Theater der Zeit

Stück Labor – Neue Schweizer Dramatik

Ich bin gekommen, um zu sagen, dass ich gehe (AT)

von Anne Haug

Erschienen in: Theater der Zeit: Henry Hübchen (02/2022)

Assoziationen: Dramatik Schweiz Theater Basel

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Die Bushaltestelle ist ein kleines, orangefarbenes Häuschen an der Hauptstrasse, die durch das Kaff führt. Die Autos, die vorbeirasen, sind teuer. Busse fahren nur einmal pro Stunde. Egal in welche Richtung. Der Bus kommt an. SIE steigt aus dem Bus aus.

Das Würgen beginnt bei der Bushaltestelle, wenn ich sie sehe, das kleine, orangefarbene Häuschen, dann könnte ich kotzen, den Boden des Busses vollkotzen, so wie ich es mir immer als Jugendliche vorgestellt habe, im Nachtbus zurück ins Kaff, dass einer der Besoffenen den Boden des Busses voll kotzt und uns alle auch, so könnte ich kotzen, aber ich tue es nicht, denn ich sehe dich, Tamara, wie du da sitzt, wie früher sitzt du da, wenn wir, du ganz links und ich ganz rechts, auf der langen Bank der Haltestelle, auf den Bus gewartet haben, der uns in die Schule brachte, du sitzt da wie eine himmlische Erscheinung, den einen begegnet Mutter Gottes und mir begegnest du, Tamara, Alptraum meiner Jugend, du sitzt da, in der Bushaltestelle, mit deinen Kindern, drei Mädchen, die exakt so aussehen wie du und starrst mich an, als wäre ich ein Geist und ich schaue zurück und denke, meine Fresse, bist du alt geworden, Tamara, verdorrt und zugleich bist du schön gebotoxt, das denke ich, vielleicht hab ich es laut gesagt, nein, natürlich nicht, ich schlucke meine Kotze wieder runter und überlege, ob ich mit dir reden soll, wie war dein Leben in den letzten neunzehn Jahren, du würdest lächeln, perfekte Zähne und sagen toll, ganz toll war es, ich bin hier geblieben, in dem Kaff, ich lebe in einem großen Einfamilienhaus, man könnte fast behaupten einer Villa, auf dem Grundstück meiner Eltern, mit meinem geliebten Ehemann, der viel verdient und noch mehr erben wird als ich, studiert hab ich, natürlich Wirtschaft, wie man das so macht bei uns, aber arbeiten war nie mein Ding, ich hab auch damit aufgehört, als ich das erste Kind aus meinem Körper presste, denn Mutter sein, ist alles, was ich will, es macht mich froh und ausgefüllt, würdest du sagen, mit glockenheller Stimme, einer Stimme die nur Frauen haben, durch deren Kehle das helle Licht der Mutterliebe scheint, Jessica, Joleen und Jennifer jetzt setzt euch aufrecht hin, die Beine schön zusammen und hochgereckt das Kinn, denn Eleganz will früh gelernt und stets beachtet sein, meine Stirne spannt, ich hab es übertrieben, das letzte Botoxieren war zu viel, aber es macht mich froh und auch ein bisschen geil, die Spritze, die in meinen Kopf sich rammt, das Surren unter meiner Haut, wenn sich das Gift verbreitet, ich hab mir schon als Kind gewünscht, ich könnte Zaubertränke mischen, Joleen, jetzt halt den Kopf gerade, dein Zopf sieht heute zauberfeinstens aus, hübsch bist du, so hübsch, wie ich es einmal war, ich war Maria in dem Krippenspiel, im Schultheater die Prinzessin, am Abschlussball hab ich Balladen vorgetragen, Mariah Carey hab ich da gesungen, sie war die Göttin dieser Zeit und ich die Göttin meiner Schule, jetzt sprecht doch bitte leiser, Jessica, Joleen und Jennifer, Mädchen schreien nicht so rum, Einhornbabies, Feen, Puppen, daraus besteht mein Leben und genau so wollte ich das, so stell ich mir das Innenleben von deinem hübschen Köpfchen vor, Tamara, und deshalb schluck ich meine Kotze wieder runter und frage nichts, du starrst mich zum Glück nur an und sagst kein Wort, ich weiß nicht, ob du mich erkennst, vielleicht hast du mich auch vergessen, doch dein rehäugiger Blick unter gelifteten Lidern reicht aus, dass ich mir sicher bin, es war Zeit zurückzukommen, ich habe wirklich nicht damit gerechnet, je wieder einen Fuß hierher zu setzen, in das, was ich Zuhause nennen muss, weil davon ausgegangen wird, dass alle etwas haben, das sie Zuhause nennen wollen, aber ich hab den nicht, den Ort, denn das wäre diese Bushaltestelle und die Häuser drumherum, ein sogenanntes Straßenkaff, ein charakterloser Ort, der an einer Straße liegt, in der Nähe einer Stadt, die keine Metropole ist und dafür bin ich mir zu schade, um aus einem Straßenkaff zu kommen, das hab ich schon als Kind gedacht, das kann nicht mein Zuhause sein, ich ging ganz einfach davon aus, diesen Ort nie wieder zu betreten, denn Gründe dafür gibt es wirklich kaum, neunzehn Jahre war ich weg und dachte immer, wenn, dann käme ich in einem Cabrio zurück, mit Sonnenbrille, extrem gutaussehend und mindestens genauso reich wie du, Tamara, reich und schön, wie es sich in diesem Kaff zu sein gehört, so hab ich mir das vorgestellt, ein Feldzug des Triumphs, denn im Gegensatz zu dir und allen anderen, hätte ich mein Geld selbst verdient, mit meinen eigenen Händen, im Gegensatz zu dir, Tamara, denn du schwimmst darin, seit du geboren bist, du bist hineingefallen in ein Wasserbett aus Geld, das du später erben wirst und deshalb bist du leicht wie eine Feder, das warst du immer schon, ein rosa Federchen, das elegant durchs Leben schwebt, ich daneben wie ein Klumpen Scham, der nie was erben wird, außer noch mehr Scham, aber Erben ist auch feige, ich weiß, es schmerzt dich, das zu hören, aber Erben, das ist schlicht und einfach feige, du