Theater der Zeit

Auftritt

Deutsch-Sorbisches Volkstheater Bautzen: Totale Schizophrenie

„Tod eines Handlungsreisenden“ von Arthur Miller– Regie Herbert Olschok, Bühne und Kostüme Andrea Eisensee

von Thomas Irmer

Assoziationen: Sachsen Theaterkritiken Lutz Hillmann Deutsch-Sorbisches Volkstheater Bautzen

Willy Loman: ein auf besondere Art Verwirrter in der Inszenierung von „Tod eines Handlungsreisenden“ am Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen. Foto Roman Koryzna
Willy Loman: ein auf besondere Art Verwirrter in der Inszenierung von „Tod eines Handlungsreisenden“ am Deutsch-Sorbischen Volkstheater BautzenFoto: Roman Koryzna

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Mit der jazzig-klopfenden Zwischenmusik aus Jim Jarmuschs „Night on Earth“ geht es los. Willy Loman kommt nach Hause, zwei schwere Koffer in der Hand und ohne die erhofften und für Abzahlungen dringend benötigten Provisionen in der Manteltasche. Das 75 Jahre alte Stück hat in Deutschland schon einige Wendungen der Auffassung hinter sich, von scheiternden Träumen im fernen Amerika bis zum Abstieg der hiesigen Mittelklasse und dem Verramschen eines öden Arbeitslebens in vermeintlicher Selbständigkeit als Handlungsreisender für irgendein Produkt. Im Internet-Zeitalter ist der Beruf längst ausgestorben, nicht aber auf der Bühne.

Lutz Hillmann, langjähriger Intendant des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters in Bautzen, spielt hier Willy Loman als mit Mitte sechzig physisch noch kraftvoll sich gegen widrige Verhältnisse aufbäumenden Kerl. Im Kopf ist allerdings schon lange viel durcheinander – Arthur Miller schrieb an dem Stück übrigens längere Zeit mit dem Titel „Inside his Head“. Genau das machen Hillmann und Regisseur Herbert Olschok zum Ansatz für Willy Loman im Zentrum: ein auf besondere Art Verwirrter.

So kann Willy seinen gescheiterten, gerade ins Elternhaus zurückgekehrten Sohn Biff als Faulpelz und Verlierer beklagen, um nur einen Satz später sein großes Potenzial für eine herrliche Zukunft zu rühmen. Sein Land sieht er nicht viel anders: zwar überall nur Tücke und Enttäuschung, aber doch das tollste auf der Welt. America made great again!

Olschok lässt das in einer von Andrea Eisensee entworfenen Bühne mit Doppelbett, 1960er-Jahre-Kühlschrank und Tischecke spielen, ein leicht verschachteltes Wohn-Setting, das auch schon vor 50 oder 60 Jahren für das Stück genügt haben dürfte. In dieser Retro-Anmutung wird jedoch etwas ausgelöst, das man von dem Stück gar nicht mehr erwartet hat und zunächst auch nicht in dieser Inszenierung vermutet: Man fängt an, über die heutigen USA nachzudenken. Der Selbstbeschwörungsrausch zum Großen und Gültigen, der Wille zum wenig aussichtsreichen Deal und letztlich auch die Negierung von Widersprüchen, all das ist Willy Loman in Person. Selten trat die Schizophrenie seines desillusionierten Optimismus so deutlich auf die Bühne wie in Gestalt des barsch herumzeternden Lutz Hillmann – dabei nicht ohne Komik.

Olschoks auf Textgenauigkeit setzende Inszenierung zahlt aber auch einen gewissen Preis, wenn in über drei Stunden in einigen entbehrlichen Szenen Nebenfiguren von geringerem Format das längst Begriffene von Willy und seinen beiden Söhnen begleiten. Dazu gehört eine im zweiten Akt länglich ausgespielte Restaurant-Szene, in der die drei Männer nach einem alles entscheidenden Deal mal einen draufmachen wollen. Da rutscht die Inszenierung in banales Boulevardtheater und damit das Stück ins Klischee von einem Alles-wird-doch-nicht-gut-Familiendrama.

Gabriele Rothmann ist eine Haushalt-Linda, wie sie in Millers Buch steht: zwischen Barmen und Stützen an der Seite Willys. Niklas Krajewski spielt einen – auch in den Rückblenden schon – gebrochenen Biff und Janik Marder den früh Desillusionierten Happy. Eine Amerika-Übertreibung zur Kenntlichmachung erlaubt sich die Inszenierung mit den mehrfachen Tagtraum-Auftritten von Willys Bruder Ben. Alexander Höchst sieht mit Poncho und Bolotie so echt aus wie Westernhelden in einem Sergio-Leone-Film. Aber auch das gehört ja zu Willys Welt als Wille und Vorstellung.

Erschienen am 11.3.2025

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