Theater der Zeit

Magazin

Das Rudelgesetz

Die 1. Landshuter Sperr-Tage zeigen: Martin Sperrs Niederbayern ist heute fast überall

von Christoph Leibold

Erschienen in: Theater der Zeit: Peter Kurth: Die Verwandlung (09/2016)

Assoziationen: Sprechtheater Dramatik Bayern Akteure kleines theater - Kammerspiele Landshut

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Niederbayern ist Sperr-Gebiet. Hier wurde der Dramatiker 1944 geboren. Hier fand er Stoff für sein Schreiben. Schon mit seinem ersten Stück „Jagdszenen aus Niederbayern“ (1965), verhalf Martin Sperr seiner Heimat zu literarischer Bedeutung. Allerdings auch zu eher zweifelhaftem Ruhm. Eigentlich hat das Präfix „Nieder-“ ja lediglich topografische Bedeutung. Es bezeichnet einen tiefer gelegenen (also niederen) Teil Bayerns – im Gegensatz zum (vor-)alpinen Oberbayern. In Sperrs Titel aber klingen auch die niederen Instinkte der Menschen an, die sich Bahn brechen. Der Jagdinstinkt vor allem. Es geht in dem Stück um Außenseiterhatz auf dem Land in der Nachkriegszeit. Fremde sind nicht wohl gelitten im Dorf Reinöd. Auch die Tagelöhnerin Barbara ist keine Einheimische, will aber um jeden Preis dazugehören. Aufnahme in die Dorfgemeinschaft jedoch kann sie nur finden, wenn sie sich von ihrem Sohn Abram lossagt. Der ist schwul und damit fast so etwas wie Freiwild. Sperr erzählt auch von der Unfähigkeit der Schwachen, sich zu solidarisieren – ähnlich wie Marieluise Fleißer in „Fegefeuer in Ingolstadt“. Fleißer hatte ihr Drama knapp 40 Jahre zuvor ein Stück über „das Rudelgesetz und die Ausgestoßenen“ genannt und erkannte in Sperr nun einen Verwandten im Geiste. So bezeichnete sie ihn, Franz Xaver Kroetz und Rainer Werner Fassbinder als „Söhne“.

Niederbayern wurde durch Sperrs Stück zum Synonym für provinzielle Enge. In den sechziger Jahren war das nahe an der Nestbeschmutzung. Heute ist Sperr ein literarischer Lokalheiliger. Ein Querdenker, der für den Mut stehe, „sich gegen Strömungen der Gefälligkeit zu stellen“, wie das Sven Grunert ausdrückt. Der Intendant des Kleinen Theaters Landshut will die Sperr-Tage an seinem Haus etablieren. Im Juni hat er mit einer ersten Festivalausgabe den Anfang gemacht. Dass Sperr dabei über sein Werk hinaus für das Sperrige im weiteren Sinne stehen soll, hat sicher auch praktische Gründe. „Jagdszenen“ ist das einzige seiner Stücke, das sich auf den Spielplänen behauptet hat. Die anderen Dramen seiner „Bayrischen Trilogie“ etwa („Landshuter Erzählungen“, „Münchner Freiheit“) werden ebenso selten gespielt wie das Hochstaplerinnen-Stück „Die Spitzeder“, das 1978 immerhin mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet wurde.

Am Kleinen Theater Landshut haben sie sich daher in der kritischen Volkstheater-Familie umgesehen und sind dabei nicht unter den Sperr-Geistesbrüdern Kroetz und Fassbinder oder bei der Urmutter des Genres, Marieluise Fleißer, fündig geworden, sondern in der Enkel-Generation. Christoph Nußbaumeder ist 1978 geboren und stammt aus Niederbayern (geboren in Eggenfelden). Vor gut zehn Jahren gelang ihm mit seinem Stück „Mit dem Gurkenflieger in die Südsee“ über osteuropäische Erntehelfer der Durchbruch. Um Arbeitsmigranten dreht sich auch eines seiner jüngsten Stücke: „Das Fleischwerk“. Nußbaumeders Interesse für die sozial Randständigen erinnert tatsächlich an Sperr. Auch bei ihm finden die Außenseiter nicht immer zur Solidarität untereinander. Doch was heißt da Außenseiter? Er schreibe auch über arbeitslose Akademiker und andere Figuren „aus der bürgerlichen Mitte, die eigentlich der Mehrheit angehören“, erklärt Nußbaumeder. Die Probleme, die wir gerne am Rande der Gesellschaft verorten, sind längst im Zentrum zu finden. Womöglich ist das eine Perspektive, unter der sich auch Sperrs Stücke neu lesen lassen: als Beschreibungen einer maroden Mitte.

Bis vor Kurzem hatte man ja noch den Eindruck, dass sich der Mief des Provinziellen und Reaktionären, den Sperr in den „Jagdszenen“ witterte, selbst im tiefsten Niederbayern weitestgehend verzogen hat. Das flächendeckende Aufkeimen fremdenfeindlicher Ressentiments belehrt eines Besseren. Sperrs Niederbayern ist heute fast überall. Für eine verstärkte Beschäftigung mit seinem Werk – nicht nur auf weiteren Landshuter Sperr-Tagen – sind Bezüge zur Gegenwart ausreichend gegeben. //

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