Eine Unterhaltung über das Reisen mit Remo Beuggert in Begleitung von Stephan Stock
von Stephan Stock, Thubten Shontshang, Nina Mühlemann und Remo Beuggert
Erschienen in: Recherchen 180: Im/Mobile Möglichkeiten – Zugänglichkeit und Verantwortung in den performativen Künsten (07/2026)
Assoziationen: Dossier: Inklusion Theater HORA

Einfach gesagt:
Remo Beuggert ist seit 2007 Schauspieler beim Theater HORA in Zürich. Er hat bei mehr als 30 Projekten mitgespielt. Dabei ist er viel mit dem Theater gereist. Beim Gespräch über das Reisen zwischen Remo, Nina Mühlemann und Thubten Shontshang war auch Stephan Stock dabei. Stephan ist künstlerischer Co-Leiter des Theater HORA.
Remo wäre ohne das Theater nicht so viel gereist im Leben. Er ist ein kontaktfreudiger Mensch und sieht gerne viele Sachen. Darum ist das Reisen auch ein Grund, warum er Theater macht. Remo macht nicht Theater wegen dem Geld. Das Thema mit dem Lohn ist kompliziert. Weil er Geld von der Invalidenversicherung erhält, darf er nicht zu viel Geld verdienen. Er mag Theater, weil er da eine andere Person sein kann. Besonders gerne spielt er gemeine Personen.
Remo findet das Reisen mit dem Theater schön, weil so noch mehr Menschen sehen können, was die Theatergruppe kann. Weil Menschen ein Stück cool finden, wollen sie das auch mit anderen Teilen. Zum Beispiel werden sie so zu Festivals eingeladen.
Das Reisen braucht aber auch viel Geduld. Besonders mit dem Stück Disabled Theater ist das Theater HORA sehr viel gereist. Das könnte er heute eher nicht mehr. Remo fragt sich, warum besonders Disabled Theater so vielen Leuten gefallen hat. Andere sagen, weil viele keine Menschen mit Handicap kennen. Remo sagt auch, dass sie nicht dank dem Theater HORA so viel mit dem Stück gereist sind. Sondern wegen dem Namen Jérôme Bel. Jérôme Bel ist ein Tänzer und Choreograf aus Frankreich. Er hatte das Stück mit dem Theater HORA entwickelt. Remo hätte zum Beispiel lieber das Stück Horror von Tiziana Pagliaro öfters gespielt.
Manchmal sind Fremdsprachen für Remo schwierig. Er versucht, dann mit Händen und Füßen zu sprechen. Oft ist er aber abhängig von anderen Menschen, die etwas übersetzen. Eigentlich würde Remo lieber öfter mit dem Flugzeug reisen. Er liebt das Gefühl der Schnelligkeit und die Welt von oben zu sehen. Das ist aber oft nicht möglich. Weil das Fliegen der Umwelt schadet, versuchen sie, möglichst mit dem Zug zu reisen. Diese langen Zugfahrten sind für Remo kein Problem. Er hat gelernt zu warten.
Im November 2024 trafen sich Nina Mühlemann und Thubten Shontshang mit Remo Beuggert (Schauspieler am Theater HORA) und Stephan Stock (künstlerischer Co-Leiter Theater HORA) in der Roten Fabrik in Zürich zu einem Gespräch über das Reisen.
Nina: Hey Remo. Du bist schon sehr viel mit dem Theater HORA gereist. Gibt es eine Lieblingsreise, die du erlebt hast?
Remo: Es gab eigentlich mehrere Reisen, die ich gerne gemacht habe. Aber die Number one wäre wohl die nach Amerika: New York. Das war das größte Highlight, seit ich beim HORA bin. Das war 2013, im November, mit Disabled Theater.
Nina: Und was hat dir daran gefallen?
