Theater der Zeit

Auftritt

Burgtheater Wien: Ruheloses Handke-Raunen

„Zwiegespräch“ von Peter Handke (UA) – Regie Rieke Süßkow, Bühne Mirjam Stängl, Kostüme Marlen Duken, Musik Max Windisch-Spoerk, Licht Marcus Loran, Choreographie Daniela Mühlbauer

von Theresa Luise Gindlstrasser

Erschienen in: Theater der Zeit: Tarife & Theater – Warum wir das Theater brauchen (02/2023)

Assoziationen: Sprechtheater Österreich Theaterkritiken Rieke Süßkow Peter Handke Burgtheater Wien

Elisa Plüss und Maresi Riegner in der Wiener Uraufführung von Peter Handkes „Zwiegespräch“ unter der Regie von Rieke Süßkow.
Elisa Plüss und Maresi Riegner in der Wiener Uraufführung von Peter Handkes „Zwiegespräch“ unter der Regie von Rieke Süßkow.Foto: Susanne Hassler-Smith

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Anfang des Jahres veröffentlichte der Nobelpreisträger Peter Handke ein schmales Suhrkamp-Bändchen. Die Uraufführung am Akademietheater Wien besorgt nun die 2022 mit dem Nestroy-Nachwuchspreis ausgezeichnete Regisseurin Rieke Süßkow. Das „Zwiegespräch“ ist „für Otto Sander und Bruno Ganz“ geschrieben, mithin ein Gespräch aus dem Jenseits. Wobei der Titel eher auf ein flüchtiges Identitätsverständnis hinzuschielen versucht, denn zum tatsächlichen Dialog taugt der stichwortgeberisch zerteilte Selbsterfahrungs-Monolog kaum. Sinniert wird übers Alt-Werden, über ein „seinerzeit“ gewesenes Theater „des Furcht-und-Zitterns“, wobei heutzutage „von irgendwelchen heiligen Zeiten im Theater nicht mehr die Rede sein“ könne. Sinniert wird auch über das „Großvatersyndrom“, wie die „naturdiktierte Idealisierung der Großväter“ und das gemeinsame Spielen, in ein Verhältnis zu setzen sei, mit deren Vergangenheit als „sprachfeindliche Schreihälse und Killer“, als Nationalsozialisten.  

Mit einer Besetzung von drei alten Männern (Hans Dieter Knebel, Branko Samarovski und Martin Schwab) und zwei jungen Frauen (Elisa Plüss und Maresi Riegner) verorten Süßkow und die Bühnenbildnerin Mirjam Stängl das Handke-Nachdenken im Altersheim. Vor einem schier unendlich vorbei rollenden Paravent platziert die Komparserie dekorative Pflanzen oder tappst ein kleines Kind verloren mit Taschenlampe umher. Schon gleich zu Beginn der Inszenierung – die Insassen werden in Unterhosen hereingeschoben und beginnen sich mit einer Kosmetikprozedur in Schale zu werfen – fällt die nicht präzise gearbeitete Choreografie unschön ins Auge. Unschön ins Ohr fällt am Premierenabend die Dauerpräsenz der Soufflage. Als Inszenierungsgag, der eine vielleicht allgemeine Bedürftigkeit des Menschen illustrieren soll, lässt sich die mal mehr, mal weniger durch den Saal schallende Stimme von Berngard Knoll nun nicht gerade rezipieren. Und weil auf der Bühne zudem in der Hauptsache theatral geflüstert wird, tritt der gesprochene Text als ein bloß irgendwas dahin raunenden Brei in die Aufmerksamkeit.  

Im Altersheim muss jedenfalls – als rein inszenatorische Über-Setzung des verhandelten Generationenkonflikts – Reise nach Jerusalem gespielt werden. Beim schrillen Appell einer Pfeife beginnen Plüss und Riegner „La Paloma“ zu singen. Währenddessen umkreisen auf der einen Seite des mittlerweile zur „Hier ist Ihr Herzblatt“-Wand zusammengeschobenen Paravents die zunächst fünf Insassen, die zunächst vier Stühle. Nach erfolgter Selektion wird der jeweilige Looser verabschiedet und kehrt auf der anderen Seite bei Plüss und Riegner als Urne wieder, deren Denkmalstatus die Mordschwestern fleißig mit Rosen und Fotografien untermauern. Später werden sie beiläufig von der Asche naschen – metaphorisch: ohne Gestern, kein Heute – und die kannibalistische Geste geht in der allgemeinen und konfusen Brutalität des gezeichneten Generationsverhältnisses fast unter. Es ist jedenfalls kein Altersheim, sondern eine Tötungsanstalt, die Jungen wiederholen an den Alten, was diese mit den Gaskammern getan.  

Gelinde gesagt: eine steile These. Und sie will hier ganz harmlos, nämlich bonbonfarben und als surreale, also mit der Wirklichkeit in einem traumhaft abstrakten Verhältnis stehende Choreografie daherkommen. Spätestens dann, wenn zwischendrin kurz das Genre gewechselt wird und einer, bevor er ermordet werden soll, nicht aufhört, in komödiantischer Überzeichnung allerlei kleinen Firlefanz aus seinen Hosentaschen zu zaubern, ist die Verwirrung darüber, was für ein Geschichts- und Gegenwartsverständnis dieser Theaterabend gerne verbreitern würde, perfekt. Kurz mag es scheinen, als hätte die schier unendlich vor sich hinwerkelnde und hoch ästhetisierte Mordmaschine einen Motor in der Wut der Enkelinnen auf ihre NS-Großväter, dann nämlich, wenn Plüss ihre Stimme zum Vorwurf gegen die auf der anderen Seite des Paravents erhebt. Aber nachdem der Text solche inhaltlichen Eindeutigkeiten nicht hergibt, sondern vielmehr damit beschäftigt ist, das eigene zum „Großvater“ gewordene Sein in ein Verhältnis zu setzen mit dem einstigen Absetzen von den damaligen Großvätern, wird es nur noch dubioser. Was allgemeiner, abstrakter Ablösungskonflikt und Frage nach Deutungshoheit, was Absatzbewegung gegen den Nationalsozialismus und was Verurteilung von den Urteilen der nachkommenden Generationen gegenüber der eigenen ist, das ist im Text von Handke schon kaum auseinander zu halten und entzieht sich auf der Bühne in der Verquickung mit einer Tötungsanstalt vollends dem Verständnis. Was mit Handke hängen bleibt: das Politische „droht“ und steht dem Wahren und Schönen entgegen.  

Nach fast zwei Stunden, denn das schmale Suhrkamp-Bändchen wird mit chicen Einlagen und musikalischen Unterbrechungen zur Abendfüllung hochgejazzt, lässt Süßkow die ermordeten Alten wiederauferstehen und die mittlerweile zum letzten Abendmahl arrangierte Szenerie übernehmen. „Dass wir zwei doch keine Ruhe geben!“, sagen sich die drei. Dann findet der Abend, der ehrfürchtig das andeutungsreiche Handke-Raunen multipliziert, ein Ende. 

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