kannst zwar nichts dafür, aber du hast auch nichts dafür getan, Erben gleich feige, das stünde auf der großen Fahne, die hinten aus meinem Cabrio flatterte, bei meinem Feldzug des Triumphs, wie eines dieser Banner, die in amerikanischen Filmen an Privatjets hängen und just married verkünden oder Whiskywerbung sind, apropos Whisky, ihr habt doch bestimmt so eine Spiegelbar zu Hause, dein Ehemann und du, mit teurem Whisky, von der Haushälterin, die ihr natürlich gut bezahlt und die seit Jahren bei euch ist, von der Haushälterin in Kristallflaschen gefüllt, den teuren Whisky, an der Spiegelbar, wo dein Mann sich abends einen einschenkt, bevor ihr in eurem neuen highclass Wasserbett noch eines dieser Kinder zeugt, die so aussehen wie du, kleine Kopien deiner selbst, die du geboren, genährt, gekleidet und frisiert hast und die, wie du im Wasserbett gezeugt, ins Wasserbett des Reichtums fallen, wieso fahrt ihr eigentlich im Bus und nicht im SUV, das frag ich mich, damit die Kinder etwas lernen, über die Welt, die es da draussen gibt, Jessica, Joleen und Jennifer, die sind sich das doch nicht gewohnt, dass ihre kleinen Ärsche auf angewärmten Sitzen sitzen müssen, wo davor schon mal einer saß, Jessica, Joleen und Jennifer, die weinen heute Nacht im Bett bestimmt ganz bitterlich, weil sie traumatisiert vom Warten an der Haltestelle sind, doch du tröstest sie, mit deiner Mutterliebe, alles wird gut, euch kann nichts geschehen, wir fahren nie mehr mit dem Bus, wir fahren nur noch SUV und Jessica, Joleen und Jennifer schlafen endlich ein, wie Engel schlafen sie, weißt du, als Kind hab ich mir immer vorgestellt, dass Gebärmütter zusammenhängen, dass man aus dem Himmel durch blutige Gänge rutscht als Embryo und lauter Abzweigungen sieht, mit Familiennamen dran und eine nimmt man dann, eine Abzweigung und rutscht in den Körper seiner Mutter rein, das heißt, man wäre selber schuld, wo man dann gelandet ist, man hätte sich das Nest gewählt, in dem man wächst, genährt, gekleidet und frisiert wird, also heult nicht rum, Tamaras Bälger, ihr seid genau wie ich selbst schuld, das ist man generell, selbst schuld, für den SUV und das Wasserbett, selbst schuld, für die Krankheiten und den Kontostand, selbst schuld, für die Herkunft und die Karriere, wir tun zwar immer so, als wäre da viel Glück dabei, und sowas, was man Schicksal nennt, doch insgeheim wissen wir alle, dass man selbst schuld ist, weil man eben die falsche Abzweigung genommen hat als Embryo und es auch danach nicht richtig hingeschissen hat, das Leben, ich denke das im übrigen auch selbst, dabei hab ich doch nicht schlecht gewählt, im Gegenteil, die tiefe Liebe, die ich stets empfinde, wenn ich an meine Eltern denke, ist doch der Beweis dafür, wie sie an meinem Geburtstagsfest hinter dem Sofa saßen und das beste Puppenspiel der Welt darboten, sowas gab es bei dir nicht, Tamara, Botoxierte, dein eingekaufter Clown war eine Hure, ein Hurenclown für die Bälger derer, die sich Huren leisten konnten, weißt du noch, dein Geburtstagsfest, Tamara, damals, als ich noch an deine Partys eingeladen war, du wurdest sieben oder acht und deine Party fand im Villengarten statt, Girlanden, Ponys und ein Himalaya an Geschenken, kreischende Kinder, die nicht mal wussten, wer Geburtstag hatte, die Mütter hatten sie da hingeschleppt, du hast mich eingeladen, ich erinnere mich genau, mit einer Karte, die gesungen hat, wenn man sie öffnete und im Gegensatz zu allen anderen, wusste ich, wessen Ehrentag es war, ich hatte dir ein Plastikpferdchen mitgebracht, ein rosa Pferd, weil ich mir dachte, dass dir das gefallen würde, doch du hattest echte Ponys, da hab ich das Plastikpferd in deinem Luxusklo versenkt, als ich zurückkam in den Garten, da stand da eine riesengroße Torte, ganz rosa, voller Sahne, Teig und Buttercreme, plötzlich platzte sie, die Torte, sie platzte wie ein Luftballon und aus ihr raus, da sprang der Hurenclown und hat hurra geschrien, diese Hure, hurra, hoch lebe sie, Tamara, das Geburtstagskind, wir haben dann gesungen, der Clown am allerlautesten, es war ein großes Fest, doch dann hast du ein Glas zerbrochen, kein teures, sondern irgendeins, da hat dich deine Mutter auf dein Zimmer hochgeschickt zur Strafe, die Vorhänge hat sie zu gezerrt und er hat einfach weitergemacht, der Hurenclown, hat Ballontiere gebastelt und ist rumgehüpft, während du da oben aus dem Zimmer rausgeschrien hast, das hab ich nie vergessen, Tamara, mein Geburtstagskind, die Liebe hat gestimmt, in meinem Embryonengang, die Frage ist, was will man mehr und trotzdem steckt ein Klumpen drin in meinem Hals, ein Klumpen Wut, ein gelähmter Klumpen Wut, Wut und Druck und Schuld, ein Schuldklumpen, ein Versagerklumpen, den man nicht einmal an dieser Bushaltestelle einfach so rauskotzen kann, kinderlos und arm mit beinahe vierzig ist wirklich keine beneidenswerte Bilanz für eine Frau, denn so sieht sie aus, Tamara meine Feder, die tragische Realität meiner Wiederkunft, nix Cabrio, nix Taxifahrt, im Bus bin ich gekommen und dabei wollte ich immer sein wie du, du bist damals in der Schule, als wir alle unsere Berufswünsche an die Wandtafel schreiben mussten, mit deinem rosa Kleidchen als Erste aufgestanden und hast Star darauf gekritzelt, das möchte ich werden, hast du gesagt, ein Star, ganz egal als was, aber berühmt, da haben alle applaudiert, ich