Protagonist:innen
Differenzen anerkennen
Das Theatre Replacement aus Vancouver widersteht der Versuchung, sich auf nur einen künstlerischen Ansatz festzulegen
von Vanessa Kwan
Erschienen in: Theater der Zeit Spezial: Kanada (09/2021)
Assoziationen: Performance Akteure Nordamerika
Wir stehen heute gemeinsam hier, weil wir uns vor zwanzig Jahren vorgenommen haben, Performances zu entwickeln, die das Theater ersetzen sollten, das damals hauptsächlich um uns herum stattfand.“ Mit diesen Worten begannen James Long und Maiko Yamamoto ihre Dankesrede, als ihnen 2019 der Siminovitch Prize, der höchstdotierte und angesehenste kanadische Theaterpreis, verliehen wurde. Er wäre verlockend, die Geschichte der Zusammenarbeit der Künstlerischen Leiter:innen des Theatre Replacement aus Vancouver als eine Erfolgsgeschichte zu skizzieren: Zwei chaotische Menschen arbeiten zusammen, überwinden Meinungsverschiedenheiten und Unterschiede und werden schließlich sehr, sehr gut. Interessanter ist es allerdings zu sehen, wie sie auf dem Weg nach oben mit Unentschlossenheit, Konflikten und Widerständen umgehen. Denn ihre Arbeit stellt bis heute stets folgende Frage: Was entsteht aus einer Beziehung, der man erlaubt, sich in ständiger Entwicklung zu befinden? Betrachten wir beispielsweise „MINE“ (2018), das Stück, das Yamamoto gemeinsam mit ihrem damals zwölf Jahre alten Sohn Hokuto entwickelt hat. Es untersucht die Komplexität von Mutter-Sohn-Beziehungen, verwebt mit dem spekulativen Erschaffen von Welten durch das Spiel „Minecraft“. Es versammelt Stimmen, wird von Akteuren unterschiedlicher Generationen performt, und häuft eher Bedeutungen an, als Schlussfolgerungen oder Antworten zu bieten. Seine Kernbeziehung (Mutter und Sohn) widersetzt sich einer bequemen Klärung. Wie ein zwölfjähriges Kind entwickelt sich „MINE“ mit jeder Aufführung weiter. Ganz anders hingegen ist die Inszenierung „Footnote Number 12“ (2019), das Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen James Long und Andrea Spreafico zu einem Artikel aus der New York Times von 2006. Von der Prämisse ausgehend, dass dieses Jahr das letzte war, in dem eine weiße cis-hetero Perspektive noch als Stimme kultureller Objektivität gelten durfte, betrachtet die Performance die zentrale Figur (einen weißgesichtigen Trottel mittleren Alters) durch einen Monolog, den eine schmerzhafte Einschätzung von Kultur- und Selbstverständnis umwogt. Darin findet sich das gesamte Unwohlsein kreativer Betrachtung. Die eigentliche Leistung von „Footnote Number 12“ ist es, die Unmittelbarkeit des Konflikts lebendig und im Raum zu halten.
Theatre Replacement haben bislang extreme Vielseitigkeit bewiesen: Von Zwei-Personen-Stücken („Winners and Losers“, 2012; „WeeTube“, 2008), gemeinsam mit lokalen Communitys entwickelten Arbeiten („Town Criers“, 2015; „Town Choir“, 2017), bis hin zu Ausbildungsprogrammen (New Aesthetics), Plattformen für Nachwuchskünstler:innen (PuShOFF/COLLIDER) und jährlich stattfindenden Musical-Spektakeln für alle Altersgruppen (East Van Panto). Sie widerstanden erfolgreich der Versuchung, sich auf lediglich einen künstlerischen Ansatz festzulegen. Selbstreflexiv hat die Kompanie das Etikett „Theater“ verwendet, um neuen Stimmen und Perspektiven Gehör zu verschaffen. „[Wir sind] ... zwei äußerst unterschiedliche Künstler:innen: Eine identifiziert sich als Frau, einer als Mann. Eine ist japanisch-kanadisch, der andere ein Hybrid weißer kanadischer Upperclass-Identitäten“, beschreiben Long und Yamamoto sich selbst. Die Anerkennung von Differenz befeuert das umfassende Durchkreuzen von Annahmen rund um kulturelle Identität, Generationengrenzen, Klasse, Gender, Sprache, und darum, was Präsentationspraxis ausmacht. Es ist keine einfache, störungsfreie Arbeit. //