Theater der Zeit

Historische Perspektiven auf politisch-künstlerische Praktiken der Disability Culture entlang Ursula Egglis Arbeiten

von Celestina Widmer

Erschienen in: Recherchen 180: Im/Mobile Möglichkeiten – Zugänglichkeit und Verantwortung in den performativen Künsten (07/2026)

Assoziationen: Theatergeschichte Dossier: Queeres Theater Dossier: Inklusion Ursula Eggli

Auf dem Foto sieht man eine Menschenansammlung an der großen schweizweiten Behinderten-Demonstration in Bern am 20. Juni 1981. Ein Mann im Hintergrund hält ein Transparent auf dem Schoß. Im Vordergrund des Fotos ist Ursula Eggli. Sie benutzt einen Rollstuhl und hat ein feministisches Symbol auf die Wange gemalt. Neben ihr sitzt die Behindertenaktivistin und Künstlerin Cornelia Nater. Das Foto wurde von der Fotografin und Aktivistin Helga Leibundgut gemacht. Sie war eine Bekannte von Ursula Eggli und Mitglied der Frauenbefreiungsbewegung FBB. (Schweizerisches Sozialarchiv, F 5110-Fc-102)
Abb. 13: Demonstration behinderter Menschen, Bern, 20. Juni 1981 – Ursula Eggli (rechts) und Cornelia NaterFoto: Helga Leibundgut, Schweizerisches Sozialarchiv, F 5110 Fc 102

Einfach gesagt:

Die Arbeiten von Ursula Eggli und Kunst von behinderten Menschen.

Ursula Eggli war eine behinderte Frau aus der Schweiz. Ursula hat von 1944 bis 2008 gelebt. Sie war Schriftstellerin und Aktivistin. Schon vor 50 Jahren setzte sie sich für die Gleichstellung von behinderten Menschen und Feminismus ein. Ursula wollte, dass alle die gleichen Rechte haben. Sie hat Bücher, Märchen und Geschichten geschrieben: über behinderte Menschen und über queere Menschen. »Queer« ist ein Sammel-Begriff. Das bedeutet: Viele Menschen, die bi-sexuell, lesbisch, schwul, Inter-Menschen oder Trans-Menschen sind, nennen sich queer.

Ursula hat auch von ihrem eigenen Leben erzählt. Ihre Texte waren politisch und persönlich.

Auch heute machen behinderte Künstler*innen Kunst über Behinderung: Sie kämpfen, damit behinderte Menschen ein freies und gerechtes Leben haben. Es ist wichtig, dass wir Menschen wie Ursula nicht vergessen. Ursula ist schon tot. Wir können aber trotzdem von Ursula lernen. Ursula zeigt uns, dass behinderte Menschen schon lange für ihre Rechte kämpfen müssen. Sie zeigt uns auch, dass Kunst und Protest oft zusammengehören.

Früher hatten viele benachteiligte Gruppen nur wenige Rechte. Zu solchen benachteiligten Gruppen gehörten zum Beispiel behinderte Menschen und Frauen. Andere Personen haben diesen Menschen gesagt, wie sie leben müssen. Deshalb hat Ursula sich für die Rechte von behinderten Menschen und Feminismus eingesetzt. Ursula hat lange in einem Heim gelebt. Später hat sie eine Wohngemeinschaft gegründet und das Heim verlassen. Ursula hat sich dafür eingesetzt, dass alle behinderten Menschen selber entscheiden, wie sie leben wollen.

Auch andere Menschen haben für die Rechte von Behinderten oder von Frauen gekämpft. Ursula war enttäuscht, dass man bei Protesten oft vergessen hat, dass auch behinderte Frauen Rechte haben. Ursula wollte, dass alle Menschen für alle protestieren. Egal, ob die Menschen behindert, alt, queer oder aus einer anderen Gruppe sind.

Für Ursula war das Schreiben sehr wichtig. Sie hat Märchen mit behinderten Menschen geschrieben. Ursula hat sich das »Freakland« ausgedacht. Dort gab es behinderte Könige und behinderte Prinzessinnen. Im »Freakland« haben behinderte Menschen gelebt, wie sie es selber wollten.

Ursula hat Geschichten oft gemeinsam mit anderen Menschen geschrieben: mit Kindern und mit ihren Freund*innen. Viele behinderte Künstler*innen machen Kunst für behinderte Menschen. Diese Kunst zeigt uns, dass es kein Normal gibt. Wir brauchen diese Kunst, damit alle behinderten Menschen so leben können, wie sie das wollen.