auch, ich fand dich wundervoll, am lautesten geklatscht hat Dominic, der Klassenhurenclown, der Sportlichste, reich und schön, wie du, du geile Sau, rief er, das wirst du ganz bestimmt, ich wusste damals überhaupt nicht, was ich gerne werden würde, doch Star klang irgendwie ganz gut, man bekommt viel Liebe, dachte ich, als Star, und Liebe ist die Währung, die im Leben zählt, das habe ich gelernt von meinen Eltern, also hab ich das auch aufgeschrieben, Star, dass ich das werden will, an die Tafel und die Kreide hat gequietscht, alle schwiegen erst, doch dann kam ein gluckerndes Geräusch aus deinem Mund, Tamara, du hast gekichert und mit dir die gesamte Klasse und dann die Lehrerin, ein kollektives Kichern, unerträglich, da brüllte Dominic, vergiss das bloß, was glaubst du denn, deine Fresse reicht niemals zum Star, Dominic war immer schon dein Mann, ihr seid euch jeweils ganz die zweite Hälfte und wenn du heute Abend Jessica, Joleen und Jennifer von der Ballettstunde nach Hause bringst, wenn sich die Villeneinfahrt öffnet, dann steht er da und ist auch heute noch dein Mann, da greifen starke Männerarme nach Jessica, Joleen und Jennifer, sie werden hochgewirbelt und Dominic steht da, deine zweite Hälfte, Jessica, Joleen und Jennifer sind nicht etwa aus dem Himmel, sondern aus seinen, mit Gold gefüllten Eiern durch blutige Gänge in deine Gebärmutter gekrochen und der gelähmte Klumpen Wut aus meinem Hals fällt runter, tief in meinen Körper, in meinen Magen, zurück in meinen Hals und nun kotze ich tatsächlich, ich kotze Blut, ich kotze bis ich nicht mehr kann, eine Bilderbuchfamilie, ich wische über meinen roten Mund, ich bin zurückgekommen, wegen ihm, nicht nur wegen dir, ich bin gekommen wegen ihm, wegen Dominic, was für ein unspektakulärer Name, dafür dass er so viel Bedeutung für mich hat, weißt du, in jedem Menschen ist ein klitzekleiner Kern, sozusagen die Essenz des Einzelnen, das was übrig bleibt, vielleicht die Seele und dieser Kern wird irgendwann gespalten, früher oder später, von jemandem oder etwas, das ist der Moment, wo deine Kindheit endet, das Nest zerbricht und du fällst, tief und hart und du wachst auf und weißt, das ist es jetzt, das ist das echte Leben, neunzehn Jahre ist es her, seit mein Kern gespalten wurde und die Schuld daran, die trag nicht ich, diesmal nicht, sondern ihr, der Dorfball, du und Dominic, neunzehn Jahre ist es her, seit mein Kern von euch gespalten wurde, am Dorfball, dem Höhepunkt des Jahres, dem wichtigsten Ereignis in diesem Straßenkaff, die Jugend wird gefeiert, die Achtzehnjährigen, die sogenannte Mündigkeit, das Ganze findet in der Mehrzweckhalle statt, ähnlich der orangefarbenen Bushaltestelle ist die Mehrzweckhalle ein Ort, der nur in einem solchen Kaff den Status eines Tempels, einer heiligen Stätte geradezu, erreichen kann, Einschulungen, Ausschulungen, Jubiläen jeder Art, Hochzeiten und Beerdigungen, das alles findet in der Mehrzweckhalle statt, doch der Dorfball ist der Höhepunkt des Jahres, ein Schaulaufen der Eitelkeiten, ein Wettbewerb des Kapitals, erst mal müssen Eltern in der Lage sein, für das Geburtstagsfest den Hurenclown zu finanzieren, zwölf Jahre später müssen sie ihrem mittlerweile pubertären Kind mindestens ein schickes Kleid und teure Schuhe kaufen können, damit es seinen ungelenken Körper in die geschmückte Halle schwingen kann und so sammeln sich die Achtzehnjährigen und dann wird eine Schönheitskönigin gewählt, von den jungen Männern in geheimer Wahl erkoren und die singt dann ein Lied und alle tanzen eng dazu, was erstmal harmlos klingt, entscheidet über Leben, der Dorfball ist eine Guillotine, ein Schafott, das schon manchen Kern gespalten hat, weißt du noch, vor neunzehn Jahren, als wir achtzehn wurden, trug man auf dem Dorfball rückenfreie Kleider, nicht irgendwelche Fetzen, sondern ein ganz bestimmtes rückenfreies Kleid, das die jungfräuliche Schönheit aus dem amerikanischen Kinohit des Jahres kleidete, bevor sie auf ihrer Highschool­abschlussparty erst geschändet und dann von einem Mann im Clownskostüm mit einer rosa Axt zerstückelt wurde, der schäbige Streifen war in aller Munde, man musste ihn gesehen haben, ich bin auch ins Kino, hab den Horrorfilm geguckt und habe immer nur an deinen Hurenclown gedacht, Tamara, der an der Geburtstagsfeier aus der Torte kam und seitdem träume ich von ihm, von einem dünnen schmalen Weg, auf dem ich gehe, von dem links und rechts nichts ist, mir entgegen kommt dein Hurenclown, der Clown mit roter Nase, grinsendem Gesicht voller Reste von der Geburtstagstorte und in der Hand die rosa Axt, vom bösen Clown des Kinohits, dieser Hurenclown kommt mir entgegen auf dem Weg und ich kann nirgends hin in meinem Traum, trotzdem wollte ich damals natürlich auch ein rückenfreies Kleid und zwar nicht irgendeines, sondern ebendieses Kleid, das Kleid der geschändeten Jungfrau, die vom Clown zerstückelt wurde, ich bin dann in die Stadt gefahren in einen Luxusladen und hab das rückenfreie Kleid gesucht, ich wünschte, dass ich mich damit verwandeln würde, in ein anderes Mädchen, eine Tamara, in dich, leicht und schön, mit rosa Haut und weichen, feinen Haaren, ich hatte Angst, den Luxusladen zu betreten, wo die rückenfreien Kleider hingen, bunt aufgereiht in der Vitrine, wie ein schaler Regenbogen, irgendwann bin ich dann rein, hab den Atem angehalten und das