Auftritt
Deutsches Nationaltheater Weimar: Drei Fiktionen für dreizehn Millionen Schicksale
„Drahtwolken“, ein interaktives Theaterspiel von machina Ex (UA) – Regie Anton Krause, Text Clara Ehrenwerth, Bühne Barbara Lenartz, Kostüme Sophie Lichtenberg, Sounddesign Matthias Millhoff, Programmierung Lasse Marburg & Benedikt Kaffai
von Michael Helbing
Assoziationen: Theaterkritiken Thüringen Dossier: Digitales Theater Deutsches Nationaltheater & Staatskapelle Weimar

Erinnerung ist gewiss das falsche Wort. Erstens beschreibt es einen individuellen Vorgang, keinen kollektiven. Zweitens: Wie soll ich mich, wie sollen wir uns an Agnieszka Cybulska aus Polen, Etienne Dubois aus Frankreich und Halyna Lewchenko aus der Ukraine erinnern? Ich hatte, wir hatten ja noch nie zuvor etwas von ihnen gehört. Wie auch? Es hat sie so nie gegeben. Sie sind reine Fiktion und Konstruktion. Die Rekonstruktion allerdings, die an ihrem Beispiel stattfindet, betrifft die reine Wirklichkeit.
Sie werden uns vorgestellt als drei Menschen unter sechs- bis siebentausend allein in Weimar, unter dreizehn Millionen im Deutschen Reich: seit 1939 verschleppt aus aller überfallenen Herren Länder, für einen „Arbeitseinsatz“. Sie waren zivile Zwangsarbeiter, also keine Kriegsgefangenen oder KZ-Häftlinge. In Lagern lebten viele von ihnen gleichwohl, umgeben von Stacheldraht, durch den man in den Himmel schaute.
Davon gab es bis 1945 in Deutschland so viele wie heutzutage Supermärkte. Das ist ein Vergleich an diesem Abend, der als „interaktives Theaterspiel“ daherkommt. Ein anderer: Dreizehn Millionen, so oft blinzelt ein Mensch binnen mehr als zwei Jahren. In diesen einhundert Minuten indes haben wir tausend Mal geblinzelt und dabei genau hingeschaut: auf Dokumente, Daten, Nummern und Objekte, aus denen sich ein Stück Leben, eine lückenhafte Biografie neu zusammenbauen lässt.
Dafür sorgt das Berliner Kollektiv machina eX, das seit 2010 „partizipatives Game-Theater“ produziert, mit Elementen aus dem Computerspiel. Fast 30 Abende sind so inzwischen entstanden, zuletzt wiederholt mit dem Hebbel am Ufer (HAU) in Berlin und dem Forum Freies Theater in Düsseldorf. Das Deutsche Nationaltheater Weimar, wo es damals übrigens auch Zwangsarbeiter gab, beauftragte nun eine Arbeit für „Ressource Erinnerung“, eine Themenwoche mit Theater, Oper, Tanz, Lesungen und Debatten zur Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald und dem Ende des Zweiten Weltkrieges vor 80 Jahren.
Dafür recherchierte das Kollektiv im vor einem Jahr im ehemaligen Weimarer Gauforum eröffneten Museum Zwangsarbeit im Nationalsozialismus, bei der Gedenkstätte Buchenwald angesiedelt. Fritz Sauckel, Thüringens NSDAP-Gauleiter und Reichsstatthalter in Weimar, organisierte als Generalbevollmächtigter ab 1942 die Zwangsarbeit im Nazireich. Er wurde so, hieß es beim Nürnberger Prozess, zum „größten und grausamsten Sklavenhalter seit den Pharaonen“.
Im Sauckel-Werk, einer Waffenfabrik, wurden, neben Buchenwald-Häftlingen, zwei Drittel der Weimarer Zwangsarbeiter eingesetzt. Aus dem, was davon nach einem alliierten Bombenangriff übrigblieb, ging in der DDR eine Fabrik für Kartoffel-Ernte-Technik hervor. Die heute leerstehende KET-Halle war wiederholt Spielstätte des Kunstfestes und ist aktuell als ein Ausweichquartier während der anstehenden Generalsanierung im Nationaltheater im Gespräch. Die „Drahtwolken“ allerdings ziehen nicht dort ihre Kreise, sondern in der regulären Nebenspielstätte Redoute.