Remo: Ich wollte schon immer einmal dahin. Den Central Park wollte ich schon immer einmal sehen, was ich dann auch geschafft habe. Den haben wir zwei Mal besucht, dafür haben wir den Times Square verpasst. Wir sind auch mit dem Schiff auf die Island rüber, haben die Freiheitsstatue gesehen, und, ja, einmal habe ich mich verlaufen. Aber da es so einfach war, hatte ich den richtigen Weg wieder gefunden. Wir sind danach noch weiter nach Minneapolis – das war cool.
Da hatten wir auch Disabled Theater gespielt und hatten danach drei Tage Pause. Es wäre mir lieber gewesen, wir hätten noch einen Tag länger in New York verbracht und wären später nach Minneapolis. Doch das kann man sich halt nicht aussuchen.
Nina: Hast du das Gefühl, Künstler zu sein hilft dir, um in der Welt rumzukommen?
Remo: Ja, auf jeden Fall. Wäre ich nicht am Theater, weiß ich nicht, ob ich jemals nach Amerika gereist wäre. Oder nach Toronto oder nach Macau. Sehr wahrscheinlich nicht. Das ist auch ein Teil der Gründe – nicht der Hauptgrund, aber ein Teil der Gründe, warum ich am Theater bin: weil ich gern viele Sachen sehe.
Nina: Hast du manchmal das Gefühl, das Reisen mache das Theater schwieriger?
Remo: Die Hin- und Rückreise und wenn man andere Menschen nicht versteht, das ist vielleicht manchmal etwas mühsam. Weil dann muss immer Stephan oder ein anderer Begleiter dabei sein, der übersetzt. […] Mit Händen und Füßen habe ich es auch schon geschafft zu sagen und zeigen, wenn ich etwas Bestimmtes kaufen will. Aber wenn es nicht verstanden wird, muss ich eine Person holen, die für mich übersetzt. Das macht es etwas mühsam und mit der Zeit anstrengend. Aber ansonsten eigentlich nicht.
Nina: Und meinst du, das Reisen hilft beim Theatermachen? Neue Leute kennenzulernen …
Remo: Das auf jeden Fall. Es macht Spaß, mit anderen Menschen zusammen zu spielen. Ich bin eigentlich ein kontaktfreudiger Mensch.
Nina: Gab es da einen Kontakt, den du als besonders cool oder wichtig für dich empfunden hast? Ihr hattet das letzte Mal erzählt, dass ihr eine Tagung besucht hattet?
Remo: Das war einfach so ein Austausch. Da habe ich sicher auch etwas für mich mitnehmen können. Die hatten Übungen, die ich noch nicht gekannt habe, und es war spannend zu sehen, wie ähnlich sie arbeiten. Das war mega spannend.
Nina: Sind schon einmal Sachen schiefgegangen, als ihr mit dem HORA gereist seid?
Remo: Ja, zum Beispiel, als wir in Singapur unterwegs waren. Da hatte Gianni verpasst, in die U-Bahn einzusteigen. Dann ging ich mit einer fremden Person zurück und habe Gianni geholt. Als wir wieder in der Gruppe waren, war die Welt wieder in Ordnung. Ich hatte gestaunt, dass er dies so schnell verdaut hatte.
Oder mit Matthias Brücker, der seinen Pass im Flugzeug vergessen hatte. Da war ich aber leider nicht dabei. Davon habe ich nur gehört. Also »leider«, vielleicht auch zum Glück. Vielleicht wäre dies nur ein zusätzlicher Stressfaktor gewesen.
Oder einmal wurde ein Polizeialarm ausgelöst. Wir wollten auf das Dach, haben die Türe geöffnet und da ging der Alarm los. Ich glaube, das war auch in New York.
Nina: Wenn ihr in der Welt rumreist, gibt es da Sachen, die es für dich einfacher machen würden? Die du anders haben möchtest?
Remo: Also ich fliege lieber, als mit dem Zug zu reisen. Ich hatte eben noch Stephan vorgejammert, dass ich lieber mit dem Flieger nach Berlin will. Letztes Jahr, als wir mit dem Kreidekreis da waren, da kam eine Person mit dem Flieger und reiste am nächsten Tag wieder mit dem Flieger ab. Warum darf diese Person fliegen und ich nicht?