Ursula erinnert uns daran: Behinderte Menschen müssen schon lange für ihre Rechte kämpfen. Das machen behinderte Menschen auch mit Kunst. Es ist wichtig, dass Kunst auch heute für behinderte Menschen kämpft.

Einleitung

Geschichten können doch nie zu Ende sein. Geschichten gehen unendlich weiter, wachsen und wuchern, treiben Blüten und Früchte oder auch Dornen und sie haben ihre Wurzeln in der unermesslichen Fülle der Zeit. Vielleicht dorren sie mal stückweise ab, aber bestimmt entstehen sie neu aus einem unbeachteten Samenkorn und bekommen dann ein wundersames Eigenleben. (Eggli »Fortschritt in Grimmsland« 96)

Ursula Eggli war eine feministische Behindertenaktivistin und Schriftstellerin, die sich seit den siebziger Jahren für eine gerechte und soziale Welt einsetzte.1 Ihr Schreiben und ihr politischer Aktivismus waren miteinander verbunden und beeinflussten sich gegenseitig. Ihre Texte handeln von ihren Erfahrungen einer Zeit, in der sie als behinderte, queere Frau aus der Unterschicht mehrfache soziale Ausgrenzung und Gewalt erlebte und an verschiedenen, manchmal verbundenen, oft jedoch unzureichend miteinander verknüpften Kämpfen beteiligt war. Sie erzählen aber auch von utopischen Welten jenseits nicht-behinderter Normen, in denen sie sich zu Hause fühlte.

Ursula Egglis Arbeiten stehen in Zusammenhang mit aktuellen Arbeiten behinderter Künstler*innen, die ableistische Realitäten kritisieren und gleichzeitig von Formen des Zusammenlebens abseits der nicht-behinderten Norm handeln. Solche unter Disability Culture oder auch Disability Arts versammelten Praktiken fordern nicht-behinderte Normvorstellungen heraus und denken künstlerische Ausdrucksweisen neu. Vermehrt werden sie auch von künstlerischen Institutionen beachtet und aufgenommen. Die heute verstärkte Präsenz der Disability Culture verweist auf ihre unerfüllte Dringlichkeit und ihr Potenzial. Ihre Vertreter*innen warnen jedoch davor, dass sich die institutionelle Eingliederung der Disability Culture oft auf eine oberflächliche Vereinfachung und eine Beschränkung auf die ästhetisch-innovativen Aspekte reduziere. (Hadley/McDonald 5; Saerberg 238)

Stattdessen erinnert uns Ursula Eggli daran, dass die Disability Culture im Kontext der Protestgeschichte und der Kämpfe der Behindertenbewegung, von erlebter Gewalt und Ausgrenzung verstanden werden muss. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte emanzipativer Bewegungen umfasst demnach immer mehrere Dinge: Sie erzählt eine Geschichte des Kampfes und des Stolzes, aber auch eine von erfahrenen Ungerechtigkeiten. Darüber schreibt auch die Geschlechterforscherin und Literaturwissenschaftlerin Heather Love in ihrem Buch Feeling Backward: Loss and the Politics of Queer History. Sie betrachtet es als »zentrales Paradox« von transformativer Kritik, dass der Kampf für ein besseres Leben oftmals auf einer Geschichte von Gewalt und Stigmata basiert. Geschichten wie jene von queeren Menschen zu erzählen, enthält also immer beides: das Bekennen, dass wir niemals vergessen werden, und gleichsam die Verpflichtung, nie dorthin zurückzukehren. (Love 1) Auch die Historikerin Joan W. Scott schreibt, dass die kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte jeweils den Blick auf die Gegenwart brauche. Die Gegenwart sei der eigentliche Gegenstand der kritischen Geschichtsschreibung, »auch wenn ihr Material aus den Archiven der Vergangenheit stammt«. Es gehe darum zu verstehen, wie Dinge zu dem werden konnten, was sie sind. Daraus lasse sich dann aber auch erkennen, wie sie verändert werden können. (Scott 144) Stimmen vergangener Kämpfe können uns also dabei helfen, das Hier und Jetzt besser zu verstehen.

Ich selbst schreibe diesen Artikel aus einer nicht-behinderten, weißen, in der Mittelschicht und weiblich sozialisierten Perspektive. Mein Interesse kommt von der Frage her, in welche Geschichten sich heutige emanzipative Kämpfe für eine gerechtere Welt einschreiben und welche Rolle künstlerische Praktiken darin finden.