Preisschild umgedreht, daran denke ich bis heut, wenn ich ein Preisschild drehe und habe die Zahl gesehen und hätte weinen können, ich wusste nicht, dass ein einzelnes, trauriges Kleid überhaupt so teuer sein darf, ein Fetzen Stoff mit einem Loch im Rücken, ich bin raus aus dem Geschäft und rein in den Discountklamottenladen, ich hab ein Plastikkleid gekauft und ein Loch hineingeschnitten, eine täuschend echte Fälschung, do it yourself, forever and ever, ich würde gerne sagen, das ist doch ein Talent, dass man sich die teuren Dinge selber basteln kann, aber leider stimmt das nicht, ein Geständnis streifte ich mir mit dem selbstgemachten Fetzen über, ich hab mich nicht in dich verwandelt, ich bin ich geblieben, in meinem Plastikkleid, das ein Geständnis ist, betrete ich die Mehrzweckhalle, lauter rückenfreie Kleider, durch den Lockenstab gezogenes Haar, eine Wolke aus verschiedenen Parfümen und irgendwo in einer Ecke die verklemmten, jungen Männer, die schon mal saufen, um den Anblick der freien eingecremten Mädchenrücken mit ihren unerfahrenen Schwänzen irgendwie in ­Harmonie zu bringen, denn es wäre ja fatal beim ersten Engtanz eine der Kaffschönheiten zu bedrängen, es laufen Hits der Nuller Jahre, die Mehrzweckhalle ist geschmückt mit bunten Luftballons, lauter Einsen und Achten, die über unseren Köpfen schweben, man trinkt Bowle, mit großem Löffel in Glitzerbecher abgefüllt, ich trinke auch drei Becher von dem bunten Zeug, es klebt, mir wird ganz warm, fast fühle ich mich glücklich, ich sitze ganz zufrieden in einer ruhigen Ecke, um mich herum die anderen drei, die es noch gibt, die ihre Kleider selbst gebastelt haben, aber ich spreche nicht mit ihnen, denn ich sehe nur dich, Tamara, wie du, einer Göttin gleich, ankommst und durch die Menge schreitest, mit Diamanten bestäubt, die Zukunft vor dir, wie ein Teppich aus goldenem Schaum, das rückenfreie Kleid sieht unglaublich an dir aus, da ist nichts ungelenk, deine Haare fließen den zarten Rücken runter, du bist wunderschön, den ganzen Abend, den klebrigen Bowlebecher fest in meiner Hand ruht mein Blick auf dir und wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann wünschte ich, ich wäre du und so vergehen zähe Stunden, ich tanze ein bisschen, I’m a Survivor, die Bowle hilft und mein Kleid sieht mittlerweile fast so aus wie die der anderen, dann fängt der Engtanz an und du schmiegst dich an Dominic, ihr schwebt durch den Raum, wie Tanzpaare in Filmen, so kommt es mir zumindest vor, nach einem halben Liter Bowle, ich sehe, wie ihr tanzt und eine tiefe Sehnsucht gepaart mit Traurigkeit steigt in mir hoch, ich weine fast, das ist das Schönste, was ich je gesehen habe, die geschmückte Mehrzweckhalle, die Tanzfläche und darauf dieses Paar, du und dein Mann, das sieht man auf den ersten Blick, dass eine große Liebe euch verbindet, eure Hochzeit wird bestimmt fantastisch, du im weißen Kleid und er im Anzug, irgendwo in einer Villa in Italien, mit Brautjungfern und einer Hochzeitstorte, es läuft ein Hit der Nuller Jahre, ihr küsst euch und man denkt, die Liebe höret nimmer auf, ich trinke einen großen Schluck von meiner Bowle, da wird das Licht gedimmt, die Mehrzweckbühne freigeräumt, jetzt kommt sie endlich, die Ejakulation des Abends, die Wahl der Schönheitskönigin, in der letzten Woche durften alle Männer der Gemeinde, die in dem Jahr achtzehn wurden, einen Zettel in eine Urne werfen, um unter allen Frauen der ­Gemeinde, die in dem Jahr achtzehn wurden, die Königin zu wählen, die Spannung steigt und ­Dominic springt sportlich auf die Bühne, auserkoren, um die Gewählte nun zu krönen, mit einem Briefumschlag in seiner Hand, in die Menge grinsend, als Stellvertreter aller jungen Männer, reißt er den Umschlag auf, die Menge wartet gierig, die Luft ist zum Zerreißen angespannt, er zieht den Zettel aus dem Umschlag und dann sagt er es, er sagt meinen Namen, meinen Namen, ich verstehe nicht, mein Herz rutscht irgendwo dahin, wo meine Füße in den zu engen Billigschuhen pochen, wortlos ist die Menge, alle Köpfe drehen sich zu mir, sie haben mich gewählt, als Schönheitskönigin, das kann nicht sein, ich könnte kotzen und schlucke meine Kotze runter, doch da sagt er ihn ein zweites Mal, meinen Namen und in die Totenstille frage ich, meine Stimme zittert, ich frage, ich, wirklich ich, da lacht Tamara schallend auf und plötzlich lachen alle, die ganze Mehrzweckhalle lacht und Dominic, der lacht am lautesten, er nimmt das ­Mikrofon und brüllt hinein, natürlich nicht, du dumme Kuh, Tamara ist die Schönheitskönigin, sie ist der wahre Star, es gibt nur eine, der die Krone hier gebührt und du bist es ganz sicher nicht und du wirst es niemals sein, das schwör ich hier und jetzt, das einzig Geile an dir, das sind deine Titten, die Fresse reicht niemals zum Star, deine Fresse reicht zu nichts, dich wird keiner jemals ficken, dabei täte dir das gut, dich wird keiner jemals ficken, der Satz hallt in das Mikrofon, die Mehrzweckhalle grölt und meine Hand zerquetscht den Becher mit der Bowle, sie tropft auf das selbstgemachte Kleid, ich weiß, ich muss hier sofort weg, ich weiß nicht wie, die Fratzen um mich rum, sind nicht mehr pubertäre, picklige Gesichter, geschminkte Mädchen­lippen, sie haben sich verwandelt, es sind alles Hurenclowns, die Welt zerfließt in bunte Farben, wie wenn Regen ein Kreidebild zerfließen lässt, ich