Theater der Zeit

Auftritt

Staatstheater Mainz: Erkenntnis schadet nie

„Der Chronoplan“ von Julia Kerr (UA) – Musikalische Leitung Gabriel Venzago, Inszenierung Lorenzo Fioroni, Bühne und Video Paul Zoller, Ko-Bühnenbildnerin Katharina Wegmann, Kostüme Annette Braun, Choreografie Fabio Toraldo

von Otto Paul Burkhardt

Assoziationen: Rheinland-Pfalz Theaterkritiken Musiktheater Dossier: Uraufführungen Staatstheater Mainz

Tim-Lukas Reuter als Einstein in „Der Chronoplan“, Regie Lorenzo Fioroni am Staatstheater Mainz. Foto Andreas Etter
Tim-Lukas Reuter als Einstein in „Der Chronoplan“, Regie Lorenzo Fioroni am Staatstheater MainzFoto: Andreas Etter

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Wir schreiben das Jahr 1929. Einstein hat Gäste geladen, es gibt „Roastbeef, Zunge, Kaltes Huhn“. Stolz präsentiert er der illustren Runde aus hochkarätigen Berühmtheiten seine neueste Erfindung: eine Zeitmaschine. Den „Chronoplan“, ein Flugmobil, das Unvorstellbares ermöglicht – die Reise zurück in die Vergangenheit. Das zurückschwebt ins Mittelalter, zu Julius Cäsar, zu Tutanchamun? Die Runde ist großteils schwer beeindruckt. Doch nicht alle haben Lust auf derlei Abenteuer. Richard Strauss präferiert Hierbleiben mit Bier und Skat, auch Max Liebermann winkt ab: „Uffs Jewesne jeb ick nischt.“ Ein paar Waghalsige aber wollen mitfliegen und „Dante, Shakespeare, Ibsen ... knipsen“, wie es heißt. Auch Bernard Shaw lässt sich mitreißen: „Ich fahre mit! Erkenntnis schadet nie!“

So startet das wortgewandte, witzig inspirierte, just in jenem Jahr 1929 auch begonnene Libretto, geschrieben vom bekannten und gefürchteten Kritiker Alfred Kerr. Lange unbeachtet blieb jedoch, dass Kerrs zweite Frau, die am Stern’schen Konservatorium ausgebildete Komponistin Julia Kerr geb. Weismann (1898–1965), auf diesen Text eine Oper geschrieben hat: „Der Chronoplan“ (1930–32). Julia Kerr, Mutter der späteren Bestsellerautorin Judith Kerr („Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“), hatte bereits eine Mörike-Oper vorgelegt („Die schöne Lau“) und stand am Beginn einer Karriere. Doch „Der Chronoplan“ kam nicht mehr zur 1933 in Hamburg geplanten Uraufführung. Die Kerrs mussten ihrer jüdischen Herkunft wegen vor dem NS-Regime fliehen. Julia Kerr, so schilderte es Tochter Judith, nahm ins Exil statt des rosa Kuscheltiers die „Chronoplan“-Partitur mit. Die aber blieb, bis auf eine Radiopremiere 1951, bis heute unaufgeführt.

Dem Staatstheater Mainz gelang nun ein beachtlicher Coup – die szenische Uraufführung von Julia Kerrs Opernfragment, über 90 Jahre nach der Entstehung, vervollständigt und in Teilen rekonstruiert von Norbert Biermann. Regisseur Lorenzo Fioroni überrascht mit einer multiperspektivischen Melange aus Satire, Sci-Fi und historischem Gesellschaftsporträt – bezugs- und bilderreich, unterhaltend und fordernd. Seine Inszenierung greift die schwungvolle Operetten-Ironie auf, die Musik und Text verströmen, zeigt das Ganze aber auch als aberwitzige Parabel aufs Ende der Weimarer Republik. Die Musik, vielfarbig aufgefächert von Gabriel Venzago, bewegt sich ideenreich zwischen neusachlichem Drive und Krenek’schem Zeitopern-Stil, zwischen freitonaler Leichtigkeit und Weill’scher Songrevue, zwischen Wagner’schen Leitmotiven und Orchesterzauber à la Franz Schreker. Direkte Anspielungen? Nur punktuell: Wenn Strauss auftaucht, ertönt satter Dur-Hörnerklang, zeitweise wird auch mit „Rosenkavalier“-Schmäh gewalzert. 