Im folgenden Text frage ich nach der aktivistisch-künstlerischen Verwobenheit bei Ursula Eggli. Anders als zu Großbritannien oder den USA wurden die historischen Zusammenhänge zwischen dem Behindertenaktivismus und Kunst in der Schweiz noch kaum untersucht. (Brehme) Dieser Text möchte einen Beitrag dazu leisten und zu einer weiteren, vertieften Auseinandersetzung anregen. Dabei handelt es sich nicht um eine umfassende Darstellung von Ursula Egglis Schaffen und ihrer Rolle in der Behinderten- und Frauenbewegung, diese steht noch aus. Vielmehr soll der Text ihre Person in Erinnerung rufen und dazu anregen, sich vertieft mit Ursula Eggli und dem historischen Kontext der Disability Culture auseinanderzusetzen.

Der Text zeigt zu Beginn auf, wie Ursula Eggli von den sozialen Bewegungen der siebziger und achtziger Jahre mobilisiert wurde, jedoch von der fehlenden gegenseitigen Solidarisierung enttäuscht war. Anschließend geht es darum, wie Eggli in Dialog mit diesen Erfahrungen ihr Schreiben entwickelte. In einem dritten Schritt gehe ich darauf ein, wie sich Egglis künstlerische Praktik in eine transnational vernetzte Disability Cultureeinschrieb und wie sie ausgehend davon über Solidarität, Beziehungen und neue transformative Ästhetiken nachdachte.

Mobilisierung, Solidarisierung und Leerstellen

[…] als wir es einmal begriffen hatten, waren wir nicht mehr aufzuhalten. (Eggli »It’s Paradise« ١٤٥)

Ursula Eggli politisierte sich in einer Zeit, als behinderte und queere Menschen Gewalt und systematische Ausgrenzung erlebten, sich aber in den siebziger und achtziger Jahren zunehmend dagegen mobilisierten. Ihre Erfahrungen, die sie als queere, behinderte Frau aus der Unterschicht machte, sammelte sie in einem Tagebuch, das sie 1977 unter dem Titel Herz im Korsett veröffentlichte. Das Buch stieß auf große Aufmerksamkeit und gilt als »Meilenstein in der Geschichte der Behinderten-/Frauenbewegung« (Mayer). Ähnliches galt für den Film Behinderte Liebe, der 1979 uraufgeführt wurde und in dem unter anderem Ursula Eggli mitwirkte. Der Film handelt von sexuellen Normen abseits von heterosexuellen, nicht-behinderten Normen und fordert die sexuelle Selbstbestimmung und Freiheit behinderter Menschen ein. Auch der Film erhielt international viele Reaktionen und war ebenfalls für die Behinderten- und Frauenbewegung prägend. (McGowan 39)

Es folgten verschiedene Bücher, darunter Märchen, Kurzgeschichten und Romane. In ihren Geschichten entwarf Ursula Eggli Vorstellungen und Bilder, die sich von der nicht-behinderten Öffentlichkeit abgrenzten und eine eigene Identität einforderten. Gleichwohl entsprach Ursula Egglis Lebenslauf als Schriftstellerin keinem klassischen Weg. Eine künstlerische Ausbildung schloss sie nie ab, was schon nur aufgrund des fehlenden Zugangs kaum möglich gewesen wäre. Die meisten ihrer Bücher brachte Eggli im Eigenverlag RIRUS heraus. 1990 gründete Eggli Femscript, den Verein schreibender Frauen, zudem war sie 1987 bis 1991 in der Literaturkommission Bern tätig. Sie verstand sich lange Zeit nicht als eine klassische Schriftstellerin, sondern schrieb vielmehr aus der empfundenen Notwendigkeit heraus, auf die ableistische Realität aufmerksam zu machen:

Zwar habe ich immer geschrieben: Tagebuch, kleine Geschichten, Märchen … doch nie wäre ich auf den Gedanken gekommen, dass ich deswegen eine Schriftstellerin sei. […] Ich wäre auch nie auf den Gedanken gekommen zu veröffentlichen, wenn ich nicht ein Anliegen gehabt hätte, mit dem ich an die Öffentlichkeit gelangen wollte, damals: […] Dies und der Ärger über bestehende Behindertenbücher brachte mich dazu, für ein Manuskript einen Verlag zu suchen, ein, wie wohl alle Anfängerinnen erfahren, schwieriges Unterfangen. (Eggli »Da-Heim in der Heimat?« 15)