zerfließe auch, mein Kleid zerfließt, die Mehrzweckhalle, Tamara wird die Krone überreicht, sie singt eine Ballade als einzig wahre Königin, ­Mariah Carey, die Töne fließen und ich fließe davon, vor lauter Scham und Hass, ich finde mich draußen wieder, in der kalten Winternacht, ich renne durch das Kaff, mein Körper zittert, gehört nicht mehr zu mir, heulend sitze ich an der Bushaltestelle, am Rücken ein eiskaltes Loch und bis die Finger ­bluten, kratzen meine Nägel in die Haltestellenbank DICH WIRD KEINER JEMALS FICKEN, zart streicht meine Hand jetzt über den eingekerbten Satz, der neunzehn Jahre später immer noch da steht, ich wusste damals nicht, wie anstrengend es ist, ein Star zu werden, ich hatte keine Ahnung, doch ich beschloss in jener Nacht, dass ich einer werden muss, denn Stars sind die, die jeder ficken will, ich blicke zu dir rüber, Tamara, zum anderen Ende der Bushaltestelle, wo du sitzt mit deinen Kindern, die genauso aussehen wie du, gut gebo­toxt bist du und noch immer wunderschön und doch bist du kein Star geworden, hast dafür Jessica, Joleen und Jennifer, drei Engel, die dich mit bedingungsloser Liebe glücklich machen, ich hatte bisher noch kein Geld für Botox oder Kinder, vermutlich hätte ich beides schon gemacht, wenn ich es mir hätte leisten können, ich bin vor neunzehn Jahren aufgestanden von der Haltestellenbank, habe die Straßenseite gewechselt und den Bus in die andere Richtung genommen, raus aus dem Kaff, bin aufgebrochen, in die Metropole, die Arschlochmetropole, um das zu tun, was keiner von mir dachte, ich habe Tag und Nacht dafür geackert, diese ganzen Jahre, glaube mir, Tamara, um allen zu beweisen, allen die an diesem Dorfball waren, dir und natürlich Dominic, dass ich es doch sein kann, ein Star, ganz egal als was, aber berühmt, ich habe vorgetanzt und vorgesungen, lukrativ war nichts davon, ich habe meine Seele verkauft und zurück ersteigert, um sie am nächsten Tag gleich wieder zu verhökern, ich habe jedes Buch über Erfolg gelesen und hatte jeden Nebenjob um den Erfolg zu finanzieren, der Tag hat vierundzwanzig Stunden, wenn das nicht reicht, dann nehme ich die Nacht dazu, irgendwann hatte ich eine kleine harte Stelle an meiner linken Hand, unten auf der Innenseite, wie eine Warze oder ­Tumor, ich bin zu Doktor Kettler, einem Dermatologen mit sehr gutem Ruf, einem Stardermatologen, bei Doktor Kettler hängt ein Foto von Matt Damon an der Wand, thank you Doktor Kettler, steht darauf, ich dachte, das ist vielleicht ein gutes Omen, hallo Doktor Kettler, da stimmt was nicht mit meiner Hand, da hat er es heraus geschnitten, dieses kleine Stückchen Härte und hat das Löchlein zugenäht, weggeschickt hat er das Stückchen ich, in ein Labor und meinte, ich solle wiederkommen in ein paar Tagen, dann hätte er ein Resultat und als ich wieder kam, da sagte er, es wäre nicht schlimm, kein Tumor, nur eine Arbeitsschwiele, ob ich viel mit meinen Händen machen würde, nein, das tue ich nicht, dann sei es wohl der Stress, diagnostizierte Doktor Kettler, und verschrieb mir Lymphdrainagen, die ich mir nicht leisten konnte, thank you Doktor Kettler, hab ich mir gedacht, als ich wieder auf der Straße stand und verdrückte eine Träne, dass meine Schwiele im Labor gelandet war und dann hab ich weitergemacht, Tamara, auf meinem Weg nach oben, mein Ziel ein Star zu sein tief eingekerbt in meiner Hand, bereit das Leben zu bestehen, die Eltern werden mir nichts vererben, aber sie haben mich gezwungen Hermann Hesse zu lesen, das Leben bestehen, das ist ein Buch von Hermann Hesse, es zeigt auf wie schwer es ist, das Leben zu bestehen, denn um das Leben zu bestehen, muss man darauf vorbereitet sein, es muss einem auch mal jemand erklären, worum es eigentlich geht, denn dass es um Geld geht, hab ich viel zu spät verstanden, jahrzehntelang hab ich gedacht, ich kann nicht umgehen mit dem Geld, es fließt mir aus den Händen, wie flüssig Gold, Gold, Geld, Gier und Geilheit, du machst was falsch, du nutzlose Person, du musst erwachsen werden, du gieriges Stück, du, verhalte dich gefälligst anders, bis ich eines Tages dann begriff, dass es nicht mein Fehler ist, es fließt nicht weg, das Geld, es war schlicht und einfach gar nie da, begriffen habe ich das erst, als ich das Arschloch traf, denn natürlich hatte Dominic nicht recht, es gab dann doch den einen oder anderen in der Arschlochmetropole, der durchaus mit mir schlafen wollte, schon der Versuch ein Star zu werden, zieht Männer an wie Scheisse Fliegen, doch schön war es nie, denn ich dachte dabei immer nur an euch, bei jedem Kuss, bei jedem Fick, zieht sich in meinem Kopf ein Vorhang auf, dahinter eine spiegelglatte Fläche, auf der ihr beide, Tamara, du und Dominic, den Engtanz tanzen, eine Band begleitet euch in meinem Kopf, eine Band aus lauter Hurenclowns, sie spielen Hits der Nuller Jahre und schunkeln hin und her, blutig, lachende Clowns, die mit jedem Stoß, der mich durchdringt, noch lauter werden, bis alles explodiert, dann stehe ich auf vom Bett, betrachte den Mann, der da noch liegt und nichts dafür kann, dass ich jetzt schlechte Laune habe, keiner wird dich jemals ficken, hat Dominic zu mir gesagt, jetzt ficke ich zwar und bin trotzdem nicht frei von euch, doch dann treffe ich das Arschloch, eines von vielen, ein reiches Arschloch, das auch Star sein will, guter Versuch, einen reichen Mann