Performance
Die Straße wird queer
Performance und Protest der LGBTQIA+ Szene in Chile
von Cristeva Cabello und Jorge Díaz
Erschienen in: Theater der Zeit Spezial: Chile (09/2023)
Assoziationen: Südamerika Performance Dossier: Chile Dossier: Queeres Theater

Die 1980er Jahre. Eine Gruppe von Aktivist:innen läuft durch die Straßen. Eine:r nach dem anderen legt sich auf den Asphalt, ihre Körper bilden eine Barriere und verhindern das Durchkommen von Menschen und Fahrzeugen. Eine Protestaktion. Auf dem Boden liegende Körper stellen den Todeskampf anderer geschundener Körper nach. Ihre Horizontalität im öffentlichen Raum soll Aufmerksamkeit erzeugen – eine neue Form des Widerstands gegen gleichgültige Behörden, die im Kampf gegen die HIV/Aids-Pandemie untätig bleiben und die Suche nach einem Heilmittel vernachlässigen. Oder schlimmer: dass mit den nur schwer zugänglichen, kostspieligen und von zahlreichen Nebenwirkungen begleiteten Behandlungen trotz aller Tragödie das große Pharmageschäft gemacht werden soll. Die Aktionen stammen vom Kollektiv ACT UP (AIDS Coalition to Unleash Power), die mit dem agierten, was ihnen zur Verfügung stand: dem eigenen Körper. Weltweit spielten sich solche Protestszenen ab, die auf eine immer aggressiver werdende Pandemie aufmerksam machen sollten, deren Infektionszahlen und Todesfälle in die Höhe schnellten. Doch in der Gleichgültigkeit gegenüber den Betroffenen spiegelte sich das Ausmaß an Verachtung und Hass gegenüber sexuell dissidenten Communitys wider; die Ausbreitung des Virus sah man als Strafe für ihren Lebensstil an.
Die reglosen Körper der Aktivist:innen, die in vielen Städten der Welt auf den Straßen lagen, begründeten eine...