Parallel zu ihrer schriftstellerischen Arbeit war Ursula Eggli ab den siebziger Jahren in der Behinderten- und Frauenbewegung aktiv und dabei auch publizistisch tätig. Sie kämpfte für ein fürsorgliches Miteinander. In ihren Texten verwies sie immer wieder auf die ungehörten Geschichten, die Gewalt und Fremdbestimmung, die befreundete Personen hinter verschlossenen Wänden in Heimen und Institutionen erlebten. (Eggli »Beunruhigt dich das nicht?« ٣٩–41) Bevor Eggli in den siebziger Jahren in eine Wohngemeinschaft zog, gründete sie 1969 vor dem Hintergrund ihrer eigenen fremdbestimmten Heimerlebnisse den Club Behinderter und ihrer Freunde (C.B.F später CeBeF). Der Verein gab ab 1976 die Bewegungszeitschrift PULS mit heraus. Die Organisationen und ihre Bewegungszeitschriften bildeten den Kern der Behindertenbewegung in der Schweiz. (McGowan 13–15) Zu den verhandelten Themen gehörten unter anderem Gleichberechtigung, Identität, das Verhältnis zu nicht-behinderten Menschen, Sexualität, Arbeit, Bildung, Mobilität sowie ab den achtziger Jahren die Pränataldiagnostik und Eugenik. Wie viele politische Bewegungen war auch die Behindertenbewegung vielstimmig und oftmals von Meinungsverschiedenheiten und internen Konflikten über die eigene Ausrichtung geprägt. (19–26)

Ursula Eggli zählte sich zum radikalen Flügel der Bewegung und verband ihre Forderungen mit einer grundsätzlichen Kritik an gesellschaftlichen Strukturen. Zeitweise verstand sie sich stärker dem (queer-)feministischen Kampf zugehörig und versuchte damit, sich gegen äußere Festschreibungen ihrer Identität zu wehren. (Eggli »Die Chance zu einer Randgruppe zu gehören« 10) In ihren Artikeln in feministischen Zeitschriften wie der Emanzipation oder Fraz schrieb sie über ihre intersektionale Perspektive und versuchte immer wieder, die verschiedenen Kämpfe zu verbinden: »Die Utopien der emanzipatorischen Behindertenbewegung sind dieselben wie die der Frauenbewegung. Es geht um eine gerechtere, schönere, zärtlichere Welt. […] (Und für die Tiere und Pflanzen eigentlich grad auch noch).« (Eggli »Behindertenbewegung, Frauenbewegung« 10) Die Grundprinzipien, die beide Kämpfe miteinander verbanden, sah Eggli im Einstehen für die eigene Identität, für kulturelle Repräsentation, gegenseitige Solidarität und sexuelle Selbstbestimmung. (Eggli »Behindertenbewegung, Frauenbewegung« 10) Gleichzeitig machte Eggli innerhalb der Frauenbewegung auch darauf aufmerksam, dass sie als behinderte Frau oftmals Ausgrenzung und fehlende Solidarität erlebte. In einem Artikel in der Zeitschrift Emanzipation schrieb sie 1990 über ihre ambivalenten Erfahrungen und betonte die Unterschiede: Statt eines schlechten Lohnes fänden behinderte Frauen überhaupt keine Arbeit, statt mit Sexismus und Sexualisierungen konfrontiert zu sein, werde ihr Sexualität erst gar nicht zugesprochen. »Und als behinderte Frau, frauenliebend, aus der Unterschicht ist frau eigentlich immer Randgruppe in der Randgruppe, in der Randgruppe ...«. (Eggli »Irgendwie blieb ich« 19)

Zwar brach sie die Verbindung zur feministischen Bewegung nie ganz ab, mit der Zeit realisierte Eggli jedoch immer stärker, wo die Grenzen der Zusammenführung lagen. (Eggli »Irgendwie blieb ich« 19) Prägend für sie war die von der US-amerikanischen Schriftstellerin Audre Lorde formulierte Kritik an der Frauenbewegung. Sie kritisierte, dass die Frauenbewegung bisher weiße Anliegen als universell dargestellt und Schwarzen Frauen keinen Raum gegeben habe. Eggli erkannte darin ihre eigene Kritik am nicht-behinderten Feminismus wieder.