auszuprobieren, ich hatte nur mit armen Männern geschlafen bis zu diesem Tag, vielleicht schafft es das Arschloch das Clownskino in meinem Kopf endlich zu besiegen, das Arschloch ist eines dieser Arschlochkinder, die irgendwann auf der Weltreise nach dem Schulabschluss in Indien oder Südamerika begreifen, dass die Welt auf sie wartet und es ihnen zusteht, nicht weniger als ein Star zu sein, vielleicht färbt ein bisschen davon auf mich ab, von der Selbstverständlichkeit, mit der das Arschloch in der teuren Hipsterbar über seine Projekte spricht, während es seinen Drink durch einen biologisch abbaubaren Strohhalm saugt, vielleicht zersprengt der reiche Schwanz des Arschloches die Clownskapelle in meinem Kopf, ich nehme das Arschloch mit nach Hause und schlafe mit ihm, doch es hilft nichts, im Gegenteil, der Vorhang in meinem Kopf öffnet sich, du tanzt mit Dominic und die Kapelle bläst, als gäbe es kein Morgen, danach streicht mir das reiche Arschloch zärtlich über meinen Kopf und erklärt mir, dass ich endlich weniger arbeiten soll, du hast wirklich ein Problem, sagt das Arschloch liebevoll, du bist ein Workaholic, du bist ja gar nicht da, du bist nicht konzentriert, nicht mal, wenn ich mit dir schlafe, jetzt pass doch mal ein bisschen auf dich auf, sonst wirst du irgendwann kinderlos und ganz vertrocknet in irgendeiner Burnoutklinik liegen und weißt du was, ich sag das nur, weil ich mich um dich sorge, ich möchte das Arschloch gerne nehmen und meine Hand in sein Gesicht rein drücken, bis die Augen zwischen meinen Fingern hervorgequollen kommen, gottverdammtes reiches Arschloch, das auch versucht ein Star zu sein, mit ganz eigenwilligen Projekten, aber immer halt nur eins pro Jahr, mehr schafft es nicht, denn es braucht Zeit dafür, die Projekte, die das Arschloch macht, sind hässlich, das Arschloch hat gar kein Talent, dafür hat es einen Anspruch, einen Anspruch darauf, dass die Welt ihm etwas schuldet, dafür kann das Arschloch nichts, das wurde ihm in die Wiege mit hinein gelegt, dass es besonders ist und ganz egal, ob es mit Öl auf Leinwand kritzelt, mit einem Cellobogen fuchtelt oder radikal Performance macht, tiefgründige Text schreibt oder aus einem Batzen Ton was formt, die Welt, die hat vor Ehrfurcht stillzustehen, doch meine Kraft reicht nicht, dem Arschloch ins Gesicht zu fassen, denn sie ist müde, meine Hand, hat gestern bis ganz spät noch Teller rumgetragen im Restaurant, ich blieb also ganz still liegen und warte, bis das Arschloch geht, was ist bloß mein Problem, wieso gönne ich dem Arschloch nicht, dass es so leben kann, wie es halt lebt, ich will, dass es bestraft wird dafür, dass es kein Geld verdienen muss, ich will, dass es in die Hölle kommt, zusammen mit den Eltern, die dem Arschloch monatlich ein stolzes Geld auf das Konto überweisen, mögen sie alle in der Höllenhitze schmoren, wie die Hamburger, die ich mit fünfzehn in einem diffusen Imbissstand, den ganzen Sommer über gebraten habe, mit mir war eine Frau in dieser Küche, die konnte leider gar kein Deutsch und ich sprach ihre Sprache nicht und ein widerlicher Koch, gesoffen hat der, ohne Ende, dann kam er immer nah zu mir und sagte, du siehst ganz genauso aus wie meine tote Frau in jung, ich habe dazu nichts gesagt, ich wusste nicht, was man auf sowas sagen sollte, eines Morgens war er weg, der widerliche Koch, er hatte sich die Nacht davor im Suff die Finger abgeschnitten und ich dachte, danke, vielleicht gibt es einen Gott, ich musste dann den Kühlschrank neu sortieren und fand ganz viel Fleisch darin, das voller Maden war, das war das erste Mal, dass ich so viele Maden sah, eine Schachtel Zigaretten hab ich geklaut an diesem Tag und mein Haar hat nach Bratfett gestunken, Poesie ist doch in jedem Leben drin, mein Leben ist auch schön, ich muss es nur mehr lieben, sowas hast du nie erlebt, Tamara und ich kann nichts dafür, das hab ich in der Arschlochnacht begriffen, es fließt nicht weg, das Geld, es war schlicht und einfach gar nie da und deshalb hängen elegante Kleider bis heute an mir wie ein Sack und tief drin ist die Angst, dass ich die falsche Gabel nehme, um meinen Fisch zu essen, denn mein Kern ist gespalten, vom Hurenclown der nachts in meinen Träumen wandelt, gespalten mit der rosa Axt, die er an eurem Gold zuvor geschliffen hat und ich stehe vor dem Restaurant und weiß schon da, dass was nicht stimmt, Blumen vor dem Eingang und ein schwarzer Teppich, ich hab mich noch gewundert, warum der Teppich schwarz ist und nicht rot und bin dann aber rein in den Hintereingang für die Arbeitskräfte, drin war alles weiß gedeckt, ein Bankett für achtzig Leute, Tischkarten mit goldenen Buchstaben, den ersten Namen lese ich und sehe, ich kenne den, es ist ein Star, aber ein richtiger, Tamara, einer den man wirklich kennt, ich schaue auf die anderen Karten und weiß sofort, ich kenne jeden, ich kenne alle, ich kenne jeden Gast, weil ich mir seit Jahren meinen Arsch aufreiße, in der Arschlochmetropole, um endlich auch ein Star zu werden und deshalb kennen die mich auch, schon kommen sie, sie trudeln ein, die Stars, zu dem Bankett und ich stehe da mit meiner Magnumflasche und Schweiß tropft zwischen meinen Brüsten, du auch hier, gut siehst du aus, das freut mich sehr, dich wieder mal zu sehn, ich bin nicht hier, also schon, aber nicht so, darf ich dir einen Schluck Champagner in dein