Nina: Warum darfst du denn nicht fliegen?
Remo: Weil das HORA den Standpunkt vertritt, dass, solange etwas mit dem Zug erreichbar ist, wir mit dem Zug reisen. Weil fliegen schädlich für die Umwelt ist.
Nina: Warum fliegst du lieber?
Remo: Weil es ein cooles Feeling ist und schneller geht. Und wenn ich hinausschaue, dann sehe ich die Welt von oben.
Nina: Ok, du fliegst also wirklich auch gerne, es ist nicht nur, dass du es unangenehm findest, neunStunden rumzusitzen?
Remo: Nein, ich habe ja meinen DVD-Player, damit kann ich mich beschäftigen. Ich habe gelernt zu warten, man kommt irgendwann schon ans Ziel.
Nina: Und gibt es sonst noch Sachen, die du stressig findest? Du hattest noch die Sprache erwähnt, sich auf neue Leute einzustellen, mit anderen zusammenzuarbeiten … das geht für dich?
Remo: Eigentlich geht das, ja. Wenn wir am Proben sind, und es gibt eine Unterbrechung, während ich schon im Flow bin, das ärgert mich. Das passierte mir in Nancy. Als die Musik spielte, bewegte ich mich mit geschlossenen Augen und hatte die Umgebung total vergessen. Dann stoppte die Musik und ich war wieder voll da. Als die Musik wieder zu spielen begann, schaffte ich es nicht mehr einzutauchen – das fand ich ein bisschen schade.
Nina: Wärst du gerne mehr unterwegs oder wärst du lieber mehr hier in Zürich?
Remo: Ab und zu reisen, das ist schon cool, aber vielleicht nicht mehr so viel wie bei Disabled Theater. Ich weiß nicht, ob ich diese Geduld noch einmal aufbringen könnte. Wir sind jetzt am 15. von Nancy nach Hause gekommen und am 20. weiter nach Berlin gereist. Danach hatte ich die ganze Zeit frei, darum ging das gut.
Nina: Also brauchst du einen Ruhetag dazwischen?
Remo: Ja. Ich weiß nicht, ob ich am Montag nach Hause kommen und am Dienstag weitermachen könnte. Ich weiß nicht, ob ich das noch … Wenn es allerdings so ist, dann ist es eben so. Irgendwie krieg ich es schon hin.
Nina: Und bei Disabled Theater war das teilweise so?
Remo: Ja, also ich glaube, das gab es einmal: Wir kamen am einen Tag von Bern zurück und sind am nächsten Tag weiter nach Belgien, Brüssel. Dann war es einmal so – ich kenne die Reihenfolge nicht mehr so genau –, dass wir zum Beispiel von Budapest nach Hause gekommen sind, am nächsten Tag nach Italien, am Freitag nach Hause und am Montag nach Berlin. Damals fand ich es cool, aber ob ich das – es ist mein Beruf und ich mach es auch gerne, aber … Das Problem ist, ich nehme auch immer gerne die gleiche Kleidung mit. Nach Nancy habe ich nur Drachen-T-Shirts mitgebracht; ich liebe Drachen. Darum heiße ich beim Theater auch »Pitch The Dragon«.
Nina: Würde es dann nicht mehr Sinn machen, direkt zu fahren, anstatt einen Tag nach Hause zu kommen?
Remo: Teilweise haben wir das auch gemacht. Wir waren in Kassel und fuhren von da direkt nach Mainz. Dann hatten wir da, glaube ich, einen Tag frei, bis es wieder losging. Oder von New York nach Minneapolis sind wir ja auch direkt gereist.
Das Lustige war eben, dass ein Teil der Gruppe, der da war [in Minneapolis], direkt nach München ging. Und München hätte ich ehrlich gesagt nicht mehr gebraucht. Da wäre ich am liebsten einfach nach Hause gegangen und musste dann bei der Verabschiedung weinen – was ich sehr selten vor anderen Leuten mache. Aber ich konnte es nicht zurückhalten, weil ich gerne nach Hause wollte. Wir waren so eng mit der Gruppe und dann sind sie plötzlich gegangen. Also ich weiß nicht … ich vermute, dass es deswegen war. Entweder weil ich auch gerne nach Hause gegangen wäre, ich weiß nicht, ob es Heimweh gewesen ist – keine Ahnung – oder wegen der Gruppe. Das weiß ich eigentlich gar nicht.