Es gibt eine Zeichnung, die mir von einer Freundin aus einer holländischen Zeitung ausgeschnitten und zugeschickt wurde: Eine Reihe Frauen, dicke, dünne, handgestrickte, schicke – einfach: verschiedenartige Frauen haben sich beieinander eingehängt und schreiten wohlgemut eine Strasse entlang. Weit hinten auf der Strasse bemühen sich zwei behinderte Frauen, eine im Rollstuhl, die andere an Stökken (sic!), krampfhaft, die Frauen einzuholen. Die beiden könnten sich gegenseitig helfen, doch wenn sie sich einander zuwenden, kommen sie noch langsamer vorwärts. Und sie könnten rufen: »He, Frauen, wartet, nehmt uns mit!« Aber die nichtbehinderten Frauen hören sie nicht, sie singen laut und kämpferisch: »Gemeinsam sind wir stark ...«. (Eggli »Irgendwie blieb ich« 19)

Ihre Kritik, dass es die Frauenbewegung verpasst habe, sich für nicht-weiße, behinderte Anliegen einzusetzen, verband Eggli mit der Forderung einer intersektionalen, solidarischen Bewegung: »Das am Anfang beschriebene Bild muss sich dahingehend ändern, dass in der Frauenreihe auch alte, schwarze und behinderte Frauen mitgenommen werden. Andernfalls hatte die Frauenbewegung eine wichtige Aufgabe vernachlässigt.« (Eggli »Irgendwie blieb ich« 19)

Disability Culture

Eggli fühlte sich in vielen Kämpfen nicht wirklich zu Hause. In ihren Geschichten stellte sie dieser Erfahrung Utopien gegenüber, die jenseits der nicht-behinderten Normalität lagen. Im Nachwort ihres ersten politischen Märchenromans Fortschritt in Grimmsland schreibt sie: »Ich bin die Fee mit den vier Rädern am Hintern. […] Zeitweise wohne ich in Freakland, aber eben leider nur zeitweise. Freakland ist ein wunderbares Land in Irgendwo, nahe bei Überall.« (Eggli »Fortschritt in Grimmsland« 98f.) Egglis Geschichten spielten oft in bekannten Märchenwelten, jedoch waren es nun behinderte, queere Figuren, die füreinander sorgten und sich gegenseitig solidarisierten. Fortschritt in Grimmsland handelt von einer Hexe, die zusammen mit verschiedenen Tieren im Wald lebt. Als sie eines Tages von einer gestrandeten Hexe auf Durchreise Besuch erhält, müssen sie ihre solidarische Welt plötzlich gegen den kapitalistischen Fortschritt, ableistische Ideologien und patriarchale Machtkämpfe verteidigen.

In ihrer marginalisierten Position in der Gesellschaft sah Eggli auch das Potenzial für Autonomie und künstlerische Freiheiten. Bereits in ihrem veröffentlichten Tagebuch von 1977 beschrieb sie, wie sie aufgrund des verwehrten Zugangs zu Lohnarbeit eigentlich mehr Zeit für das Schreiben hätte. Sich innerhalb des einengenden Heimalltags, wo ihre einzige Einkommensmöglichkeit war, Kleiderbügel zu bemalen, einen künstlerischen Freiraum zu schaffen, erforderte jedoch viel Kraft und Umdenken. Auch sie verspürte immer wieder den Drang zu gesellschaftlicher Konvention und wirtschaftlicher Produktivität. »Von solchem denken möchte ich wegkommen […] nicht ständig unter dem druck des leistungs- und arbeitsdenkens zu stehen.« (Eggli »Tagebuch einer behinderten« 91) Egglis literarische Arbeit bewegte sich also zwischen den kritischen Perspektiven, die sich aus ihrer Position außerhalb der nicht-behinderten Öffentlichkeit ergaben, und den Widersprüchen und Barrieren, mit denen sie dadurch konfrontiert war:

Die Behinderung gibt mir […] einen Freiraum zu leben. […] Die Behinderung hat mich am Nachdrücklisten […] ausserhalb der Norm gestellt und mich veranlasst, die Werte dieser Norm in Frage zu stellen. Soweit also positiv. Aber auch oft unendlich schmerzhaft. Für mich und andere Behinderte kann »behindert sein« eben auch bedeuten: Einsamkeit, beschützende Werkstätten, Pflegeheim, Mangel an Sexualität, Ablehnung … Das alles macht aber eben eigentlich nicht die Behinderung mit uns, sondern die Gesellschaft, in der wir leben. (Eggli »Die Chance zu einer Randgruppe zu gehören« 11)

