Theater der Zeit

Theatertreffen

Hart erkämpfte Stabilität

Vom 10. bis 15. Mai findet in Plauen und Zwickau das 11. Sächsische Theatertreffen statt – Überblick einer Landschaft

von Michael Bartsch

Erschienen in: Theater der Zeit: Was soll das Theater jetzt tun? – Eine Umfrage (05/2022)

Assoziationen: Sprechtheater Sachsen Staatsschauspiel Dresden Theater Junge Generation Schauspiel Leipzig

Tilo Krügel als Frank in „Widerstand“ (UA) von Lukas Rietzschel, Regie Enrico Lübbe am Schauspiel Leipzig. Foto Rolf Arnold
Tilo Krügel als Frank in „Widerstand“ (UA) von Lukas Rietzschel, Regie Enrico Lübbe am Schauspiel Leipzig.Foto: Rolf Arnold

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Mit einigem Stolz blickt Sachsen auf seine dichte Theaterlandschaft. Doch ohne Brüche hat trotz des Kulturraumgesetzes auch diese die Jahre nach 1990 nicht überstanden. Plötzlich wurde das reiche Erbe als Last empfunden. Im Wiedervereinigungsjahr 1990 erschien immer deutlicher, dass die Dichte der staatlich finanzierten Kultureinrichtungen im „Beitrittsgebiet“ nicht zu halten war. Die DDR verteilte ihr vergleichsweise bescheidenes Bruttosozialprodukt nach anderen Prämissen, leistete sich aus westdeutscher Sicht einen über­dimensionierten Kultursektor. Etwa 70 Theater mit 200 Spielstätten und 88 Orchester bedeuteten Weltrekord in der Pro-Kopf-Versorgung.

Laut Artikel 35 des Einigungsvertrags sollte aber die kulturelle Substanz keinen Schaden nehmen. Der Kompromiss bestand in ­einer Übergangsfinanzierung des Bundes für die wiedergegründeten ostdeutschen Länder, auf die die Kulturzuständigkeit nunmehr überging. Damit sollte die neu zu schulternde Last bei schwacher Wirtschaftskraft befristet abgefedert werden. Zugleich entstand aber auch ein enormer Handlungsdruck in den ostdeutschen Ländern. Das galt besonders für den mitteldeutschen Raum, speziell für Sachsen.

Der wiedererwachte „Nationalstolz“ auf kulturelle und technische Leistungen kollidierte hier besonders auffällig mit den Finanzierungsmöglichkeiten unter marktwirtschaftlichen Bedingungen. Aber die Sachsen halten sich selbst großen Erfindergeist zugute. Und so fegte 1992 eine nach dem Komponisten Johann Gottlieb Naumann benannte Kommission durchs Land, bei der manchem Bewahrer der hergebrachten Kulturstrukturen nichts Gutes schwante. Die nämlich stellte die Kommission hinsichtlich ihrer Effizienz auf den Prüfstand. Geleitet wurde sie von einem smarten und eloquenten Kulturhistoriker und Manager namens Matthias Theodor Vogt, der für Bayreuth und zahlreiche weitere europäische Festivals gearbeitet hatte.

Die Grundsatzempfehlungen der Naumann-Kommission Ende 1992 und ihre Spezifizierung wenig später lösten zunächst einen Aufschrei aus. Auch bei den Theatern, die einschneidende Veränderungen befürchteten. Der Oberlausitz beispielsweise ­wurde ein Theater- und Orchesterverbund mit den drei Stand­orten Görlitz, Zittau und Bautzen nahegelegt. Ähnliches galt für den mittelsächsischen Raum mit einem Musiktheater in Freiberg, dem Schauspiel in Döbeln, einem Ballett in Meißen und der ­Mittelsächsischen Philharmonie in Riesa. Ein „Kulturraum Osterland“ sollte mit dem Orchester Borna und den Theatern in Altenburg, Zeitz und Naumburg gleich die drei Bundesländer Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt vereinigen.

So ging es weiter mit Fusionsvorschlägen bei teil­weiser Standortautonomie. Chemnitz und Zwickau wurden als Einheit angesehen, in Leipzig sollten Oper und ­Musikalische Komödie verschmelzen, in Dresden Operette und die Landesbühnen mit Sitz in Radebeul.

