine Telegrammgruppe anmelden. Dann bekamen sie jeden Tag während des Festivals eine Nachricht, welchen von diesen Umschlägen sie öffnen sollten. Darin war dann jeweils wieder ein künstlerischer Vorschlag von den diesjährigen Künstler*innen.
Weshalb habt ihr euch anschließend nur noch für das Live-Format entschieden?
Das Festival 2022 konnten wir eigentlich wieder sehr normal planen. Da war es für uns eigentlich klar, dass wir nur das Live-Festival machen. Uns war bewusst, wenn wir in dieser aktuellen Situation ein Live-Festival in Präsenz durchführen wollen, wo die Theater noch nicht sehr voll sind und viele Leute zögern, brauchen wir alle Energie dafür. Dann brauchen wir die volle Überzeugung im Sinne von: »Hey, kommt wieder in die Säle, weil es ist so toll, alle zusammen in einem Saal zu sein und Theater zu erleben.« Wenn wir jetzt wieder ein Parallel-Festival für zu Hause machen würden, wäre das aus einem inklusiven Gedanken extrem toll. Doch wir würden damit unser Argument für das Theater schwächen, weil wir eigentlich sagen: »Ihr könnt es ja auch zu Hause erleben.« Wir hatten das Gefühl, das parallel weiterhin zu machen, kriegen wir nicht glaubhaft hin.
Kollaborieren in ungewissen Zeiten
Wie gestaltete sich nach dem Ausbruch der Pandemie die Zusammenarbeit mit den Künstler*innen?
Die Zusammenarbeit im ersten Jahr war auf allen Seiten sehr stark geprägt von dieser Ungewissheit und dieser Angst: »Was passiert jetzt?« Und wir haben wirklich von Anfang an versucht, transparent zu kommunizieren. Viele Künstler*innen haben uns zurückgemeldet, dass diese Transparenz für sie extrem wichtig war. Von unserer Seite her zu sagen: »Unser Ziel ist es, euch die Gage, die wir euch versprochen haben, zu geben. Wir können im Moment gerade nicht versprechen, dass es so sein wird, weil wir wissen noch nicht, was mit unseren Subventionen passiert. Aber wir glauben daran, dass, wenn wir das so machen, das dann klappt.« Und das war glaube ich so eine Basis, die extrem viele Künstler*innen wahnsinnig geschätzt haben.
Das ist auch etwas, was wir im Team beschlossen haben, aus der Pandemie mitzunehmen. Diese Nähe zu den Künstler*innen, dass man nicht immer nur mit der Produktionsleitung verhandelt, sondern auch mal sagt, »komm wir zoomen mal, um uns kennenzulernen«. Ich glaube, das war für uns das Wichtigste, da wirklich nach den Bedürfnissen zu fragen. Und das Schöne war ja, dass wir von unserer Seite her auch nicht so klare Bedürfnisse hatten. Das war nicht so, wie es sonst immer ist, dass man sagt, das Festival geht von da bis da, wir haben diese und diese Spielstätte und es läuft so und die Stücke müssen dann etwa anfangen. Sondern es war alles offen. Wir kreierten dieses Brief-Festival zusammen und das war eine sehr schöne Situation, wirklich zu ko-kreieren mit den Künstler*innen.
Dezentrale Gemeinschaft und Formen des Zusammenseins
Was für Rückmeldungen habt ihr zu den beiden dezentralen Formaten während der Pandemie erhalten?
Zum ersten Brief-Festival gehörte auch noch ein bestehender Zoom-Link. Abends um neun Uhr fand dort das Festival-Zentrum statt, wo dann die Künstler*innen dieses Tages mit unserem Team auf Zoom waren und das Publikum eingeladen war, da mit uns ein Bier zu trinken und allenfalls noch Fragen zu stellen oder einfach ein bisschen zu plaudern. Das hat nicht sehr gut funktioniert. Da waren immer mal wieder so zwei, drei, vier Leute drin oder auch mal nur eine Person. Aber es war trotzdem super, dass wir das gemacht haben, weil es auch für die Künstler*innen schön war. Denn sie hatten ja eigentlich eine Premiere in Bern, aber saßen allein zu Hause in ihrer Wohnung und tranken Tee. Und dann da irgendwie so quasi nach der Premiere zusammen zu sein, hat schon auch diesen Community-Moment ergeben, was sehr schön war.
Was ich extrem schön fand, vor allem beim Brief-Festival, war die Rückmeldung, irgendwie ein Gefühl von Community gekriegt zu haben, obwohl sie alleine zu Hause saßen. Also rein durch diese Ansprachen im Brief oder durch diese ursprüngliche Anweisung am Anfang, »macht euch doch einen Kaffee, geht zum Briefkasten, den Brief holen und öffnet ihn«. Und viele sagten, dass dieser Moment von »ah, ich mach das jetzt am Morgen so als Erstes, und ganz viele andere machen das auch grad und so«, dass das irgendwie doch dieses Gemeinschaftsgefühl, das für Theater so wichtig ist, oder für ein Theater, wie es aua macht, dass das irgendwie ein bisschen hergestellt worden ist. Jedenfalls so weit wie es schließlich gehen kann in dieser Situation. Das fand ich extrem schön, dass es irgendwie doch ein bisschen funktionierte.