Kristallglas kippen, wie du bist eine Kellnerin, genau, jetzt, heute schon, ich schwitze nie, doch plötzlich denke ich, ich hätte Fieber, ich zerfließe, die Bluse knittert, ich zittere und gieße nach, wie eine Irre, lächelnd, bediene ich die Stars, die ich zwar kenne, die aber keine Freunde sind, sondern Fratzen überall und schon schütte ich Champagner übers Glas hinaus, pass doch auf, Entschuldigung, warte mal, kenne ich dich nicht, ich glaube nicht, wir haben uns doch damals an diesem Empfang in dieser krassen Galerie getroffen, wo alles aussah wie in einem Flugzeug und die Kellnerinnen angezogen waren wie Stewardessen, nein, da war ich nie, doch da bin ich mir ganz sicher, wir haben uns dort lange unterhalten, was machst du hier, nach was sieht es denn aus, fünf der acht Gänge später, es dauert alles endlos lang, kann ich meinen Hauptgang haben, siehst du nicht, wie hungrig ich schon bin, ich esse keine Muscheln, hab ich doch gesagt, ist da noch Wein, nein, bitte ohne Nüsse, ich bin allergisch gegen Gurken, wo ist das Salz, ich hätte gern noch mehr Champagner, ich renne hin und her, zwischen der Küche und den Stars, lauter Arschlochkinder, denke ich, ich möchte euch bestrafen, dafür, dass ihr kein Geld verdienen müsst und euch bedienen lasst und plötzlich seh ich, alle tragen rückenfreie Kleider, ein hoher Ton in meinem Ohr, Mariah Carey singt, ich dreh mich um und sehe eine rosa Torte, ich stolpere, die Teller fallen mir vom Arm, es stürzen Wachteleier ab, Trüffelravioli fallen, durch den Saal fliegt Rinds­tatar, ich fliege auch und rutsche auf dem glatten Boden aus, unter den Tisch, den Arschlochstars zu Füssen, erst wird es totenstill im Restaurant und dann kommt das Gelächter, der erste Star beginnt, der zweite folgt, der ganze Saal bricht in Gegröle aus und einer brüllt, du bist ja keine Kellnerin, du bist ein regelrechter Clown, ich erstarre, die Welt zerfließt zum zweiten Mal in bunte Farben, er hat recht, ich bin selbst ein Hurenclown geworden, ich hüpfe hilflos weiter, obwohl die Party längst zu Ende ist, von Kopf bis Fuß in Rindstartar gekleidet, stehe ich auf und gehe raus, das Restaurant im ­Rücken tanze ich alleine auf der nassen Straße einen Engtanz, die Hurenclownskappelle spielt dazu, mir ist nun alles klar, ich zünd es einfach an, ich fackele es ab, rise like a phoenix, rauch ich eine Zigarette, im Haar ein Trüffelravioli, dann zünde ich mit meiner Zigarette die Blumen an, die vor dem Eingang stehen, warte, bis das Feuer lodert und dreh mich um, hinter mir das Feuer und die Arschlochstars, die brennen und vor mir der Rest meines Lebens, fickt euch, fickt euch alle, nicht ihr fickt mich, sondern ich, ich ficke euch und deshalb fahre ich jetzt zurück, Tamara, ich stehe vor eurer Villa und schaue durch das riesige Fenster, eine Fensterfläche, geradezu ein Bildschirm, wie in diesen amerikanischen Filmen, die Bösen sitzen in einem Gebüsch und beobachten die Guten durchs Fenster, Jessica, Joleen und Jennifer sitzen mit ­ihrem Rüschenkleidchen an dem Tisch, die Beine schön zusammen und hochgereckt das Kinn, ­Dominic, schenkt sich einen Whisky ein, an der Spiegelbar, bestimmt ein teurer, mitgebracht von der letzten Geschäftsreise nach Japan, er hat auch Wirtschaft studiert, genau wie du, du hast aufgehört damit, als Jessica geboren wurde, heb dein Glas und trink auf dich, Dominic, du hast ein Haus und Frau und Kinder und wie auf Stichwort, kommst du herein, Tamara, mit einer Schürze, ich fass es nicht, wer trägt denn heut noch eine Schürze, einen Auflauf in der Hand, Nudelauflauf mit Schinkenstückchen drin, du tust auf, dann wird gegessen, schmeckt es dir, fragst du deinen Ehemann, nein, es ist widerlich, sagt er, denn warum sollte er heute anders konversieren als vor neunzehn Jahren, keiner wird dich jemals ficken, hat Dominic zu mir gesagt und wenn, dann müsste er blind sein, bei deiner hässlichen Fresse, deine Titten sind das geilste an dir, beim ganzen Rest da muss ich kotzen, das hat er zu mir gesagt und ­warum sollte er mit dir anders sprechen, seine Lieblingswörter sind mit Sicherheit die gleichen, nein, sagst du, im Gegenteil, er ist ein liebevoller Mann und Vater, er trägt auf Händen uns und bringt das Geld nach Hause, auch wenn wir gar keins brauchen, weil wir immer welches hatten, er ist für uns da, für mich und Jessica, Joleen und ­Jennifer, die Mädchen lieben ihn und ich ihn auch, wie am ersten Tag, die Liebe höret nimmer auf, was wäre bloß aus mir geworden, wenn Dominic mein Mann geworden wäre, wenn der Engtanz am Dorfball mir gehört hätte, wenn ich ihn, anstatt zu hassen, geküsst hätte, was wäre bloß aus mir geworden, wenn ich nie hier weggegangen wäre, wenn er mich geschwängert hätte, nach dem Studium, das mich sowieso nie interessierte, was wäre aus mir geworden, wenn ich ihn dann geheiratet hätte, mit kugelrundem Bauch, ich in Weiß und er im Anzug, der schönste Tag meines gesamten ­Lebens, was wär aus mir geworden, wenn seine Eltern uns ein Haus gebaut hätten, auf dem Hügel, in der Straße, wo die Reichen wohnen, wo wir ­gelebt hätten mit unseren perfekten Kindern, er auf Arbeit, ich daheim, was wär bloß aus mir ­geworden, wenn mich das erfüllt hätte, wenn er mich erfüllt hätte, sag es mir, Tamara, meine rosa Federfrau, weißt du, ich habe lang darüber nach­gedacht, wie ich es mache, am Ende warte ich einfach in der