Auftritt
Theater Oberhausen: Die Basalität des Bösen
„Bruder Eichmann/Geschwister Eichmann“ von Heinar Kipphardt/Lukas Hammerstein– Regie Kathrin Mädler, Bühne und Kostüme Mareike Delaquis Porschka, Musik Cico Beck
von Stefan Keim
Assoziationen: Nordrhein-Westfalen Theaterkritiken Kathrin Mädler Theater Oberhausen

Das Publikum wird auf die Bühne geführt. Hinter dem Eisernen Vorhang setzen wir uns an Tische, die in einem großen Rechteck aufgestellt sind. Ein Glas mit ein bisschen Wasser darin und ein Teller mit einer Kartoffel stehen vor uns. Wer noch keine Kartoffel hat, bekommt sie durch eine verhuschte, etwas unheimliche Kellnerin im Laufe des Abends. Auf den Eintrittskarten stehen Namen. Ich bin Marie, aber das spielt im weiteren Verlauf keine Rolle. Wir sind anscheinend Teil einer Begräbnisgesellschaft, denn in der Mitte zwischen den Tischen ist ein überdimensionaler Erdhaufen aufgeschichtet. Adolf Eichmann wird begraben. Unser „Bruder Eichmann“, wie ihn Heinar Kipphardt in seinem letzten Dokumentartheaterstück Anfang der 1980er-Jahre provozierend genannt hat.
Kathrin Mädler lässt das Ensemble im direkten Kontakt mit dem Publikum spielen. Manchmal setzen sich die Schauspieler:innen auch mit an die Tische, verstreuen Salz oder zermatschen die Kartoffeln. Sie nehmen feste Rollen ein. Die junge Generation befragt Adolf Eichmann nach seiner Rolle bei der Organisation des Völkermords an sechs Millionen jüdischen Menschen. Sie vertreten die Anklage, ein großer Teil von Kipphardts Text besteht aus Verhörprotokollen in Israel, nachdem der Geheimdienst Mossad Eichmann aus seinem argentinischen Exil entführt hat. Seine Frau unterstützt ihn bedingungslos. Und er selbst steht im Zentrum, ein höflicher, gebildeter älterer Herr, der stets darauf verweist, er habe lediglich Befehle befolgt und sei nur ein Rädchen im Getriebe gewesen.
Torsten Bauer entwickelt als Eichmann eine Menge schauspielerischer Facetten. Meist wirkt er leise und souverän, bescheiden und harmlos, fast gerät er in die Nähe der Liebenswürdigkeit. Nur wenn er hart bedrängt wird, kann er laut werden, und vor der Pause verlässt er die Bühne voll donnernder Boshaftigkeit. Da hat er nichts mehr zu verlieren, das Todesurteil ist bereits vollstreckt. Und damit ist er noch lange nicht tot, der Eichmann in uns allen.
Heinar Kipphardt wollte keine Bestie der Bürokratie zeigen, von der man sich leicht distanzieren kann. Es geht um Denkstrukturen, die fortbestehen, vor allem auch um Emotionen, die weiterhin Entscheidungen bestimmen und die Logik überlagern können. Die Basalität des Bösen. Das hat Kathrin Mädler in ihrer immersiven Inszenierung mit der zwingenden Ausstattung von Mareike Delaquis Porschka perfekt umgesetzt. Ein paar Kürzungen hätten dem zweistündigen ersten Teil des Abends gutgetan, doch gegen Ende wird die Aufführung immer dichter und spannender.
Dann gibt es eine lange Pause, weil komplett umgebaut werden muss. Und es folgt noch die Uraufführung „Geschwister Eichmann“, in der Lukas Hammerstein die Gedanken Kipphardts fortführt und aktualisiert. Diesmal zeigt der Raum eine Art Arena, auf einem Video ist ein schwarz-weißer Wald zu sehen, in dem unablässig Blätter fallen. Der Text firmiert als Sprechchor, Hammerstein hat Motive der deutschen Geschichte von Willy Brandt bis zu rechtsradikalen Tendenzen der Gegenwart, garniert mit Fußball-Erinnerungen und Schlagerhits in den Mixer geschmissen und das Gerät auf höchste Stufe gestellt. Dabei ist ein undefinierbarer Gedankensmoothie herausgekommen, garniert mit gelegentlich lustigem Wortwitz, aber ohne größeren Nahrungsgehalt, also Erkenntnisgewinn.
Denn was in „Geschwister Eichmann“ erzählt wird, ist eigentlich schon durch die packende und genaue Inszenierung von „Bruder Eichmann“ klar geworden. Eichmann selbst sitzt im zweiten Teil entspannt im Publikum und hört mit sanft angedeutetem Lächeln zu. Er ist nicht wieder da, er war nie weg. Das großartige Oberhausener Ensemble hilft auch über die überflüssige Uraufführung hinweg und sorgt für einen insgesamt sehenswerten Abend.
Erschienen am 17.3.2025