Tanztheater von starker Bildhaftigkeit. »Othello und Desdemona« an der Komischen Oper
Aus N-Z, 13.9.1988
von Volkmar Draeger
Erschienen in: Die andere Seite – Tanz in der DDR von 1975 bis 1997 (04/2026)
Auch auf der Ballettbühne scheint ohne Shakespeare nichts mehr zu gehen. Jüngstes Beispiel ist »Othello und Desdemona« von Gerald Humel als erste Premiere der Komischen Oper in der neuen Spielzeit. Dabei sind Ballette um dieses tragische Liebespaar fast Legion, so von José Limón (1949) und Wachtang Tschabukiani (1957), Boris Blachers »Mohr von Venedig« (1955), den 1969
Tom Schilling mit seinem Ensemble gestaltete.
Ihm ist die neue Produktion gewidmet. Sie stammt von Arila Siegert, einst langjährige Solistin des Hauses, nun eine der profiliertesten, anregendsten Choreographinnen unseres Landes. Mit dem Othello-Stoff stellt sie ihren Erstling auf dem Gebiet des abendfüllenden Balletts vor auf Tanztheater zielt die Absicht.
Eine weiße Kurtine verdeckt den Blick in den Bühnenraum. Dann sieht man nackte Männerleiber, die sich, Robben gleich, schwerfällig und langsam einer von Treppen unterbrochenen glattweißen Schräge entgegenschlängeln. Als Grundmodell des Bühnenbilds bleibt sie das Stück über erhalten, so wie Weiß die Grundfarbe vieler Kostüme ist. Qualvoll lange währt jener Prozeß der Menschwerdung, der Kraul-Schwimmbewegungen und Delphinsprünge in Zeitlupe.
Aus dem Gerangel beim Erklimmen der Schräge gehen drei Wesen siegreich hervor, deren Silhouetten sich gegen den Hintergrund abzeichnen: Othello, flankiert von Cassio und Jago.
Aufrecht stehen alle drei auf dem Plateau; dann...
















