Auftritt
Landesbühne Sachsen: Vom Mann zum Homunkulus
„Hinkemann“ von Ernst Toller – Regie Manuel Schöbel, Bühne und Kostüm Barbara Blaschke, Komposition Berthold Brauer
von Lara Wenzel
Assoziationen: Theaterkritiken Sachsen Manuel Schöbel Landesbühnen Sachsen

Mit blinkenden Lichtern, grotesken Körpern und zum himmelschreienden Lügen lockt der Jahrmarkt als Ort der Grenzüberschreitung. Ob in Büchners „Woyzeck“ oder Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“, dort treffen sich Arbeiter:innen, um die Zwänge des Tages abzustreifen, zu gaffen und zu träumen. Hinkemann wechselt in Ernst Tollers gleichnamiger Tragödie die Seiten. Vor dem ersten Weltkrieg stand er noch in der Fabrik, danach findet er traumatisiert und versehrt keine Anstellung mehr. Einst ein stolzer Arbeiter verdingt sich Eugen Hinkemann nun als Jahrmarktsattraktion. Der abgehalfterte Budenbesitzer, karikaturartig gespielt von Grian Duesberg, bewirbt den „Bärenmenschen“ spöttisch als deutschen Mythos und Helden, den man für ein paar Mark dabei beobachten kann, wie er lebenden Mäusen und Ratten die Kehle durchbeißt. Die Entmenschlichung Hinkemanns vollzieht sich vor dem expressionistischen Triptychon „Der Krieg“ von Otto Dix, mit dem Bühnen- und Kostümbildnerin Barbara B. Blaschke das bunte Rummeltreiben kontrastiert.
Der deutsche Nationalismus und seine in Schützengräben und Gasangriffen ausgetragenen Folgen bilden den Hintergrund des 1923 uraufgeführten Dramas. Ausgehend vom Schicksal Hinkemanns, dem auf dem Schlachtfeld der Penis und sein männliches Selbstbewusstsein weggeschossen wurden, fragt Toller welchen Platz die innerlich und äußerlich verwundeten Kriegsheimkehrer in der Weimarer Republik haben können. Dabei geht der Sozialist Toller auch mit seinen kommunistischen Genossen ins Gericht, die in ihren Revolutionsfantasien eigentlich nur von gesunden, proletarischen Männern träumen. Intendant und Regisseur Manuel Schöbel liefert an den Landesbühnen Sachsen eine textnahe Inszenierung, die von neu-komponierter Musik von Berthold Brauer und dem Brecht-Lied „O Falladah, die du hangest“ begleitet wird. Gegenüber der komplexen Textvorlage wirkt die Interpretation des niedergeschlagenen Ehepaars Hinkemann, gespielt von Alexander Wulke und Karoline Günst, etwas eindimensional bebildernd. Vielseitiger zeigt sich das Bühnenbild, das sich vom drehbaren Würfel in ein Panoramagemälde entfalten kann und stimmig die Architektur der 1920er aufgreift.
Umso mehr Raum erhält das expressionistische Trauerspiel, das als Anti-Kriegs-Drama auf den Radebeuler Spielplan gesetzt wurde, darüber hinaus aber auch in linke Bewegungsdebatten interveniert. Besonders deutlich wird dies in einer langen Szene in der Trinkhalle, wo Kommunisten, Anarchisten und christliche Fundamentalisten aufeinanderprallen. Nur durch kleine Details, eine bessere Jacke oder ein Kreuz, lassen sich die verschieden gesonnen Arbeiter und Handwerker unterscheiden, die über Partei, Revolution und die „vernünftige Gesellschaft“ diskutieren. Egal wie sie die Zukunft ausmalen, Hinkemann kann sich in ihr nicht erkennen. Sie scheint keinen Platz zu haben, für den kastrierten Kriegsversehrten, den weder Prothesen noch kommunistische Versprechungen heilen können. Damit verweist Toller ähnlich wie die Queer Disability Theorie darauf, dass sogar unsere Utopien nur von leistungsstarken, unabhängigen und gesunden Körpern bevölkert werden.
Nur in einer Szene aktualisiert die Inszenierung die pazifistische Grundhaltung des Stücks direkt, wenn in einer Masse unbekannter Soldaten einer hervortritt, der nicht 1916 sondern 2026 getötet wurde. Nötig war dieser Gegenwartsbezug nicht, um den Kommentar auf die deutsche Mobilmachung zu entziffern. Wie die Inszenierung verdeutlicht, schlagen Kriege schreckliche Wunden. Wenn man sich einen Pazifismus aneignet, der aus der Erfahrung eines von Deutschland begonnen ersten Weltkriegs entsprang, läuft man jedoch Gefahr, den historischen Kontext zu verwischen. Es gilt nicht wie damals zu verhindern, dass wieder ein Krieg von Deutschland begonnen wird – Putins Angriffskrieg auf die Ukraine findet bereits statt und das nicht erst seit 2022. Seine Politik der „kriechenden Grenzen“ ist auf der Krim aber auch in Abchasien und Nordossetien schon länger zu spüren. Mit jedem Gebietsgewinn breitet sich der russische Faschismus aus und verkleinert die Möglichkeitsräume linker Politik. Diese Bedrohung war auch Ernst Toller nicht fremd, der sich schon früh vor den Nationalsozialisten ins Exil rettete und 1939 aus Verzweiflung über den Sieg Francos Suizid beging.
Erschienen am 3.4.2025