In jenem Rüstungsbetrieb fertigten Zwangsarbeiter im Akkord „die Gewehre, mit denen sie im Osten unsere Leute erschießen.“ So erzählt es Halyna aus der Ukraine in einer der integrierten Hörspielsequenzen. Sie tuschelt da gerade auf dem harten Lagerbett mit Agnieszka aus Polen. Es steht hier sichtbar in einer von sieben installierten und auch inszenierten Räumen eines Parcours, der auf der Bühne der Redoute eingerichtet wurde.
Während wir sie durchlaufen, sind wir keine Zuschauer mehr, sondern Akteure. Wir sind: Freiwillige im Zentrum für Zeitsichtungen. Dort treffen, so die Erzählung, Anfragen von Angehörigen und Nachfahren der Zwangsarbeiter ein. Eine neue Technologie, Zeitsichtungsgeräte, könne dabei die Vergangenheit hörbar machen: „Jetzt kommt der Science-Fiction-Teil.“ Fiktive Hörspielszenen als historische Audiodateien.
Die Zuschauer werden in Fünfergruppen unterteilt und begeben sich so auf Recherche zu einer Person. Wie auf einer digital zugerüsteten Schnitzeljagd gehen sie, mit dem Tablet in der Hand, Hinweisen und Spuren nach. Eine Zugnummer der Deportation hier, ein personalisiertes „Arbeitsbuch“ oder eine Postkarte dort.
Oder eine Haarspange als ein Artefakt. Sie gehörte demnach Halyna. Das Bauernmädchen, aus dem eine Arzthelferin wurde, bekam sie im Dorf Prybirsk zum 18. Geburtstag geschenkt. Vier Jahre später, 1942, wurde sie vom Kartoffelfeld gezerrt und nach Deutschland verschleppt. Zu den anderen beiden, zu denen andere Gruppen recherchieren, entstehen in Weimar Beziehungen. Von Etienne wird Halyna schwanger. Der Vater wird sie deshalb nach dem Krieg verstoßen; er glaubt, sie trüge in sich das Kind eines Deutschen. Eine große Schande für ihn.
So macht der Abend das Abstrakte optisch und akustisch konkret. Er macht das Unvorstellbare vorstellbar: Menschen, die zu Nummern wurden und jetzt Gesicht und Stimme erlangen, aber auch die mühevolle Arbeit, die das bedeutet. Man wühlt sich durch „einen riesigen Haufen Vergangenheit“, wie es Martin Schnippa als Dr. Johannes Holl einmal formuliert. Aber: „Der akribische Verwaltungsapparat der Nazis ist heute unsere beste Quelle.“ Drei Wissenschaftler insgesamt tauchen hier auf – Anna Windmüller als Dr. Henriette Schwalbe und Marcus Horn als Andrzej Hauck –, um eindringlich, aber unaufgeregt Text und Kontext zu liefern.
„Drahtwolken“ ist ein Theater mit Dokumenten, das sich die Maske des Dokumentartheaters aufsetzt. Es spielt damit sehr überzeugend. Fast zu überzeugend. Man muss schon den Programmzettel genau lesen, um hinter diese Maske blicken zu können. Er liefert den einzigen Hinweis auf die Erfindung der Biografien. Solche und ähnliche Schicksale, heißt es weiter, seien jedoch historisch belegt.
So generieren sie aus der Geschichte neue Geschichten. Sie spielen, vom pulsierenden Klang der Zeit begleitet, mit Distanz und Nähe zur Vergangenheit, mit Vernunft und Gefühl. Und behaupten das Spiel als eine ernsthafte Angelegenheit, in dem, fast mit Schiller zu sprechen, der Mensch ganz bei sich ist – und zugleich bei anderen.
Diese zeitgenössische Form von Theater mit historischem Bewusstsein schöpft weniger aus der „Ressource Erinnerung“ als dass sie eine solche selbst erschafft. Denn wer dabei gewesen ist, wird Agnieszka, Etienne und Halyna kaum vergessen können. Drei fiktive Stellvertreter für dreizehn Millionen reale Menschen, die in diesem Moment namenlos bleiben. Erinnerung ist ein heikles Ding und eben hier gewiss das falsche Wort.
Erschienen am 3.4.2025