Theater der Zeit

TdZ-Neugestaltung 1953

Neue Wege

von Fritz Erpenbeck

Erschienen in: Theater der Zeit: Neue Wege unserer Zeitschrift (12/1952)

Assoziationen: Theatergeschichte Dossier: TdZ-Geschichte

Nach Meiningen brachte als zweite Bühne der DDR das Stadttheater Meißen Burjakowskis Schauspiel Julius Fucik. Unser Bild zeigt eine Szene mit Hanns Schulz, Hannes Döbbelin, der auch Regie führte und Willi Anders.
Nach Meiningen brachte als zweite Bühne der DDR das Stadttheater Meißen Burjakowskis Schauspiel Julius Fucik. Unser Bild zeigt eine Szene mit Hanns Schulz, Hannes Döbbelin, der auch Regie führte und Willi Anders.Foto: Löwe

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Mit dem ersten Januarheft 1953 wird unsere Zeitschrift eine wesentliche Umgestaltung er­fahren. Sie wird bedeutend umfangreicher werden und monatlich erscheinen. überdies wird der bisherige lnformationsteil abgetrennt und, wie ehedem, wieder als „Theaterdienst“ wöchentlich herauskommen. Als Herausgeber wird die Staatliche Kommission für Kunst­angelegenheiten zeichnen. Die redaktionelle Leitung bleibt unverändert, nur wird sie sich künftig auf ein größeres Redaktionskollegium stützen können.  Doch das sind mehr oder minder technische Einzelheiten, die der Leser ausführlicher an anderer Stelle findet. Hier kommt es auf etwas anderes an: auf die ideoIogische  Vertiefung, zu der die erwähnte technische Umgestaltung nur die Grundlage schafft.  Unsere Zeitschrift wurde unlängst im „Neuen Deutschland“ in mehreren wesentlichen Punkten scharf kritisiert. Wer den Inhalt unserer Hefte seit dieser Zeit aufmerksam ver­folgt hat, wird bemerkt haben, daß daraufhin im Rahmen des zunächst Möglichen ent­sprechend reagiert wurde. Mit Recht wurden beispielsweise die bisherigen Kritikquerschnitte durch eine parteinehmende, von der Redaktion zu verantwortende Kritik ersetzt. Die Planung der Aufsätze ist exakter geworden und wird noch exakter werden. Die kollektive Zusammenarbeit mit den Theatern, bisher ziemlich sporadisch, muß auf ein anderes, höheres Niveau gehoben werden; ebenso wie die Verbindung mit unseren Lesern erweitert und gefestigt werden muß.  Zu all dem brauchen wir die Hilfe jedes einzelnen, am weiteren Aufblühen unserer Theater­kunst interessierten Menschen. Die beste Hilfe wird uns die ständige Kritik, aber auch die aktive Teilnahm an der Ausgestaltung des Inhalts sein.  Denn uns sind große Aufgaben gestellt.  Das wird sofort deutlich, wenn wir uns einmal freimachen von fachlich begrenzten Ge­dankengängen und die gegenwärtige politische Situation betrachten.  Das gründliche Studium der letzten wimmschaftlichen Arbeiten J. W. Stalins, des Rechen­schaftsberichts G. M. Malenkows auf dem 19. Parteitag der KPdSU, des tiefgreifenden Referats Walter Ulbrichts auf der 2. Parteikonferenz der SED und dann auf der 10. Tagung ihres Zentralkomitees: all das sind unumgängliche Voraussetzungen für unsere Arbeit auch in den Theatern.  Denken wir nur an die geniale Definition, die J. W. Stalin gab, als er das ökonomische Grundgesetz des Sozialismus für jedermann verständlich darlegte. ,Halten wir diese De­finition nun zusammen mit den beweiskräftigen Ausführungen, die Walter Ulbricht über unsere Situation in der Deutschen Demokratischen Republik machte. Wir sind dabei, die Schwelle zum Sozialismus zu überschreiten. Ergibt sich nicht allein aus diesen beiden wissenschaftlichen Feststellungen eine Fülle von neuen Erfordernissen? Gewiß! Aber auch Inhalt und Charakter dieser neuen Erfordernisse sind aus den genannten Dokumenten des wissenschaftlichen Sozialismus, sofern es darin nicht schon weitgehend geschehen ist, von uns selbst analysierend abzuleiten.  So sei beispielsweise an die grundsätzlichen Ausführungen erinnert, die G. M. Malenkow in seinem Rechenschaftsbericht allein über „das Typische in der Kunst“ machte. Es ist von entscheidender Bedeutung, daß dieser Abschnitt mit dem nicht zu übersehenden Hinweis endet: „Das Problem des Typischen ist stets ein politisches Probl-em.“ Um so mehr als Walter Ulbricht, der auf dem 10. Plenum des Zentralkomitees der SED die Lehren für den Aufbau des Sozialismus in der Deutschen Demokratischen Republik zog, die Ausführungen G. M. Malenkows folgendermaßen ergänzte: 