Nina: Wie ist das so, ihr reist ja auch in verschiedenen Gruppenzusammensetzungen? Das stelle ich mir kompliziert vor.
Remo: Ja, das ist so, seit es das »Labor« gibt, das neue System von »Produktion« und »Labor«. Früher reisten wir alle zusammen, da waren wir auch nicht so eine große Gruppe. Wir waren etwa zehn oder elf Personen, da ging das noch. Ich weiß, dass ich jetzt mit dem Kaukasischen Kreidekreis mit diesen Leuten gehe, und nach München gehe ich dann mit Tiziana. Das ist so … Wenn jetzt der Schwarzenegger mit dem Stallone einen Film macht, dann ist er bei einem anderen Film auch nicht immer mit ihm unterwegs. Das ist jetzt ein krasser Vergleich – Entschuldigung.
Nina: Die sind nicht ein solch gut eingespieltes Team wie ihr.
Remo: Ja, ja. Es war auch immer ein Konkurrenzkampf zwischen Schwarzenegger und Stallone. Darum finde ich es toll, dass sie einen Film zusammen gemacht haben.
Nina: Wie ist es denn bei euch, wenn eine Person irgendwohin darf und eine andere Person nicht?
Remo: Ich freue mich für die Person. Aber wenn sie dann immer sagt: »Ich darf nach Berlin, ich darf nach Berlin, ich darf nach Berlin«, macht mich das ein bisschen neidisch. Darum schalte ich irgendwann den Knopf aus. Also ich mag’s den anderen gönnen, aber es interessiert mich nicht. In den Stücken, in denen ich nicht dabei bin, das interessiert mich eigentlich nicht. Ich mag es ihnen gönnen, ich freue mich für sie, doch es gab so zwei, drei Stücke, in denen sie immer die anderen genommen haben und ich durfte nicht mitmachen. Irgendwann habe ich dann einen »Selbstschutz« – so nenne ich den – aufgebaut. Das ist vielleicht nicht immer nett, nicht immer richtig, aber was ist schon »richtig«?
Nina: Gab es auch schon das Umgekehrte, dass du irgendwo hättest hingehen sollen, du aber lieber hier geblieben wärst?
Remo: Ich glaube, das gibt es weniger. Ich habe mich immer auf Orte gefreut, an die wir hingingen.
Nina: Auch wenn es nicht gleich New York war?
Remo: Nein, nein. Also ich bin auch gern nach Macau gegangen. Ich ging gerne nach Singapur. Ich bin gern nach Bern, nach Italien. Einfach die langen Reisen … da hatte ich noch keinen DVD-Player und kein Tablet. Wobei, mit den HORAs hat man genügend Beschäftigung: Uno spielen oder es gemeinsam lustig haben, den Kaspar machen, Leute zum Lachen bringen, das mache ich gerne.
Nina: Reist du gerne in solch großen Gruppen? Das stelle ich mir teilweise anstrengend vor.
Remo: Ja. Also, wir sind schon lange nicht mehr in einer großen Gruppe gereist. Ich bin jetzt beispielsweise zum ersten Mal mit Stephan allein irgendwo hin gegangen. Ich glaube, das war jetzt das erste Mal. Ich bin auch schon einmal mit zwei Begleitpersonen nach Paris, war dann da aber auf mich allein gestellt.
Nina: Und wie ist das, wenn du allein oder mit Stephan irgendwohin gehst?
Remo: Es ist toll, doch ich habe die Leute auch vermisst. Weil ich gerne knuddle, das mache ich gerne.
Nina: Aber es war nie … manchmal ist man ja auch unsicher, hat etwas Angst, wenn man niemanden kennt?