Was Eggli beschreibt, bezeichnete die Künstlerin und Denkerin der Disability Studies Petra Kuppers später als »precarious productive imbalance«. (Kuppers 93) Ausgehend von der strukturell gemachten Ausgrenzung behinderter Menschen kann aus diesem prekären und unangepassten Verhältnis zur gesellschaftlichen Normalität ein »kreatives Potential« entstehen. (Saerberg 247) Deutlich wird hier also auch, dass Egglis Erfahrungen, widerständige Praktiken und literarisches Werk nicht voneinander getrennt verstanden werden können, sondern voneinander abhingen. Aus diesen produktiven und widerständigen Überschneidungen formte sich in den achtziger Jahren ausgehend von der Behindertenbewegung eine transnational vernetzte Disability Culture.Sie suchte nach eigenen Identitäten mit eigenen »Ritualen, Zielen, Werten, Kommunikationsformen und körperlichen und kognitiven Praktiken« unabhängig von der nicht-behinderten Öffentlichkeit. (Saerberg 247) So verstand Eggli ihre literarischen Texte immer auch als eine Forderung, die Bedingungen der realen Welt zu ändern und Normvorstellungen zu dekonstruieren:

Und dann setzen die geschichten dem umgekehrten spiess gleich noch eine doppelte spitze auf, indem sie die so vielgeliebte, angestrebte, auf einen sockel erhobene normalität angreifen und ironisieren […]. (Eggli »Geschichten aus Freakland« ٨)

Auch hier werden nochmals die Überschneidungen zwischen ihrer feministischen und ihrer von der Disability Culture geprägten Perspektive deutlich: Beide gehen von einer generativen Rolle von Identität und Sprache aus, beide arbeiteten daran, Theorie und Praxis zusammenzuführen. (Kafer 15)

Als Teil der wachsenden Disability Culture war Ursula Eggli auch mit dabei, als Anfang der neunziger Jahre queere behinderte Personen unterschiedlichen Alters sich jährlich im Waldschlösschen in Göttingen trafen. (»Die Schriftstellerin Ursula Eggli« 2–5) Bei den Treffen ging es darum, sich gemeinsam auszutauschen und durch kreative-kulturelle Praktiken gemeinsam Utopien jenseits der heteronormativen, nicht-behinderten Realität zu leben. Am dritten Treffen 1994 gründete sich auch eine Theatergruppe, die mit Egglis Freakgeschichten arbeitete: »Die FreakShow im Waldschlößchen inspirierte eine Gruppe von Berliner KrüppelLesben, sich zusammenzutun, um in diesem Sinne Theater zu machen«, berichteten einige Mitglieder später in einem Zeitungsartikel (Franzke). Und auch für Ursula Eggli waren diese Treffen wichtig, um sich in einen sicheren Raum zurückzuziehen und Ideen weiterzuentwickeln, die auch ihre weiteren künstlerischen Überlegungen prägten.

Neue Ästhetiken und fürsorgliche Praktiken des Schreibens

Ausgehend von ihren Erfahrungen an den Treffen im Waldschlösschen formulierte Eggli in ihrem Text »It’s Paradise« Überlegungen zu einer »Freakästhetik«. (Eggli 145–148)Darin fordert sie, dass die Vorstellung von einer nicht-behinderten, unmarkierten Norm verworfen werden müsse. »Wir müssen aufhören, unser Eigenbild an dem der Nichtbehinderten zu orientieren. Die Nichtbehinderten andererseits müssten aufhören, sich selbst als allein gültige Norm zu betrachten.« (Eggli »It’s Paradise« ١٤٥) Eggli kritisierte den Drang nach Perfektion und allem Ultimativen. Statt im binären Denken zwischen ästhetisch-unästhetisch zu verbleiben und Behinderung als unästhetisch fortlaufend festzuschreiben, fordert sie eine Vielzahl von Ästhetiken ein:

[Eine] Ästhetik, bei der nicht mehr das Schöne, Allzuglatte, Faltenlose zählt, sondern das Ausgefallene, das Leben, die Narben, die dieses Leben schlägt. Wir vertreten eine Ästhetik, bei der nicht mehr nur das tadellos Funktionierende gilt, sondern auch die Abweichungen davon […]. (Eggli »It’s Paradise« 147)

Zu dieser neuen Ästhetik gehörte für Eggli auch dazu, sich in ihrer eigenen Schreibpraxis gegen das Ultimative und Makellose zu richten. Auch hier waren für sie die politischen, fürsorglichen, solidarischen Dimensionen ebenso wichtig wie die ästhetischen. In der ersten Ausgabe der Behindertenbewegungszeitschrift PULS richtete sich Eggli mit dem Aufruf »Macht doch Geschichten!« an die Leser*innen, Geschichten und Gedanken aufzuschreiben. Es gehe dabei nicht um »grossartige Resultate«, sondern um den Prozess und die Sprache, die wiederum Dinge in Bewegung bringe. (McGowan 47; Eggli »Macht doch Geschichten!« 13) Auch als Ursula Eggli mit behinderten und kranken Kindern regelmäßig ein Sommerlager organisierte, war das Schreiben ein zentraler Aspekt ihrer gemeinschaftlichen Arbeit. (Eggli/Klemm) In Ursula Egglis eigenem Freund*innenkreis schrieben sie sich in Anlehnung an Franz Hohlers Wegwerfgeschichten kurze skizzenartige Geschichten.

