Theater der Zeit

Auftritt

Schauspiel Essen: Fast Faust

„Doktormutter Faust“ von Fatma Aydemir (UA) – Regie Selen Kara, Bühne Lydia Merkel, Kostüme Anna Maria Schories, Musik Torsten Kindermann, Ruben Philipp, Video Florian Schaumberger

von Stefan Keim

Erschienen in: Theater der Zeit: Theater in Slowenien – Karin Beier: Antike als große Geste (10/2023)

Assoziationen: Theaterkritiken Nordrhein-Westfalen Selen Kara Schauspiel Essen

Silvia Weiskopf als Hexe 1, Nicolas Fethi Türksever als Mephisto, Beritan Balcı als Hexe 2 und Bettina Engelhardt als Margarete Faust. Foto Birgit Hupfeld
Silvia Weiskopf als Hexe 1, Nicolas Fethi Türksever als Mephisto, Beritan Balcı als Hexe 2 und Bettina Engelhardt als Margarete FaustFoto: Birgit Hupfeld

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Margarete Faust ist Professorin für Gender Studies. Ihre Studierenden sind von ihr begeistert, aber sie bekommt eine Menge gemeiner Hassmails. Die Gesellschaft ist nach rechts gerückt, es entsteht Druck von vielen Seiten. In Frau Faust wächst die Sehnsucht nach Entspannung und erotischen Erlebnissen. Auftritt Mephisto, hier sieht er die Chance für einen Pakt. Seele gegen Genuss.

„Neues Deutsches Theater – under construction“ heißt das Motto, das die neuen Intendantinnen des Essener Schauspiels – Selen Kara und Christina Zintl – über ihre erste Spielzeit gestellt haben. Zu Beginn greifen sie zurück auf das Symbolstück des alten deutschen Theaters, das Nationaldrama, den „Faust“. Fatma Aydemir hat ihr erstes Theaterstück geschrieben. Ihre Romane „Ellbogen“ und „Dschinn“ wurden schon so oft adaptiert, dass man sie fast für eine Dramatikerin halten könnte. Sie hat den „Faust“ feministisch überschrieben und in die Gegenwart geholt.

Gleich zu Beginn gibt das Stück einen Einblick, wie seine Entstehung gelaufen sein könnte. Wie im Original treffen sich eine Theaterdirektorin, eine Dichterin und eine lustige Person (okay, mit gewandelten Geschlechtern, aber das ist ja kein Ding mehr …). Sie diskutieren über die Klassiker, alle frauenfeindlich, klar, und ganz konkret über den „Faust“. Die Dichterin will Margarete rausschreiben, so ein naives Weibchen, das gerettet werden muss, nee, geht doch nicht mehr. Die Direktorin gibt zu bedenken, dass das Stück ohne Gretchen in eine Schieflage gerät. Und die lustige Person will einfach nur eine tolle Rolle spielen. Wenn Gretchen nicht geht, dann Marthe. Mist, auch gestrichen.

An einer Grete hat sich schon manch eine zeitgenössische Regie ordentlich verschluckt. Diese Gefahr besteht hier nicht. Aber es gibt eine ähnliche Figur, Karim, hier verschmelzen Schüler und Margarete auf originelle Weise. Karim möchte gern Doktorand bei Professorin Faust werden und hat Angst vor einer Abschiebung. Weil sie ihn scharf findet, macht sie ihm Versprechungen und entkleidet sich vor ihm. Ein Übergriff, ein #MeToo-Fall. Fatma Aydemir schreibt der Doktormutter Faust hier einen Monolog, der ein bisschen klischeefeministisch klingt: „Mein Körper ist ein Text …“ Aber das Stück kriegt eine große inhaltliche Spannung. Karim zeigt Margarete Faust an, nicht er als Gretchen-Wiedergänger, sondern die Professorin landet im Kerker. Genau das hat die rechte Regierung gebraucht, um eine verhasste Gegnerin loszuwerden. Aber hat Karim nicht irgendwie auch recht?

Nur ganz selten schwirren Goethe-Zitate durch das Stück, „Doktormutter Faust“ ist ein überzeugendes, eigenständiges Werk, eine verständliche und pointierte Neuerzählung der Geschichte, angereichert von selbstreflexiven Momenten, die nicht zu sehr in den Vordergrund geraten. Selen Kara inszeniert den Text konzentriert und fokussiert auf einer fast leeren Drehbühne. Sie flüchtet sich nicht – wie es seit einiger Zeit zu viele Regieteams tun – in haltungslosen Krawall, im Gegenteil. Da stehen interessante Menschen mit heutigen Problemen auf der Bühne.

Etwas in den Hintergrund gerät Mephisto, den Nicolas Fethi Türksever als sympathisch menschlichen Teufel spielt, der aber wenig Zauberkraft besitzt und eigentlich kaum etwas ausrichten kann. Eren Kavukoglu zeigt als Karim einen zerrissenen und überforderten jungen Mann, Bettina Engelhardt ist als Doktormutter Faust das Zentrum der Aufführung. Erst wirkt sie cool und selbstsicher im hellblauen Hosenanzug, dann zeigt sie immer mehr Brüche und Sehnsüchte. Während Silvia Weiskopf und Bertin Balci die Rollen wechseln und alle Rolle spielen, die „Faust“ noch zu bieten hat.

Der größte Eingriff der Regie sind die großformatig projizierten Videos von Florian Schaumberger. Zu Beginn sehen wir einen erwachsenen Menschen in Fötushaltung, wie im Mutterleib. Die Walpurgnisnacht ist ein sinnlich-erotischer Bilderrausch mit wummernder Musikbegleitung. Der ganz große Wurf ist diese Eröffnungspremiere noch nicht, da bleibt noch ein bisschen Luft nach oben, was Spielenergie und Bilderfantasie angeht. Doch ein guter Start für ein anspruchsvolles Projekt ist die Uraufführung von „Doktormutter Faust“ auf jeden Fall. Das Neue Deutsche Theater in Essen ist ja auch „under construction“. Aber schon am ersten Abend steht mehr als ein Rohbau.

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