„Die Kritik und die Richtlinien, die der Genosse Malenkow für die sowjetische Literatur und Kunst gab, haben volle Gültigkeit auch für uns. Unsere Maler, Schriftsteller und  sonstigen Künstler sind in bezug auf die Gestaltung der typischen, positiven Charakter­ züge der Menschen der neuen Zeit zurückgeblieben. Sie kennen nicht genügend die neuen Beziehungen zwischen den Menschen, die sich im sozialistischen Wettbewerb  in den Betrieben oder um die Steigerung der Erträge der Produktionsgenossenschaften entwickeln. Auch unsere Schriftsteller und Künstler müssen mutig Konflikte des Lebens  zeigen und die Waffe der Kritik als eines der wirksamsten Erziehungsmittel anwenden.“

Dann unte,rstreicht Walter Ulbricht noch einmal die Bedeutung gerade dieses Teils des Rechenschaftsberichts von G. M. Malenkow für die Kunstschaffenden und Kunsttheoretiker, indem er fortfährt: 

„Es lohnt sich, daß unsere Schriftsteller und Künstler die von Genossen Malenkow entwickelten Gedanken über das Typische in der Kunst gründlich durchdenken und darüber diskutieren, um zu lernen, eine realistische Kunst zu entwickeln." 

Darum eben geht es: um eine realistische Kunst! Und wenn man unseren Kunstschaffenden immer wieder berechtigt vorwirft, sie seien hinter der ökonomischen und politischen Entwick­lung unserer Republik zurückgeblieben, so ist es offenbar, was für eine realistische Kunst hier einzig und allein gemeint sein kann: eine soziaIistischreaIistische.  Wie aber könnte man sie schaffen, wenn man nicht begriffen hat, worin das Neue in unserem Leben besteht? Wenn man nicht studiert, worin das Grundgesetz des modernen Kapi­talismus und das Grundgesetz des Sozialismus bestehen? Oder wenn man oes nicht versteht, diese Erkenntnisse aus der wissenschaftlichen Abstraktion auf die Konkretheit des Lebens unseres gegenwärtigen Lebens in der Deutschen Demokratischen Republik zu übertragen? Erst wenn das geschieht und zwar nicht nur auf Teilgebiefen, sondern auf allen Gebieten, die unser Leben ausmachen, kann doch erst eine wahrhafte, überzeugende Kunstgestaltung einsitzen! Wer das Leben nicht kennt, kann es nicht gestalten. Das sollte eigentlich eine Binsenweisheit sein; aber kennen wir wirklich das Leben, wie es heute ist?  Nein, allein in dem oben zitierten Satz von Walter Ulbricht sind Lebensstoffe genannt, die prall gefüllt sind mit dramatischen Konflikten, mit heldenhaften Taten, aber auch mit far­bigen Charakteren, außergewöhnlichen und dennoch typischen Situationen, mit Humor, Liebe und Haß, Opfermut und Niedertracht kurz, mit allem, was wir in den meisten unserer Kunstwerke bisher vermissen. Oder glaubt jemand, eine Produktionsgenossenschaft werde in der Situation des verschärften Klassenkampfes aufgebaut von genormten Dutzendmenschen, von einem „statistischen Durchschnitt“, wie G. M. Malenkow sagt? Oder beim sozialistischen Wettbewerb unter den Bauleuten der Lindenoper ginge es so zu wie bei Kindern, die mit ihrem Ankerbaukasten spielen?  