Remo: Es war schließlich in Berlin, da konnte ich mich mit den Leuten unterhalten. Also, mit denen, die Deutsch sprachen. Ich musste mich mit mir selbst beschäftigen, als Stephan mit anderen Leuten am Sprechen war. Aber ich kann mich gut beschäftigen, ich habe ja ein Tablet, auf dem ich Malen nach Zahlen machen kann.
Nina: In Paris, hast du gesagt, warst du auch allein?
Remo: Ja, aber das war mit Jérôme Bel, mit dem anderen Stück The Show Must Go On. Dort hat mich die Person, die in Disabled Theater übersetzt hat, hin- und zurückbegleitet. Ich glaube, sonst war ich da aber allein.
Nina: Und wie war das?
Remo: Das war eine coole Erfahrung. Ich ging in eine Pizzeria und meinte, ich will diese Pizza. Die war etwa so groß [zeigt mit den Händen einen großen Kreis] und ich konnte nur die Hälfte essen.
Thubten:Du hast erzählt, dass das Reisen ein großer Teil der Gründe ist, warum du Theater machst. Ich habe mich gefragt, ob du vorher wusstest, dass das Reisen ein Teil davon sein würde, oder ob du dies erst mit der Zeit gemerkt hast und sich dies so entwickelt hat?
Remo: Ich habe 2006 das Casting gemacht. Ich bin da weitergekommen, durfte dabei sein, habe eine Woche später den Brief erhalten, dass ich ein Teil dieser Gruppe sein darf. Und ich durfte mit nach Berlin. Ja, ich glaube, da war es mir bereits bewusst: Wenn ich Teil des Theaters bin, dann ist das Reisen ein Teil davon.
Nina: Aber dass es danach so abgeht mit Disabled Theater, hätte ja auch niemand gedacht, oder?
Remo: Nein, da hatte ich nicht gedacht, dass ich an so vielen Orten sein werde. Damit hatte ich nicht gerechnet. Am Anfang war das Problem, dass wir weg sind, aber nicht fürs Arbeiten, sondern um Sachen zu kaufen. Es fühlte sich am Anfang so an, als ob ich nicht wegen der Arbeit weggehe, sondern um Sachen zu kaufen.
Nina: Ach so, also für dich war es einfach cool zu shoppen?
Remo: Genau. Und das ist immer noch ein Teil davon, aber ich geh jetzt nach Berlin und wenn ich es zeitlich schaffe, auch um zu shoppen, dann ist das cool, aber wenn es an einem Tag nicht klappt … Früher nahm ich immer so drei- bis vierhundert Euro mit und habe dann alles verprasst. […] Ja, aber da war ich noch etwas jünger. Jetzt würde ich das nicht mehr so machen.
Nina: Um noch einmal zurück zu Thubtens Frage zu kommen, du hast erzählt, dass ihr bereits am Anfang deiner Zeit beim HORA nach Berlin seid – war das auch ein Grund, warum du Theater machen wolltest und nicht irgendwie Gärtnern oder so?
Remo: Nein, ich war damals noch in der Einsatzgruppe in der Werkstatt. Dort hatten wir Außenaufträge und da war ein Chef vom Züriwerk, für den wir ein Abschiedsvideo gemacht haben. Meine Bezugsperson dieser Gruppe hat dieses Video im HORA geschnitten, wo mich dem Anschein nach eine Person gesehen hat und mich daraufhin fragte, ob ich am Casting teilnehmen wolle.
Nina: Also es war wirklich das Theaterspielen, bei dem du gemerkt hast, dass du es gerne machst?
Remo: Ja. Ich kann einfach eine andere Person sein. Ich kann ein Arschloch spielen, ich spiele eigentlich gerne ein Arschloch. Ich sage fast bei jeder Produktion, dass ich gerne eine gemeine Person spielen mag.
