Theater der Zeit

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Auftritt

Mainfranken Theater Würzburg: Vereint in Einsamkeit

„Das Rathaus – Liebe Leute“ von Annika Henrich (UA) – Regie Tamó Gvenetadze, Bühnen- und Kostümbild Nikolai Kuchin, Dramaturgie Tim Puls

von Mathias Wiedemann

Assoziationen: Theaterkritiken Bayern Dossier: Uraufführungen Tamó Gvenetadze Annika Henrich Mainfranken Theater Würzburg

Kein schlechtes Signal in diesen Tagen: Leonhard-Frank-Stipendiatin Annika Henrich hat mit „Das Rathaus – Liebe Leute“ ein Stück für's Mainfrankentheater Würzburg geschrieben, das völlig kitschfrei zum Miteinander einlädt.
Kein schlechtes Signal in diesen Tagen: Leonhard-Frank-Stipendiatin Annika Henrich hat mit „Das Rathaus – Liebe Leute“ ein Stück für's Mainfrankentheater Würzburg geschrieben, das völlig kitschfrei zum Miteinander einlädt.Foto: Nik Schölzel

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Nur der Hund hat einen Namen: Sheila. Alle anderen Figuren in Annika Henrichs Stück „Das Rathaus – Liebe Leute“ sind nach ihrer Funktion benannt: die Wartenden A und B, die Standesbeamtin, die Frau mit dem Hund. Unter der Regie von Tamó Gvenetadze werden sie allerdings sehr schnell zu unverwechselbaren Individuen, die eines gemeinsam haben: die Einsamkeit.

Annika Henrich, Jahrgang 1990, lebt als freie Autorin in Leipzig. Das Stück entstand 2024 im Rahmen des Leonhard-Frank-Stipendiums, jährlich vom Mainfranken Theater Würzburg zur Förderung zeitgenössischer Dramatik vergeben wird. Es ist Henrichs vierter Theatertext.

Für „Rathaus – Liebe Leute“ stellt Annika Henrich eine Situation her, die von Jean-Paul Sartre über Samuel Beckett, William Golding, Elfriede Jelinek, Yasmina Reza bis Elisabeth Pape, die 2023 ebenfalls Leonhard-Frank-Stipendiatin war, in Literatur und Dramatik immer wieder auftaucht: Die Figuren finden sich in einer ausweglosen Situation wieder und müssen irgendwie miteinander zurechtkommen.

Hier ist es der in trügerisch freundlichem Blau gehaltene Wartesaal des Würzburger Rathauses (Bühne, Kostüme, Video: Nikolai Kuchin). Die Nummern ziehen die Wartenden von einem Baum, in der Reihenfolge vollkommen willkürlich, was ohnehin keine Bedeutung hat. Der Monitor zeigt beharrlich die 92 oder kommentiert das Geschehen, etwa mit dem Bild eines durchgestrichenen Pudels.

Vier Personen, die das Warten – vorhersehbarerweise – zu einer Schicksalsgemeinschaft vereint: Der nassforsche Wartende A (Toomas Täht), der sofort dem extrem schüchternen Wartenden B (Loris Kubeng) mit aggressivem Small Talk („Und sonst so?“) auf die Pelle rückt. Die Frau mit Hund, die eben wegen des Hundes trotz Termins nicht zum Sachbearbeiter eingelassen wird (Patricia Schäfer).

Und die Standesbeamtin, die aus noch zu klärenden Gründen nicht in ihrem Büro im Rathaus arbeiten kann und deshalb hier ihr Mobile Office aufschlägt (Julia Baukus). Anfangs kann sie sich noch abgrenzen von den Menschen von draußen, die obsessiv jede Veränderung auf dem Monitor verfolgen.

Als dann plötzlich alle Türen verschlossen sind, wird der Wartesaal zur Petrischale der Emotionen und Bekenntnisse. Fassaden stürzen ein, (Lebens-)lügen lösen sich in Luft auf.

Wartender A, der zuvor getönt hatte, er werde sich den Urlaub auf La Gomera nicht nehmen lassen („Es gibt Grenzen!“), entpuppt sich als frisch Verlassener. Die Frau mit Hund, die so dringend ihren Pass verlängert haben will, traut sich eigentlich gar nicht ins Ausland. Und Wartender B mutiert vom duldsamen Bittsteller zum panischen Berserker, der die Stühle nur so durch den Raum fliegen lässt.

Ist das hier ein Escape Room? Muss hier eine Aufgabe gelöst werden? Und wenn ja, welche? Erstaunlich, wie schnell Menschen sich selbst zu Versuchskaninchen machen, sobald ihnen die Aussicht auf irgendeine Form von Gratifikation suggeriert wird: Wartender A geht sofort davon aus, dass die Gruppe für ein Fehlverhalten bestraft wird, das es zu korrigieren gilt.

Doch mit den Lebenslügen stürzen auch die Barrieren ein. Das passiert fast unmerklich. Vielleicht liegt es am Hund, einem buntleuchtenden Glasobjekt, das immer wieder mal weitergereicht wird und je nach Farbe beruhigend oder motivierend wirkt.

Vielleicht aber ist es auch die Freiheit, die daraus erwächst, dass alle nach ihren Geständnissen gleichsam geschichtslos agieren können – zumindest solange die verschlossenen Türen sie von den Menschen trennen, die sie in der Außenwelt glauben sein zu müssen.

Es entsteht eine Dynamik der Gemeinsamkeit, der sich schließlich auch die Standesbeamtin nicht mehr entziehen kann. Ihr unfreiwilliges Singledasein hat sie zur Zynikerin gemacht. Andere mögen in einer Hochzeit einen „emotionalen Höhepunkt“ sehen (Wartender A), sie selbst erlebt meist einen „geschmacklichen Tiefpunkt“, wenn sie hört, was so an Liebesschwüren, ausgesuchten Popsongs und Ringgravuren in ist.

Aber wenn man schon mal eine Standesbeamtin da hat – warum nicht ihre Befugnisse nutzen? Ohne erkennbare Logik und doch seltsam folgerichtig finden sich die vier Eingeschlossenen zu einer skurrilen, kurioserweise völlig kitschfreien Zeremonie zusammen, in der sich alle mit allen verheiraten. Eine spezielle Version des Stockholm-Syndroms, könnte man annehmen.

Annika Henrich verwebt geschickt Schweres und Leichtes, Komik und Tragik, Absurdes und Konkretes. Gute Dialoge und eine Fülle witziger Regie- und Videodetails machen das 80-minütige Stück ebenso unterhaltsam wie anrührend.

Am Schluss stehen weder Läuterung noch Utopie. Als die Türen plötzlich wieder offen sind, gehen alle vier, leicht peinlich berührt, ihrer Wege. Und dennoch bleibt die Einladung, den eigenen Fatalismus zu überdenken. Sartre sagt: „Die Hölle, das sind die anderen.“ Annika Henrich sagt: „Die Chance, das sind die anderen.“ Kein schlechtes Signal in diesen Tagen.

Erschienen am 12.2.2026

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