Idee der solidarischen Kulturraumfinanzierung

Die stürmische Resonanz auf die alle Besitzstände infrage stellenden Empfehlungen ließ jedoch den Kern der An­regungen nahezu unbeachtet. Gerade der aber sollte sich für die zum Verzicht genötigten Einrichtungen später als segensreich erweisen. Die wesentlich auf Vogt zurückgehende Kernidee bestand nämlich in der Schaffung regionaler Kulturräume, man könnte auch von kulturellen Zweckverbänden sprechen, in denen eine solidarische ­Finanzierung organisiert wird. Die Träger der Kulturräume, also die Landkreise und die drei Großstädte Dresden, Leipzig und Chemnitz, bilden gemeinsam mit den aufgefächerten Zuschüssen des Freistaates jeweils eine Kulturkasse. Die Sitzgemeinden einer Kultureinrichtung werden in ­kleinerem Umfang beteiligt. Über die Verwendung dieser Kas­sengelder entscheidet der Kulturkonvent auf der Basis von Beiratsempfehlungen autonom. Erstmals in Deutschland wurde die Kulturfinanzierung zur kommunalen Pflichtaufgabe erhoben.

Dieses Prinzip liegt dem im Januar 1994 beschlossenen Sächsischen Kulturraumgesetz zugrunde. Treffend wurde es zwar als „Kind der Not“ bezeichnet, aber es erwies sich wegen der breiteren Finanzierungsbasis den in anderen Ländern üblichen bilateralen Verträgen zwischen Land und kommunalen Trägern über­legen. Das gilt vor allem für die „Großverbraucher“ mit hohen Personalkosten, also die Theater und Orchester, weshalb es zum Ärger kleinerer Museen oder Kulturhäuser auch als „Theater- und Orchestergesetz“ apostrophiert wurde.

Weiterhin Spar- und Fusionsdruck

Der Spardruck blieb allerdings erhalten, eine von Anfang an intendierte Janusköpfigkeit des Gesetzes. Ein „Weiter so“ gab es nirgends. Die Staatstheater Schauspiel und Semperoper in Dresden blieben weitgehend verschont, aber an allen Kulturraumbühnen wurde ­Personal abgebaut. Auch die Diskussion um die Struktur- und Fusionsempfehlungen der Naumann-Kommission riss nicht ab. Das lag allein schon an der realen Mittelverknappung in den Kulturräumen, denn der anfänglich im Gesetz auf mindestens 150 Millionen Deutsche Mark festgesetzte Landeszuschuss wurde nicht dynamisiert und hinkte der Tarif- und Kostenentwicklung lange hinterher.

Finanz- und Kommunalpolitikern gelten hinsichtlich der Theater bis heute Fusionen und Spartenschließungen als das ­Allheilmittel, um ihre ewig knappen Kassen zu entlasten. Die ­Orchester in Sachsen sind schon auf eine Minimalversorgung ­geschrumpft. Am wenigsten zur Ruhe kommt die Oberlausitz. Während über das Kulturraumgesetz noch debattiert wurde, hatte das Theater Zittau zwei Jahre lang nur als Deutschlands erstes und einziges ABM-Theater überlebt, also mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen des Bundes. Mehrere Gutachten mit verschiedenen Spar­modellen scheuchten die Region immer wieder auf. Darunter von Anfang an die Empfehlung eines ­fusionierten Thea­ters im Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien mit einer Auf­gabenteilung zwischen Görlitz, Zittau und Bautzen.

An der Neiße zeigte sich aber auch am deutlichsten, dass Spartenverzicht und Fusionen keine dauerhafte Stabilität garantieren. Nach endlosen ­Debatten hatten Görlitz und Zittau 2011 zum Gerhart Hauptmann-Theater fusioniert. In Görlitz sind ­Musiktheater, Tanz und die Lausitzphilharmonie beheimatet, in Zittau noch ein arg ­gerupftes Sprechtheater. Geholfen hat es ­wenig, der letzte Eklat datiert vom Frühjahr 2021. Ein vom Landkreis ­Görlitz, namentlich von Landrat Bernd Lange bei der Münchener actori-Be­ratungsfirma in Auftrag gegebenes Gutachten wollte unter ­anderem das Görlitzer Ensemble liquidieren und aus dem traditionsreichen Haus eine reine Gastspielstätte machen. Die durchgespielten Szenarien wurden aber auch als Menetekel mit einer bewusst abschreckenden Wirkung interpretiert, um ihre Verwirklichung letztlich zu verhindern.

Tränen gab es, als das Theater Döbeln 1992 nach kurzer Schließung seine Selbstständigkeit verlor und mit Freiberg zum Mittelsächsischen Theater fusionierte. Was die Döbelner nicht hinderte, 1997 das 125-jährige Bestehen ihrer Bühne laut zu feiern, heftiger jedenfalls als die 150 in diesem Jahr. Zwischendurch verwüstete das Muldehochwasser zweimal das Haus.