Am Reisen ist schön, anderen zu zeigen, was wir können. Ich glaube, die Leute aus Berlin kommen das Stück in der Schweiz anschauen und finden es lässig und laden uns darum auch zu ihnen ans Festival ein. Wir gehen ja nicht einfach so nach Berlin spielen. Es gibt einen Grund, warum wir nach Berlin dürfen: weil sie das Stück cool finden und sie das Stück mit anderen teilen wollen.
Nina: Ja, voll, und da bist du dann stolz auf dich und auf euch?
Remo: Warum jetzt Disabled Theater so gut ankam, ist für mich ein Fragezeichen. Weil eigentlich ist es ja nichts Spezielles. Wir stehen vorne, wir erzählen von unseren Handicaps, wir erzählen unseren Namen, wir tanzen ein wenig – aber ich habe dies schon mit einigen Leuten diskutiert, und die haben erzählt, sie kennen einfach keine Leute mit Handicap …
Nina: Oder einfach, dass der Jérôme Bel so berühmt ist.
Remo: Ja eben, es war nicht wegen dem Theater HORA, dass wir so viel reisten. Es war der Name »Jérôme Bel«.
Nina: Wenn du sagst, dass du nicht ganz verstehst, warum das Stück Disabled Theater so rumgekommen ist – gibt es Stücke, bei denen du fandest, es wäre gut gewesen, sie an anderen Orten zu zeigen, und es schade war, dass dieses Stück es nicht geschafft hat?
Remo: Ja, ich denke das Stück Horror von Tiziana, das wäre cool gewesen, in der Schweiz zu zeigen statt nur in München.
Nina: Warum habt ihr das nur in München gezeigt?
[Austausch mit Stephan bezüglich der Nachfrage]
Remo: Entschuldigung, dass ich unterbreche. Es ist ja auch eine Geldfrage. Der Kreidekreis als Beispiel wäre zu teuer für München. Das wäre eigentlich mal angedacht gewesen, war aber dann zu teuer.
Nina: Das ist leider immer so, oder?
Remo: Je mehr Sachen, je mehr Bühnenbild, desto teurer. Und das Disabled Theater war eigentlich in dieser Hinsicht genial. Weil Stühle gibt es überall, Technik gibt es überall. Beim ersten Teil musste ich nur die Trommel mitschleppen. Das machte das Packen etwas schwieriger.
Nina: Doch es waren natürlich viele Menschen, das war ja sicher auch eine teure Produktion?
Stephan: Vielleicht als Kontext: Das war damals noch billiger als jetzt, weil die Leute nicht so dafür bezahlt wurden.1 Das Stück Disabled Theater tourte intensiv, weil es günstig war, es war aber auch zu günstig.
Nina: Und jetzt? Wie ist es, wenn du irgendwo ein Gastspiel machst? Wirst du dafür bezahlt?
Remo: Nein. Also ich habe ja meinen Lohn, und ich darf nicht mehr verdienen wegen der IV. Da müsste ich dann die Gemeinde informieren und das will ich nicht. Ich hatte solch einen Stress, als es hieß, ich erhalte mehr Lohn.
Stephan: Wir haben jetzt ein neues Lohnsystem, doch mehr dürfen wir nicht bezahlen. Wir haben trotzdem Tagessätze für die Schauspieler*innen eingeführt. Und wir nehmen das Geld für das Labor, damit der Betrieb funktioniert und mehr Leute arbeiten können. Und auch um die Leute daran zu gewöhnen, damit solche Räume geschaffen werden. Wir können keine Gesetze ändern, aber wir können vielleicht die Wahrnehmung dafür ändern, […] weg von der Vorstellung, »ah, die Gruppe ›der Mensch mit Beeinträchtigung‹ arbeitet umsonst. Es ist ja so, das ist normal ...«. Und vor allem die Begleitung wurde hochgesetzt, weil das so eine krasse Arbeit ist. Du bist schließlich 24 Stunden gefordert. […]
Nina: Wie macht ihr das mit Essenskosten etc.?
Stephan: Da versuchen wir zu sparen, also wenn zum Beispiel der Remo und ich in Berlin waren, hatten wir in etwa 14 Franken pro Abend fürs Abendessen und dann schauen wir, dass Remo das Bargeld, das übrig bleibt, haben kann.
