Theater der Zeit

Auftritt

Theater Münster: Ohne Beschönigung

„Kinderhäuser“ von Karen Breece – Regie Karen Breece, Bühne und Kostüme Hannah Judith Wolf, Musik David Schwarz

Content Note: Dieser Text thematisiert sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen teils explizit

von Jens Fischer

Assoziationen: Nordrhein-Westfalen Theaterkritiken Karen Breece Theater Münster

Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf sichere und gewaltfreie Räume. Warum versagen genau diese Schutzräume in Kirchen, Heimen, Freizeiteinrichtungen und Familien immer wieder und deutschlandweit?  „Kinderhäuser" am Theater Münster widmet sich dieser Fragestellung.
Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf sichere und gewaltfreie Räume. Warum versagen genau diese Schutzräume in Kirchen, Heimen, Freizeiteinrichtungen und Familien immer wieder und deutschlandweit? „Kinderhäuser" am Theater Münster widmet sich dieser Fragestellung.Foto: Sandra Then

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Mit immer wieder stockender, fast erstickter und doch um Fassung bemühter Stimme wird von einem Mann erzählt, der sein Baby anders liebe als es Väter gemeinhin tun. „Das kleine Mädchen fühlt sich wohl mit dem Mann, dessen Blick es mit einem strahlenden Lächeln erwidert, dessen Grimassen es nachzuahmen versucht. Ein schöner inniger Moment zwischen Vater und Tochter. Dann spreizt der Mann die Schamlippen des Babys und führt einen Finger vaginal ein. Nach kurzer Zeit auch den zweiten. Ohne dass ein Ton hörbar wäre, beginnen die jungen Gesichtszüge einzufrieren, sich zu verzerren – eine Mimik, die so noch nie dagewesen ist. Die Mundwinkel ziehen sich nach unten, die Augenbrauen nach oben. Ein leises Wimmern schwillt zu einem Weinen an ... (schon) ... öffnet der Vater seine Hose, umgreift seinen erigierten Penis, dringt mit kurzen Schiebe-, Stoßversuchen vaginal ein ... das laute Weinen steigt zu einem zerberstenden, die Luft zersetzenden Schreien an.“ Schonungslos berichtet das an Karen Breece (Text/Regie) vergebene Auftragswerk „Kinderhäuser“ am Theater Münster von systematischen Vergewaltigungen durch Männer. Sie sind Teil eines Kindesmissbrauchsnetzwerks in einer Gartenlaube des Stadtteils Kinderhaus oder Priester, Diakone und Ordensbrüder im Bistum Münster. Das ist teilweise schwer, von einigen Menschen vielleicht auch gar nicht zu ertragen, aber eben ein Versuch, nicht schamvoll empört um das zutiefst verstörende Grauen herum zu reden, sondern den antizivilisatorische Tabubruch in aller Drastik zu verdeutlichen. Vielleicht auch aus Erbitterung, weil Judikative und Exekutive etwa 90 Prozent der beschuldigten Gottesmänner ohne strafrechtliche Konsequenzen davonkommen ließen.

