Auftritt
Landestheater Eisenach: Fa(u)st Forward
„Faust. Der Tragödie erster Teil“ von Johann Wolfgang von Goethe – Regie Lydia Bunk, Bühne und Kostüme Birgit Leitzinger
von Lina Wölfel
Erschienen in: Theater der Zeit: Florentina Holzinger – Performing Power (04/2025)
Assoziationen: Thüringen Theaterkritiken Lydia Bunk Landestheater Eisenach

Wer braucht dreieinhalb Stunden „Faust“? Niemand. Vorspiel vor dem Theater? Zu viele Meta-Ebenen. Prolog? Verstaubt. Auerbachs Keller? Eine betrunkene Männergruppe? Dazu muss man nicht ins Theater. Nebenfiguren? Unnötige Staffage. Dafür: Effekt-Show? Ja bitte. Pyro: Unbedingt! Popkulturelle anstelle historischer Verweise: Wir bitten drum. Es bleibt: das, was die Welt im Innersten zusammenhält. Oder auch: Goethes Opus Magnum als 90-minütiges atmosphärisch-mystisches Endzeittheater.
Regisseurin Lydia Bunk destilliert den Stoff, quetscht ihn aus, bis nur noch Wesentliches übrigbleibt. Heißt hier: eine Konzentration auf die Figuren Faust, Mephistoteles und Gretchen. Passend für das Eisenacher Landestheater, das erst seit dieser Spielzeit eine eigene Schauspielsparte samt Ensemble besitzt. Und das muss sich als Landesbühne nicht verstecken. Im Gegenteil. Die Bildwelten, die sich an diesem Abend öffnen, können durchaus mit dem sogenannten Metropoltheater mithalten. Was insbesondere an dem fantastisch-spukigen Bühnenbild von Birgit Leitzinger liegt. An dessen Seiten türmen sich amorphe Formationen zwischen knorpeligen Baumstämmen und Gesteinsgebilden auf. Im Hintergrund die Umrisse einer Landschaft, die im dunkelroten Licht an die Moore vor Mordor aus „Herr der Ringe“ erinnert. Dazu ein Glaskasten, der wie ein Artefakt als Raum im Raum fungiert und nicht selten zum Sinnbild der Isolation einzelner Figuren wird. Eben noch ein kuschelig-weiches Liebesnest für Gretchen und Faust, bald darauf ihre Todeszelle. Frei nach Fausts Ausspruch zu Beginn im Studierzimmer „Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nie erjagen“ gestaltet sich der Abend als schauriges Unterfangen, in das man alsbald eingesogen wird.
Dazu die Kostüme (ebenfalls Birgit Leitzinger). Faust (Lukas Umlauft) erst mit langen, zotteligen Haaren, in einer Badewanne liegend, bekleidet nur mit einem samtgrünen Bademantel, rauchend. Das ultimative Abziehbild eines Gelehrten in der Sinnkrise. Nach dem Hexentrunk unangenehm gestriegelt, seine Seele verkauft für einen perfekt sitzenden Anzug und die Ektase der Verliebtheit ins minderjährige Gretchen. Mit ihm Mephisto, wie ein Balenciaga-Model mit strähnigen, langen rot-schwarzen Haaren und hell überschminkten Augenbrauen. Am Anfang im silbernen Glitzer-Einteiler samt Oversized-Kunstfellmantel wird er eine wahre Haute-Couture-Show mit immer ausgefalleneren Outfits hinlegen. Die Hexen als metamorphe Gestalten mit langen Gewändern und Kronen aus krummem Geäst. Gretchen in ausgestelltem rosafarbenem Tüllkleid, den langen Zopf kokett und selbstbewusst über die Schulter werfend. Wie gesagt, optisch ist dieser „Faust“ mindestens so reizvoll wie ein Triple-A-Blockbuster und so fantasievoll wie ein Disney-Film.
Apropos Gretchen: Die Straffung des Textes macht sich bei ihr besonders bemerkbar. Eben noch schlagfertig Fausts schlechten Anmachsprüchen konternd, entwickelt sie sich nur einen Wimpernschlag später zur Personalisierung des menschlichen Wracks. Den Zopf hat sie sich abgeschnitten, das rosa Kleid gegen ein weißes Gewand getauscht, womit sie den toten Säugling in den Armen hält. Manisch halluzinierend sitzt sie im inzwischen klinisch-gefliesten Glaskasten, imaginiert Heinrich sie liebend und ihr Kind am Leben. Es ist eine wahre Leistung, die Luca Estelle Horvath hier vollbringt, diese raschen Wendungen kohärent und nachvollziehbar auf die Bühne zu bringen.
Was bei all der Kürzung leider auf der Strecke bleibt: Zwischentöne, gesprochene, gefühlte und gespielte. Goethes Stoff so zusammenzustampfen nimmt ihm zwar die Längen. Die sind manchmal aber notwendig, um auch spielerische Nuancen zuzulassen, um Reflexions- und Resonanzräume zu schaffen. Oft reihen sich in der Eisenacher Inszenierung so die bekannten Punch-Lines aneinander. Aus Dialogen werden Zitatschlachten. Damit hat besonders Noah Alexander Wolf als Mephistoteles sprachlich zu kämpfen. Der gibt zwar alles, weil seine Textpassagen jedoch so dicht sind, erhält jeder Satz, jedes Wort zwangsläufig Bedeutung. Da bleibt dann nur noch die Steigerung in immer wahnhaftere, laut-schreiende Zustände.
Trotzdem. Lydia Bunk zeigt: Faust geht auch in sexy. Dabei verzichtet sie klugerweise auf einen krampfhaften Aktualisierungsanspruch durch Fremdtexte, Improszenen oder das Durchbrechen der Vierten Wand. Da gibt es keinen erhobenen Zeigefinger, kein Belehren, sondern klug eingesetzte, ästhetische Mittel. So erscheinen Faust und Mephisto, nachdem sie Gretchen im Kerker ihrem Schicksal überlassen haben, beide in uniform weißen Anzügen. Im Hintergrund wird die Bühne desinfiziert, weißer Schnee rieselt sanft herab. Individuelle Assoziationen zu provozieren, nimmt nicht nur die Zuschauer:innen ernst, sondern auch das Theater als Kunstform und den gar nicht mal so schlecht gealterten Stoff. Katharsis nicht trotz, sondern durch Immersion, Zugänglichkeit und das emanzipatorische Moment eigener Erkenntnis.