Remo: Ich mache das eigentlich nicht wegen dem Geld. Ich mache das, weil es mir Spaß macht, nicht wegen dem Geld. Damals, als wir noch im Homeoffice waren, bin ich auch für einen Nachmittag in die Werkstatt arbeiten gegangen. Ich habe dies nicht wegen dem Geld gemacht, sondern wegen der Beschäftigung.
Wenn ich ein Konto eröffnen müsste – das will ich eben nicht –, dann müsste dies vielleicht das HORA machen. Und wenn sie Geld erhalten, können sie dann entscheiden, ob ich das Geld erhalte oder sie etwas mit der Gruppe machen. Einen Ausflug oder so, eine Schifffahrt oder ich weiß nicht was.
Stephan: Ich finde es immer cool, wenn die Theater die Situation verstehen und auch versuchen, stattdessen Sachen, Geschenke oder T-Shirts oder so ans Ensemble zu geben … Man merkt, dass es Orte gibt, die durchschauen, wie das System ist, und dann schauen, dass es irgendeine Art von Kompensation gibt. Einfach ein Gefühl zu haben, dass die Arbeit etwas wert ist, finde ich schon wichtig.
Remo: Würde ich im Lotto gewinnen, würde ich eine Person suchen, die mit mir eine Weltreise macht. Dann würde ich demjenigen oder derjenigen alles abgeben, und die Person würde alles organisieren: Reisepass, Hotels, Route … und dann würden wir einen Betrag abmachen, den ich abgeben würde.
Träumen darf man ja. Dies wird sowieso nicht passieren, da ich kein Lotto spiele.
Nina: Bist du weniger gereist, bevor du beim HORA warst?
Remo: Wenig, ja. Eigentlich nur in den Sommerferien. Mit meinen zwei Freunden waren wir zweimal auf Teneriffa und einmal auf Fuerteventura und einmal in Griechenland. Und letztes Jahr war ich mit einem Kollegen in Spanien, da waren wir mit dem Car unterwegs. Oder dieses Jahr mit Kollegen in Wien.
Nina: Und wie ist das für dich? Wie fühlt sich dies an im Vergleich dazu, privat zu reisen oder mit demHORA?
Remo: Wenn man privat reist, kann man die Zeit selbst gestalten. Man macht schon einen Treffpunkt ab, aber beim HORA ist um acht Uhr Frühstück, um neun Ablauf … ja.
Stephan: Aus der Perspektive der Begleitung jeden Tag etwas zu finden, wo sieben Leute essen gehen können, die sehr spezifische Bedürfnisse haben, ist echt eine krasse Aufgabe. Viele Festivals haben jetzt auch veganes Essen und wenn du mit Leuten unterwegs bist, die im Wohnheim wohnen, in dem Wurst-, Schnitzel-, Wurst-Tag ist … und dann kommst du plötzlich nach Berlin, in eine fremde Stadt, in der ohnehin alles ungewohnt ist, und legst dann ein Kichererbsen-Soja-Ding vor … Das schafft mega Stress. Und die Leute essen es einfach nicht. Ich versuche immer, den Festivals zu sagen, dass ich das nicht böse meine und es auch nicht gegen Veganismus ist, aber der Abstand des Alltags der Leute und dem, was ihr hier macht, ist einfach zu groß. Da kommen wir nicht mit. […]
Remo: Bei mir ist es relativ einfach. Egal, wohin wir gehen, abends esse ich immer einen Salat. Vielleicht macht es das für Stephan etwas einfacher [lacht]. Aber es ist etwas schwierig, wenn eine Person sagt, morgen will ich da hin und morgen will ich da hin!
Anmerkungen
1 Anmerkung: Die Kosten wurden generell angehoben. Unter anderem weil zuvor beispielsweise auch Begleitpersonen nur 100 Schweizer Franken für ein Wochenende ausbezahlt wurde.
