teuren Bar auf ihn, der Luxusbar, wo er nach Feierabend sitzt, sein Beruf ist einer der ­Berufe, die lange Namen haben, aber niemand weiß wieso, Consulting In Between Management Medium ­Advisor, sowas in der Art, ich sehe sehr gut aus mit meinem schwarzen Kleid in dieser Bar, er erkennt mich nicht, ich proste ihm zu, quer durch die Bar, wie in einem dieser amerikanischen Filme, dann spendiere ich ihm den Drink, den er immer trinkt, Whisky auf Eis, wie in einem dieser amerikanischen Filme, ich schleiche mich zu ihm, lege die Hand auf seinen Oberschenkel, über seinen Drink gelehnt, werfe ich das Betäubungsmittel rein, ein Zaubertrank, wie gut, dass Dominic sich nicht erinnert, dass er mich vergessen hat, ich lächle und verstehe ihn, schwierig ist es mit dem Job, das viele Reisen, schwierig manchmal mit der Frau, die kleinen Kinder, schwierig, alles kompliziert, das übliche Gelaber von einem mittelalten Mann, dann lad ich ihn zu mir nach Hause ein und wer hätte das gedacht, er kommt ganz einfach mit, auf dem Weg knickt er dann immer wieder ein, ich hab so schwere Beine, sagte er, komisch, das kenne ich gar nicht von mir, das ist mit Sicherheit die Last des Lebens, flüstere ich in sein Ohr, du Ärmster, komm, komm mit mir mit, ich habe ein Hotel gebucht, zum Glück mit Aufzug, sonst wäre es doch noch schwer geworden, sein Sackgesicht entgleist ihm, der Rest des Körpers auch, beinahe unschuldig sieht er aus, wie er da liegt, mit seinem mittlerweile dicken Bauch, ein trauriges Kleinkind, ein Riesenbaby, ein ungeformter Klumpen Teig, ich reibe ihm die Potenztabletten in den Mund hinein und dann warte ich, bis er wächst, sein kleiner Schwanz, irgendwann wird er dann steif, er aber schläft und träumt, bestimmt von einem Hurenclown, ich schiebe mein schwarzes Kleid ein bisschen weg und ficke ihn, ich reite auf ihm, wie auf einem dieser Plastikpferdchen, die in Supermärkten stehen, wo man Geld einwirft und sie dann reitet, genauso leidenschaftslos, unrhythmisch reite ich ihn und freue mich dabei, nicht, weil es mir gefällt, im Gegenteil, ich freue mich, weil endlich dieser Kreis sich schließt, keiner wird dich jemals ficken, hat er vor neunzehn Jahren in mein Gesicht gesagt und jetzt, jetzt fick ich ihn, jahrzehntelang hab ich gedacht, ich wär nicht schön genug, jahrzehntelang hab ich gedacht, ich kann nicht umgehen mit dem Geld, du machst was falsch, du nutzlose Person, doch jetzt weiß ich, dass das nicht stimmt, ich sah immer schon gut aus und das Geld war schlicht und einfach gar nie da, denn jetzt reite ich auf ihm und bin dabei mir seinen Reichtum in meinen Leib zu stoßen, einzuverleiben, er merkt es nicht, ich nehme seinen Reichtum in mir auf und deinen auch, Tamara, so ist der Fluch gelöst, denn jetzt bin ich der Hurenclown, der nachts in eure Träume kommt, es tut mir leid, Tamara, ich hebe meinen Blick, doch Tamara ist verschwunden, auch Jessica, Joleen und Jennifer sind nicht mehr da, da bin nur ich, alleine in der Bushaltestelle, wie damals in der einen Nacht, vor neunzehn Jahren, als ich aufgestanden bin und den Bus in die andere Richtung genommen habe, raus aus dem Kaff, zart streicht meine Hand über den eingekerbten Satz, der immer noch da steht, dass ich gehe, das hab ich schon als Kind gewusst, das kann nicht mein Zuhause sein, meine allererste Flucht verlief sich in einem Windeleimer, in den ich kopfüber hinein gefallen bin, da wollte ich das erste Mal das Kaff verlassen, nur leider hatte ich vergessen, dass ich noch gar nicht laufen kann, die Eltern schickten mich als Kind zu einem Arzt, der sollte Atmen mit mir üben, damit ich besser schlafen kann, denn die Ruhelosigkeit überkam mich vor allem in der Nacht, wenn es dunkel wurde und die Welt einem, schlaf jetzt, entgegen brüllte, schlaf jetzt, man erholt sich auch, wenn man nur da liegt, die Augen offen und an die Decke starrt, nächtelang lag ich so da, wenn ich das Kribbeln in meinem Körper habe, nehme ich einen Bleistift und ramm in mir ins Bein, bis das Blut austritt und stell mir dabei vor, dass ich eine Menschenluftmatratze wäre, eine Gummihülle, in die man stechen kann, damit die Luft rausgeht, die Luft in mir, die angefüllt mit Wut, aus mir strömen würde und ich wäre dann ganz leer und rein, geradeaus gehen möchte ich, geradeaus für immer, einfach laufen, bis der Körper müde wird und man sich hinlegt und dann endlich schläft, ich reibe über die eingekerbte Schrift, den Satz, den Dominic in meinen Kern und ich in diese Bank gravierte, dann streich ich über meinen Bauch, ich reibe meinen Bauch, in dem ein Erbe wächst, ich hab den Reichtum einverleibt, der bahnt sich jetzt seinen Weg durch blutige Embryonengänge und sucht mich als seine Abzweigung aus, plötzlich spür ich, wie es pocht in mir, ganz leicht, wie ein sehr kleines Herz, das ist mein Kern, ich stehe auf und überquere sie, die Straße, auf die andere Seite, den Hurenclown, den lass ich stehen.

SIE überquert die Straße. Der Bus in die andere ­Richtung, raus aus dem Kaff, kommt. SIE steigt ein. Der Bus fährt los.

Der Text entstand 2020/21 im Auftrag des Theater Basel im Rahmen von Stück Labor. Er ist ­Arbeitsstand und die Grundlage, aufgrund derer Anne Haug den Probenprozess in der Regie von Sahar Rahimi als Autorin begleiten wird. © S. Fischer Verlag GmbH. Frankfurt am Main.

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