Plötzlich schenkten alle einander wegwerfmalereien, wegwerfhörspiele, wegwerfkunstwerke, wegessereien und natürlich vor allem wegwerfgeschichten. Da diese geschichten immer für eine bestimmte person bestimmt waren, wurden sie auch sehr persönlich. (Eggli »Geschichten aus Freakland« 6)

Es ging primär um die freundschaftlichen, verbindenden Aspekte des Schreibens. Die Geschichten zirkulierten zu Beginn nur in Egglis privatem Umfeld, später publizierte sie einige davon in einem Buch. (Eggli »Geschichten aus Freakland« 6) Ebenso schuf Eggli aus dieser sozialen Praktik der Wegwerfgeschichten heraus viele von ihren späteren Figuren ihrer Märchenbücher und Freakgeschichten. »Und dann tauchten in diesen geschichten auch bald einmal behinderte könige und prinzessinnen auf […]. Dies brachte mich auf die idee, das land der freaks zu erfinden.« (Eggli »Freak Geschichten« 9) Egglis Texte waren also oft auch temporär, situativ, skizzenhaft. Sie dienten auch dazu, Beziehungen zu schaffen, Distanzen und Barrieren zu überwinden und Freundschaften zu pflegen, wodurch sich das Innerhalb und das Außerhalb der Texte miteinander verwob:

Sie sind von dieser Realität-Phantasie-Mischung wie ich sie so sehr liebe. – Wo liegt die Grenze zwischen den beiden? Ja, wo liegt die Grenze zwischen Phantasie und Realität? Erfundene Figuren bekommen Eigenleben und machen sich selbstständig. Und die Autorin kommt ins Zittern. (Eggli »Märchen und Geschichten« 10)

Kunst als Bestandteil zwischenmenschlicher Beziehungen

Ursula Eggli erinnert uns daran, dass die Disability Culture »aus dem Zentrum der Behindertenbewegung« entstanden ist. (Saerberg 238) Sie verdeutlicht, dass heutige ableistische Ausschlusslogiken und (verwehrte) Zugänge eine Vorgeschichte haben, gegen die seit Langem widerständige Praktiken zirkulierten. Die erfahrene Fremdbestimmung, die sozialen Kämpfe, die politische und kulturelle Aufbruchstimmung der siebziger Jahre prägten Ursula Egglis künstlerische Praktik. Einerseits schuf sie in ihren Geschichten Utopien jenseits der nicht-behinderten, unmarkierten Norm. Sie vertrat damit eine Welt, die sich aus einer Vielzahl von Körpern, Ästhetiken und Lebensentwürfen formt. Andererseits war das Schreiben immer auch Teil ihrer zwischenmenschlichen Beziehungen und Community-Arbeit. Es war ein Instrument der Selbstermächtigung und des gegenseitigen Lernens. Damit stehen Egglis künstlerische Praktiken in Beziehung zu anderen Künstler*innen, die in diesem Buch vorkommen, wie Alexandrina Hemsley oder Angela Alves, die ebenfalls mit Kunstformen arbeiten, die mit eigenen Access Needs vereinbar und mit der Disability Community verbunden sind.

Ursula Eggli ruft uns in Erinnerung, dass das gegenwärtig verstärkte politische Engagement von Kunst und Kunstinstitutionen auf den Geschichten früherer sozialer Emanzipationsbewegungen aufbaut. Vieles von dem, was heute eingefordert wird, wurde bereits in vorhergehenden Kämpfen formuliert. Eggli bewegte sich als Künstlerin trotz ihrer zahlreichen Publikationen und ihres kulturpolitischen Engagements abseits des kunstinstitutionellen Zentrums. So verweist Eggli auf eine bis heute fortschreitende Ausgrenzung und Marginalisierung behinderter Künstler*innen aus den Kunstinstitutionen.

Literaturverzeichnis

Brehme, Kate. »Disability Arts: An Overview.« Diversity Arts Culture, 2020, https://diversity-arts-culture.berlin/en/magazin/disability-arts-overview (letzter Aufruf am 19.12.2024).

Eggli, Ursula. »Die Schriftstellerin Ursula Eggli über ihren Kampf um Liebe und Sexualität: Frau, Lesbe, behindert, Unterschicht – ein wunderbares Leben!« Curaviva: Fachzeitschrift, Vol. 76, No. 12, 2005, S. 2–5.