Nicht nur Trauer, sondern handfeste Animositäten waren beim nicht ganz freiwilligen Zusammenschluss von Plauen und Zwickau im Spiel. Die eigensinnigen Vogtländer wollten nicht, klopften sogar beim finanziell potenteren und mental näherstehenden Theater in Hof an. Dort lehnte man so charmant wie möglich ab. ­Erstaunlich unangefochten hat sich in der heimlichen Erzgebirgshauptstadt Annaberg das kleine, aber rührige Eduard-von-Winterstein-Theater etabliert. Die neue Haus­leitung hat in ihrer derzeit laufenden ersten Spielzeit ­Anlauf genommen, auch über die Gebirgsregion hinaus zu strahlen.

Das Jahr 2011 war nicht nur an der Neiße, sondern auch für die in Radebeul beheimateten Landesbühnen Sachsen ein Schicksalsjahr. Die damalige CDU-FDP-Regierung machte mit der lange gehegten Absicht Ernst, die Reise- und Stadtbühne aus der Landesträgerschaft zu entlassen. Der Freistaat blieb aber hundertprozentiger Gesellschafter, kürzte nur seinen Finanzierungsbeitrag. Das Orchester musste mit der Elbland-Philharmonie in Riesa fusionieren. Aus den Kulturraummitteln zweigte das Land kurzerhand reichlich drei Millionen Euro zur Mitfinanzierung der Landesbühnen ab.

Relative Stabilität auch dank „Kulturpakt“

Mit Ausnahme der ständig virulenten Oberlausitz hat sich die reduzierte Theaterlandschaft in Sachsen seit einem Jahrzehnt relativ stabilisiert. Die beiden Dresdner Staatstheater als Premium-­Bühnen befanden sich schon immer in einer privilegierten Posi­tion. Ausdruck der prekären Lage der kommunalen Kulturraumtheater aber war über zwei Jahrzehnte lang die sprichwörtliche Haustariffalle, also der Einkommensverzicht der Beschäftigten zur Rettung ihrer Bühne. Die Differenz zum Tarif wuchs an einigen Häusern bis in Größenordnungen von 30 Prozent.

Es wird ein Verdienst der bis 2019 amtierenden Kunstministerin Eva-Maria Stange (SPD) bleiben, dass mit einem gemeinsamen Kraftakt von Freistaat und Kommunen 2018 der Sprung heraus aus dieser Falle geschafft wurde. Etwa 13 Millionen Euro Zuschusserhöhung kostete die Rückkehr zu den theaterüblichen Tarifen. Für diesen „Kulturpakt“ konnte die Ministerin den Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) zunächst intern gewinnen. Ausgerechnet zur Eröffnung des letzten Sächsischen Theatertreffens vor ­Corona im Mai 2018 stellte der sich im Dresdner Schauspielhaus überraschend dann öffentlich an die Spitze der Bewegung und forderte eine „ordentliche Bezahlung der Kulturschaffenden“.

Vielfalt und Breite und ein Neubau

Nach Zählung des Kultur- und Tourismusministeriums bieten derzeit 80 sächsische Spielstätten fast 30 000 Besucherplätze an. Freie Theater, Amateurbühnen, Kabaretts und meist der Unterhaltung gewidmete private Bühnen eingeschlossen. Nicht zu vergessen sind auch Naturbühnen wie Jonsdorf am Zittauer Gebirge, Rathen im Elbsandsteingebirge, die Greifensteine im Erzgebirge oder das NaturTheater Bad Elster. Überregional aufmerksam registriert worden ist einer der wenigen Theaterneubauten in der Bundesrepublik. Nach mehr als 20 Jahren Kampf bezogen 2016 die Dresdner Staatsoperette und das Theater Junge Generation endlich ein neues Domizil im ehemaligen Kraftwerk Mitte. Damit wurden nicht nur die baulichen Probleme der zuvor genutzten Nachkriegsprovisorien gelöst, sondern auch eine interessante Verbindung mit der Industriearchitektur geschaffen.

Die Ausbildung von Schauspielern und Dramaturgen konzentriert sich auf Leipzig und seine nach Mendelssohn-Bartholdy benannte Hochschule für Musik und Theater. Das Institut für Theaterwissenschaften der Universität, 2014 durch Hochschul-Sparpläne schon einmal von der Schließung bedroht, wurde 2016 um ein Kompetenzzentrum erweitert.

Bei den Theatertreffen leider nicht vertreten ist die freie Szene, deren meist in den frühen 1990er Jahren erfolgte Gründungen und mehr noch ihr Überlebensgeschick zu den unbestrittenen Zuwächsen der sächsischen Theaterlandschaft gehören. Hier hinterließ die DDR nun wirklich kaum Bewahrenswertes, entstand bemerkenswert Neues. Die Leipziger naTo wäre ebenso zu nennen wie das Projekt- und das Societaetstheater in Dresden. Wenn auch nur unzureichend gefördert, sind sie doch in einem Landesverband und in den Großstädten gut organisiert. Das Landesbüro Darstellende Künste Sachsen e. V. ist als eine zentrale ­Service- und Schnittstelle tätig. //

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