Was würde Jesus wohl zu den Vergewaltigern sagen, fragt eine von drei dargestellten Müttern (Pascal Riedel, Agnes Lampkin, Clara Kroneck) aus „Kinderhäuser“ in einem aus Interviews mit der Regisseurin generierten Dialog. „Mühlstein um den Hals und ab in den Jordan“, lautet die bitterböse Antwort. Die drei Schauspieler:innen stehen auch als sie selbst und als Vermittler:innen von Daten, Fakten, Hintergründen auf der Bühne. Im Zentrum des Abends aber geht es um zwei Betroffene. Sie legen Zeugnis ab von ihren Missbrauchserfahrungen, den lebenslangen Folgen sowie den Triggern, die sie bis heute retraumatisieren – etwa der Sprachklang der Täter oder Schlagermusik und Wurstgeruch. Martin Schmitz wurde regelmäßig vor und nach den Gottesdiensten in seiner Messdienerzeit vergewaltigt. Über das Martyrium hat er ein Buch geschrieben, „Der dunkle Hirte“, und benennt nun auch im Theater seinen Peiniger im westfälischen Rhede. „Der Kaplan Heinz Pottbäcker, zu dem ich als Kind aufschaute und den ich bewunderte, war ein pädokrimineller Geistlicher – und mein Täter. Er wurde Priester, um Kinder für seine Zwecke sexuell zu misshandeln. Nach mir wurde er versetzt. Und wieder versetzt. Und wieder versetzt. Und jede weitere Versetzung bestätigte, dass er nie aufgehört hat. Unter dem Schutz der katholischen Kirche.“ Ebenfalls auf der Bühne: Melanie Hach. Sie eröffnet, in einer verwahrlosten Familie, dann in einem Münsteraner Heim Hunderte Male vergewaltigt worden zu sein. „Danach bist du nicht mehr dieselbe Person. Als würde bis in alle Ewigkeit die Pest an dir kleben.“ Sie hat überlebt, eine Familie, fünf Kinder und bewirtschaftet mit ihrem Mann einen Bauernhof. Martin Schmitz leitet heute eine Selbsthilfegruppe und arbeitet in verschiedenen Ausschüssen zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs. Beide machen Hoffnung, dass es trotz allem irgendwie doch halbwegs befriedet weitergehen kann, aber betonen auch, dass die Leiden der Kinder weiterhin direkt unter uns passieren. Was die Frage provoziert: Das können doch nicht alle immer übersehen? Tun sie auch nicht, schauen aber meist weg und schweigen. Die Schutzräume Familie, Heime, Kirche, Ferienlager, Schule, Vereine, soziales Umfeld funktionierten nicht, deswegen müssten neue „transparente Schutzräume“ geschaffen werde, so die Forderung im Stücktext. „Im System sind die Kinder sonst verraten.“

„Kinderhäuser“ will nicht nur Wahrheiten im Dokumentartheaterstil vermitteln, auch performative Kunst sein. Die abschüssige Bühne ist spielplatzgrün ausgelegt und von Wippe und Schaukeln geschmückt, worauf Schmitz und Hach ihre Kindheitstragödien formulieren. Um das zu strukturieren, tun die Ensemblemitglieder manchmal so, also würden sie die Experten des Missbrauchsalltags interviewen, führen sie auch deren Ausführungen weiter. Was die Authentizität der Berichte betroffenheitsdramatisch überbetont und wie gescribteter Fake wirken lässt. Auch irritieren pathetische Bilder. Pascal Riedel liegt in Jesus-am-Kreuz-Pose auf dem Boden, bereit zur Priesterweihe – und erklärt später, er habe eine solche Zeremonie in Köln besucht und sie sei ihm vorgekommen wie eine Inszenierung von Johan Simons. Was ein hübscher Insider ist, aber in diesem Kontext doch recht deplatziert wirkt. Als Lockerungsübungen funktionieren hingegen die Diaschauen von Martins Fluchttrip durch Amerika und von Melanies landwirtschaftlicher Idylle daheim. Humor in diversen Ausprägungen ist ein weiteres theatrales Element, die beklemmende Atmosphäre in eine des Reflektierens, Positionierens und Eröffnens von Handlungsoptionen zu öffnen. Deswegen scheut Breece auch vor Witzen nicht zurück: „Wie hat es die Nonne geschafft, dass sich der Priester in sie verliebte? Sie hat sich als 10-jähriger Messdiener verkleidet.“ Für das Frauentrio wurde ebenfalls ein komödiantischer Spielduktus gewählt. Im prolligen Jargon kommentieren sie als Volkes Stimme das Geschehen, plaudern zudem über den Komplex Strafe/Recht/Gerechtigkeit, die unmögliche Wiedergutmachung und den Justizskandal, dass der Kinderhaus-Haupttäter bis 2021 nur zu Bewährungsstrafen verurteilt worden war – und so fortgesetzt als „Kinderficker“ aktiv sein konnte.  Breece probiert also viel aus, wobei szenische Motive, ästhetische Setzungen und inhaltliche Fokussierungen leider allzu häufig ins Leere laufen, weil die Aufführung eher vorläufig roh, weniger in einem dramaturgisch eleganten Flow collagiert ist. Aber die unbeirrbare Deutlichkeit, Verbrechen gegen Kinderleiber und -seelen sowie den erschreckend hilflosen Umgang damit anzuprangern und Schutzmaßnahmen einzufordern, macht den Abend geradezu unerträglich wichtig. Eintrittskarten sind Tickets für einen dicken Hals, ein vor Abscheu tobendes Herz und einen für Zeichen von Missbrauch zu sensibilisierenden Geist.

Erschienen am 26.3.2024

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