Eggli, Ursula. »It’s Paradise«. Ethik und Behinderung. Ein Perspektivwechsel, Sigrid Graumann/Katrin Grüber/Jeanne Nicklas-Faust/Susanna Schmidt/Michael Wagner-Kern (Hrsg.), Campus 2004, S. 145–148.

Eggli, Ursula. »Da-Heim in der Heimat?« Fraz, Juni/Juli/August 1992, S. 15.

Eggli, Ursula. »Irgendwie blieb ich: die Behinderte«. Emanzipation, Vol. 16, No. 4, 1990, S. 19.

Eggli, Ursula. Märchen und Geschichten über Geschichten. Eigenverlag 1988.

Eggli, Ursula. »Die Chance zu einer Randgruppe zu gehören oder: was macht Behinderung aus einem Menschen? Emanzipation, Vol. 13, No. 5, 1987, S. 10–11.

Eggli, Ursula. »Behindertenbewegung, Frauenbewegung. Versuch eines Vergleichs.« Fraz, April/Mai 1987, S. 10.

Eggli, Ursula. Fortschritt in Grimmsland. Ein Märchen für Mädchen und Frauen. Eigenverlag 1983.

Eggli, Ursula. Freak Geschichten für Kinder und Erwachsene. Eigenverlag 1983.

Eggli, Ursula. Geschichten aus Freakland. St. Arbogast 1980.

Eggli, Ursula. »Beunruhigt dich das nicht?« Im Beunruhigenden. Texte zeitgenössischer Autorinnen,Ruth Mayer (Hrsg.), ROF Verlag 1980, S. 39–41.

Eggli, Ursula. Herz im Korsett. Tagebuch einer Behinderten. Basel: Zytglogge Verlag 1977.

Eggli, Ursula. »Macht doch Geschichten!« PULS, Vol. 18, No. 1, 1976, S. 13.

Eggli, Ursula/Klemm, Michael (Hrsg.). Das Schloss in Burgund. Geschichten aus einer Begegnungsfreizeit. Eine Schreibwerkstatt mit (ehemaligen) PatientInnen der Kinderkliniken Tübingen, Stuttgart und Dresden. Eigenverlag 1992.

Franzke, Magda. »Poetinnen des Gräßlichen. Lesben und Schwule mit Behinderungen gründen eine Theatergruppe.« TAZ, 18.6.1994.

Hadley, Bree/McDonald, Donna. »Introduction. Disability arts, culture, and media studies – mapping a maturing field.« The Routledge Handbook of Disability Arts, Culture, and Media, Hadley Bree/McDonald Donna (Hrsg.). London/New York: Routledge 2019, S. 1–18.

Kafer, Alison. Feminist, Queer, Crip. Indiana University Press 2013.

Kuppers, Petra. Disability Culture and Community Performance. Find a Strange and Twisted Shape. Springer 2011.

Love, Heather. Feeling Backward. Loss and the Politics of Queer History. Harvard University Press 2009.

Mayer, Anneliese. Ursula Eggli, Berühmte behinderte Frauen. Die Schriftstellerin Ursula Eggli (geb. 1944–2008), 2009, https://archiv-behindertenbewegung.org/weitere-themen/ursula-eggli/ (letzter Aufruf am 15.09.2025).

McGowan, Brian. »Die Zeitschrift PULS – Stimme aus der Behindertenbewegung.« PULS – DruckSache aus der Behindertenbewegung. Materialien für die Wiederaneignung einer Geschichte, Erich Otto Graf/Cornelia Renggli/Jan Weisser (Hrsg.). Zürich: Chronos 2011, S. 13–69.

Saerberg, Siegfried. »Disability Culture & Disability Arts.« Handbuch Disability Studies, Anne Waldschmidt (Hrsg.). Berlin/Heidelberg: Springer 2022, S. 235–254.

Scott, Joan W. »Geschichte schreiben als Kritik.« Historische Anthropologie, Vol. 23, No. 1, 2015, S. 93–114.

Anmerkungen

1 Hinweis zu Begriffsverwendungen: Historische Begriffe, wie »Frauenbewegung« oder »Behindertenbewegung«, die von den damaligen Akteur*innen bewusst so verwendet wurden, werden in diesem Text so belassen. Bei Inhalten, die aus heutiger Sicht über die Situation von damals sprechen, werden heutige Begriffe wie »feministisch« oder »queer« sowie eine gendergerechte Schreibweise mit * verwendet, auch wenn dies von den Akteur*innen selbst nicht so verwendet wurde.

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