Theater der Zeit

Inszenierung

Toten Tieren das Leben retten

Das Puppentheater Ljubljana zeigt „Still Life“ beim Festival Theater der Dinge in Berlin

von Anke Meyer

Erschienen in: double 45: An die Substanz – Material im Figurentheater (04/2022)

Assoziationen: Berlin Theaterkritiken Europa Puppen-, Figuren- & Objekttheater Schaubude Berlin

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Wenn sich der Regisseur und Philosoph Tobias Rausch in seinem Essay „Schauspiele jenseits des Menschen“ (nachtkritik 15.10.2019) fragt, ob seine „eigenen Schwierigkeiten im Umgang mit Natur auf der Bühne auf ein tieferliegendes Problem deuten. Eines, das in der Wurzel unserer künstlerischen Darstellungsfähigkeiten liegt. In den Bedingungen, wen oder was wir als dramatischen Akteur zu akzeptieren in der Lage sind“, dann mag er damit recht haben. Denn bereits in seinem Titel verbirgt sich ein Subtext: Im Regelfall ist Theater = Schauspiel = dramatische Akteure auf der Bühne = Menschen.

Dass dieser Regelfall im zeitgenössischen Theater der Dinge nicht unbedingt gilt, liegt nicht in erster Linie daran, dass in dieser Theaterkunst Puppen jeglicher Art, sozusagen Ding-Substitute für Menschen, als „dramatische Akteure“ ihre Darstellungsfähigkeit beweisen können. Sondern eher an der sehr offenen Behandlung der Frage: Was alles kann Akteur und Movens einer Inszenierung sein?

Welche Wege sich öffnen können für ein Theater der Dinge, wenn es um die Auseinandersetzung mit „Natur“ auf der Bühne geht, zeigte die slowenische Inszenierung „Still Life. Nine Attempts to Preserve Life“ im November 2021 auf dem Festival Theater der Dinge in der Schaubude Berlin.

Auf einem Tisch, der fast die ganze Breite der Vorderbühne einnimmt, ein akribisch nachgebildetes Wiesenstück, fein ausgeleuchtet. Hohe und niedrige Gräser, hier und da eine Blume, Moos. Im Gras hockt reglos ein Hase. Aus den Lautsprechern kommt Insektengebrumm, Vogelgezwitscher. Lange. Dann fängt der Hase an zu mümmeln, in ganz kleinen Bewegungen. Man erwartet fast, ihn gleich davon hoppeln zu sehen, so hyperrealistisch wird er von den drei Spieler*innen animiert. Doch unvermittelt stoppt die Bewegung, wie eingefroren bleiben Hase und Menschen. Dann wird das Tier vorsichtig ins Gras gelegt. Tot. Wir sehen nun die Führungsstäbe, mit denen sich das Präparat bewegen lässt. Pause. Schweigend heben die Spieler*innen das Brett mit dem ganzen Environment vom Tisch und verstauen es ruhig in einem Regal ganz hinten an der Bühnenrückwand.

Dieser rituell anmutende Vorgang wiederholt sich mit unterschiedlichen Hasenfiguren, genauer: Hasenpräparaten, in unterschiedlichen Landschaften. Neun Mal. Begleitet von eingespielten Interviews, in denen Präparator*innen von ihrer Liebe zu Tieren sprechen, oder davon, wie sie zu den „ohnehin schon toten“ Tieren gekommen sind, wird daraus eine eindrückliche Verhandlung über die menschliche Anmaßung, Lebendiges besitzen und ihm Leben nehmen zu dürfen – und zugleich über die Frage: Was ist lebendig? Die ausgestopften Tiere werden es durch die fast zärtliche Animation – doppelt paradox, da hier etwas animiert, „beseelt“ wird, das in dieser Gestalt schon einmal lebendig war, es nun wieder sein darf. Kurz. Der deutlich ausgestellte Übergang zum Tod der animierten Hasen, die Schweigeminute und das beinahe feierliche Geleit beim Verstauen im Regal, lässt an einen nachträglich beigemessenen „Lebens-Wert“ denken.

Dem Regisseur Tin Grabnar und den exzellenten Figurenspieler*innen Asja Kahrimanovic Babnik, Iztok Lužar, Zala Ana Štiglic gelingt es in dieser Produktion des Puppentheaters Ljubljana, mit fast demütiger performativer Zurückhaltung einer hochartifiziell übersetzten „Natur“ geradezu magische Präsenz zu verleihen.

www.schaubude.berlin/de/produktionen/theater-der-dinge-2021

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