Liveness und Verwischungen
Ist es schlussendlich dieses Gemeinschaftsgefühl, was Theater fürs aua ausmacht? Oder anders gefragt: Es stellt sich ja schon die Frage, was Theater ist und was nicht?
Ja, absolut. Eben auch diese Briefform, das war ja nicht mehr Theater. Aber ja, das ist so ein Komplex, über den ich mir jetzt viele Gedanken mache. Auch zu den Fragen, wie es nun weitergeht nach der Pandemie. Das ist ein bisschen ketzerisch, ich weiß, also auch gerade, wenn man sich eigentlich sehr viel für Inklusion und Zugänglichkeit einsetzt – aber für mich ist Theater wirklich dieses Zusammenkommen in einem Saal. Und ich frage mich, ob wir vielleicht anfangen müssen, die Künste neu aufzuteilen in unseren Gedanken, im Akademischen. In erstens Dinge, die live und vor Ort mit Leuten sind; zweitens Dinge, die vor Ort sind, aber ohne Leute, also zum Beispiel in Museen; und drittens Dinge, die zu Hause stattfinden. Und dann kann man sich überlegen, wie geht man jetzt mit diesen Themen um, mit diesem Komplex von Kunst, die zu Hause stattfindet. Ich finde es schwierig, dieses »Theater muss das jetzt auch noch« oder so.
Ich will nicht sagen, dass Theater besser ist. Und natürlich finde ich andere Künstler*innen auch toll. Aber das, was ich machen will, ist dieses Zusammenkommen, dieses Gemeinsame. Es ist dieser Moment 2021: Eröffnung von aua, das zu merken, auch wenn nur dreißig Leute in der Dampfzentrale im Turbinensaal saßen. Einfach dieses – ich war wirklich fast zu Tränen gerührt von diesem, »wow, wir sind jetzt alle da. Und hier turnt einer auf der Bühne rum und erzählt uns was und 99 Prozent der Leute im Raum kennen den nicht, aber es interessiert sie, was der erzählt.« Das finde ich super.
Selbst, wenn ich hier behaupte, dass ich aus akademischer Sicht gar nicht davon ausgehen sollte, dass das, was zu Hause stattfindet, auch Theater ist, heißt das für mich ja dann eben als Veranstalterin nicht, dass es nicht in ein Programm gehört. Also ich finde, dass diese Dinge extrem spielerisch sein können. Dinge, die verschiedene Labels durchschreiten, wo vielleicht etwas live passiert, aber auch etwas auf einem anderen Kanal reinkommt. Oder etwas, das sich über mehrere Tage zieht, all das finde ich superspannend. Und ich glaube, das sind dann jene Dinge, die – auch wenn sie vielleicht nicht die Gemeinschaft in einem Raum herstellen – trotzdem irgendwie dieses Herstellen einer Gemeinschaft als Kern haben. Wobei die Gemeinschaft vielleicht bei allen Personen zu Hause sitzt. Ich würde hier nicht sagen, »ich arbeite an einem Theaterfestival, deshalb wollen wir das nicht programmieren«. Also gar nicht, im Gegenteil. Wirklich spannend ist für mich, ein Live-Programm damit zu ergänzen.
Hast du den Eindruck, dass die Bereitschaft, verschiedene Formen wie beispielsweise auch digitale Formate miteinzubeziehen, gewachsen ist?
Also vor allem entstand eine Offenheit beim Publikum. Wir sind alle ein bisschen tech-savvyer geworden. Und das eröffnet schon mehr Möglichkeiten, dass es selbstverständlicher wird, so etwas im Programm aufzuführen, und es nicht viel Erklärung braucht, wie es das vielleicht früher gebraucht hätte.
Wir haben durch die Pandemie einfach schlagartig extrem viele Methoden kennengelernt und uns neue Fähigkeiten angeeignet. Und, ja, in all diesen Fragen ist wirklich dieses Moment wichtig, was die Disability-Community zum Thema Zugänglichkeit sagt: »Hey, ihr konntet irgendwie innerhalb von Wochen euer Programm online machen, wieso könnt ihr nicht mal irgendwie unsere Zugänglichkeitsmaßnahmen umsetzen? Das ist dann zu schwierig für euch?« Dass man sich dieses Moment quasi immer wieder in Erinnerung ruft: »Ah, ja, das ging ja da auch, dass wir das plötzlich machen konnten, oder da konnten wir auch plötzlich ein Festival programmieren, ohne reisen zu können.« Denn es geht vielleicht mehr, als man sich so im Alltagstrott denkt.