Nein das ist das Leben, das ist unser Leben! Wir können es nur verstehen, wenn wir zu­nächst seine Grundlagen erkennen. Und das kann nur wissenschaftIich geschehen; sonst verwirrt uns „der Erscheinungen Flucht“. Die bloße äußerliche Beobachtung, die dem l?ürgerlichen Künstler in seiner Welt, wo er von Urgroßvater, Großvater und Vater her „zu Hause“ war, zum Kunstschaffen genügen mochte, kann uns heute, da etwas gesellschaftlich völlig Neues entsteht, keinesfalls mehr genügen. Beschränken wir uns im Kunstschaffen - einerlei auf welchem Gebiet auf die bloße äußerliche Beobachtung („wie er sich räuspert, wie er spuckt ... "), dann gelangen wir nicht einmal mehr zu einem kritischer Realismus, sondern versinken unweigerlich in der platten Abbilderei, im Naturalismus. Oder, was noch schlimmer ist, wir suchen das Unverstandene „mit formalen Mitteln“ zu be­wältigen und sind mitten drin im bösesten Formalismus! Wir müssen also studieren und wieder studieren.  An dieser Stelle wurde schon oft, eigentlich unablässig, auf das Beispiel der Sowjetunion verwiesen. Das wird weiter geschehen. Denn die Sowjetunion ist das auf allen Gebieten und, wie wir wissen, nicht zuletzt auf unserem Spezialgebiet, der Theaterkunst und Theaterwissen­schaft, fortgeschrittenste Land der Welt. Wenn es dafür überhaupt noch eines Beweises bedürfte, brauchten wir bloß den Namen Stanislawski zu nennen.  Aber haben wir uns schon die Erfahrungs-und Wissensschätze, die uns hier von Freundes­hand geboten werden, genügend zu eigen gemacht? Nein. Und woran liegt das?  Walter Ulbricht gab in der bereits oben zitierten Rede, als er von der Wissenschaft sprach, einen Grund an, der auch für unsere Theaterwissenschaftler und Künstler durchaus zutrifft: 

„Es ist jedoch unbestreitbar, daß die Überheblichkeit mancher unserer Fachleute und Wissenschaftler dazu geführt hat"daß sie stehengeblieben sind. Manche Fachleute schielen noch dem Westen und erkennen nicht die Tatsache, daß die. Sowjetwissenschaft und Sowjettechnik auf den Hauptgebieten die Entwicklung in den kapitalistischen Län­dern ü.berholt haben. Die Selbstzufriedenheit mancher unserer Fachleute, die Auffassung „Es ist erreichr“ ist daher das Haupthindernis der Entwicklung bei uns.“

Wenn wir hier von den Grundsätzen sprechen, die uns in unserer künftigen Arbeit sowohl in den Theatern und der Theaterwissenschaft wie bei der Führung unserer Zeitschrift leiten sollen, können wir nicht umhin, diese Ausführungen mit einem besonders prägnanten Zitat aus der gleichen Rede Walter Ulbrichts zu schließen, das selbstverständlich -trotz der verschiedenartigen Schaffensmethoden für den Künstler, sinngemäß abgewandelt, genau so gilt wie für den Wissenschaftler: 

„Es gibt manche: Wissenschaftler, die ihrer wissenschaftlichen Meinung nicht Ausdruck verleihen und eine ,parteioffizielle Stellungnahme' wünschen, statt kühn die Probleme anzupacken und die vom Leben gestellten Fragen zu beantworten. Eine solche Haltung  des ,Abwartens' widerspricht dem Charakter der wissenschaftlichen Tätigkeit und ist gewiesen, ,daß keine Wissenschaft ohne Kampf der Meinungen, ohne Freiheit der Kritik sich entwickeln und gedeihen kann'.“

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