Zunächst bedient die Regie die Erwartungen, wenn Einstein, per Gummihautmaske erkennbar, zwischen den Gästen herumwuselt und reglose Kellnerinnen-Roboter mit ein paar Handgriffen wieder funktionstüchtig macht. Auch die Darstellenden von Strauss, Liebermann & Co. tragen solche Zweitgesichter, die sie dann aber ablegen. Frau Einstein (Luisa Sagliano) aus dem schwäbischen Hechingen gibt ihrem Gatten die geliebte Violine mit auf die Zeitreise durchs Universum: „Komm g‘sund heim“. Fürs All rät sie: „Und wenn dir’s schlimm geht, geigscht a bissle was.“

Fioroni entdeckt die Oper als Satire – etwa auf die rauschhafte Technikgläubigkeit der Zeit. „Chronoplan! Bist du bereit? Reg dich zum Ritt durch das Rätselgebiet! Rase zurück durch den Raum in die Zeit!“ So preist Einstein, bei Tim-Lukas Reuter ein temperamentvoller Bariton, seine Erfindung. In wilden Alliterationen – „flinkstes Fahrzeug, furchtbefreit“ – wird nebenbei auch Wagner-Pathos veralbert.

Der Chronoplan? In Mainz ist es eine schwarze Box, außen mit Formeln vollgekritzelt. Den im Original komplett ausgesparten Zeitflug durch die Epochen ergänzt die Regie: als kosmischen Trip auf Großvideo, mit funkelndem Sternenmeer und unterlegt mit Elektronikorgelsounds von Paul-Johannes Kirschner. Per Animationsfilm fliegt die Maschine zeitlich nicht nur zurück, sondern auch kurz vorwärts bis 1935 – Bilder von Panzern und NS-Insignien ziehen vorbei. Eine lapidare Chronik, präsentiert von putzmunteren, silbernen Comic-Marswesen.

Weiter im Operntext: Weil der Chronoplan schlapp macht, schafft er es nicht bis zu Cäsar zurück, sondern muss schon 1805 bruchlanden – in der englischen Romantik. Und trifft dort auf den 17-jährigen, noch völlig unbekannten späteren Lord Byron und auf die von ihm angehimmelte Nikoline, verkörpert in schwärmerischen Duetten von Daniel Schliewa und Maren Schwier. Fioroni inszeniert diese Landidylle als sanfte Lovestory-Parodie im Kasperltheater-Stil. Den labilen Byron nimmt die Crew als Trophäe gleich mit auf den Rückflug.

Zurück im Jahr 1929, zerfasert das Ganze etwas, auch weil der Opernflow durch gesprochene und melodramatische Szenen unterbrochen wird. Die Regie hat den wie eine Zirkusattraktion herumgereichten Byron inzwischen mit viel Kostümaufwand zu einem bizarren „Unter-Ich“-Mischwesen umgestylt – zwischen bedauernswerter Laborratte, gefährlicher Drachenechse und arglosem E.T.-Geschöpf. In der „schönen neuen Welt“ der 1920er findet sich der heillose Romantiker Byron nicht zurecht. Hinzu kommt ein zynischer Russenbaron, den die Regie im Uncle-Sam-Look auftreten lässt. Er beliefert Rebellen wie Großmächte mit Waffen – so sieht Byron auch sein Freiheitsideal („Kämpfer sein und Melodie!“) bitter verhöhnt. Fioroni zeigt die Oper zunehmend als Endzeitgroteske. Bis eine Irrläufer-Bombe des Barons alles zerstört und Einstein den armen Byron („Ich will nach Haus!“) mit einem Boot aus der Gefahrenzone rudert – librettogetreu. Musikalisch schließt Julia Kerr mit der Eingangsmotivik, nun aber nicht mehr voller Elan, sondern lärmend, kalt und unheilvoll. In Mainz verklingt die Oper mit einem zagen Cello-Solo leise im Nichts.

Gut, manche Hinzufügung wirkt plakativ, und über das finale Byron-Outfit lässt sich streiten. Dennoch: Kompliment ans Staatstheater Mainz für diese Wiederentdeckung der Komponistin Julia Kerr – eine respektable, gewagt konzipierte Uraufführung und eine solide Ensembleleistung. Es geht auch anders, doch so geht es auch.

Erschienen am 28.1.2026

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