Theater der Zeit

Einleitung

von Thubten Shontshang, Nina Mühlemann, Celestina Widmer und Yvonne Schmidt

Erschienen in: Recherchen 180: Im/Mobile Möglichkeiten – Zugänglichkeit und Verantwortung in den performativen Künsten (07/2026)

Nina Mühlemann, Yvonne Schmidt und Thubten Shontshang begrüßen zum Symposium, neben ihnen verdolmetscht Sascha Thiemeyer in deutschschweizer Gebärdensprache und das technische Team schaltet die Zoom-Übertragung. Foto: Tina Schück
Abb. 1: Nina Mühlemann, Yvonne Schmidt und Thubten Shontshang begrüßen zum Symposium Accessibility, Responsibility, and Care in the Performing Arts (2025).Foto: Tina Schück

Über den folgenden Link können Sie sich den Beitrag anhören.

Einfach gesagt:

In dieser Einleitung gibt es Infos zum Thema und zum Aufbau von diesem Buch.

Thema

Das Buch beschäftigt sich damit, wie Aufführungen reisen. Oder wie Aufführungen das Publikum ohne Reisen erreichen. Das Buch ist das Ergebnis von einem Forschungs-Projekt, das in den Jahren 2022 bis 2026 stattgefunden hat. Das Forschungs-Projekt hat untersucht, welche neuen Formen es gibt: von Theater und von Festivals. Das Forschungs-Projekt hat sich auch damit beschäftigt, wie behinderte Künstler*innen Theater und Festivals verstehen.

Folgende Punkte waren sehr wichtig:

– Erfahrungen in der Pandemie: In der Pandemie sind viele neue Formen entstanden, zum Beispiel Online-Aufführungen. Die Erfahrungen in der Pandemie haben gezeigt, dass Theater und andere Veranstaltungen nicht immer vor Ort stattfinden müssen.

– Behinderte Künstler*innen: Viele behinderte Künstler*innen können nicht so reisen wie nicht-behinderte Künstler*innen. Das war schon vor der Pandemie so. Deshalb haben behinderte Künstler*innen andere Ideen. Wir berücksichtigen diese Ideen oft zu wenig oder gar nicht, wenn wir über Theater diskutieren.

– Klimakrise und Tourneen: Reisen sind oft schlecht für die Umwelt. Wir brauchen deshalb neue Ideen.

Der Aufbau vom Buch

Im Buch gibt es Texte, Interviews und Beiträge von Künstler*innen. Das Buch beschäftigt sich mit 6 Punkten:

1. Körper und Intimität (Körperlichkeit und Intimität)

2. Gemeinschaft

3. Zeit und Raum (Zeitlichkeit und Räumlichkeit)

4. Gerechtigkeit beim Reisen

5. Fürsorge und Verantwortung (Care und Verantwortung)

6. Zugänglichkeit

In jedem Kapitel gibt es Texte von Wissenschaftler*innen, Interviews und Beiträge von Künstler*innen. Künstlerische Beiträge im Buch sind zum Beispiel: Videos, Beiträge zum Hören, Anleitungen oder Bilder aus verschiedenen Teilen. Die QR-Codes für Videos oder Hörbeiträge sind immer rechts vom Titel. Vor jedem Beitrag gibt es einen Text in Einfacher Sprache.

Das Buch richtet sich an Forscher*innen, Künstler*innen und an Menschen, die sich für Theater interessieren. Vor allem haben wir das Buch für behinderte Menschen gemacht.

Wir wollen mit dem Buch verschiedene Sichtweisen zeigen. Und wir wollen, dass die Menschen nachdenken. Was wir mit dem Buch nicht wollen: einfache Antworten geben.

Die Suche nach verantwortungsvollen und nachhaltigen Formen der Zirkulation von Theater- und Tanzproduktionen stellt eine der drängendsten Herausforderungen der gegenwärtigen Praxis dar. Angesichts der Klimakrise geraten die etablierten Logiken von Produktion, Tournee und internationaler Sichtbarkeit zunehmend unter Druck. Die Frage, wie künstlerische Arbeiten reisen können – oder eben nicht –, wird nicht nur ökologisch, sondern auch sozial, institutionell und ästhetisch verhandelt.

Abb. 2: Zur Verfügung gestellte Stim-Toys während des Symposiums Accessibility, Responsibility, and Care in the Performing Arts (2025).Foto: Ursina Orecchio

Die Erfahrungen während der Covid-19-Pandemie und der damit verbundenen Lockdowns haben Theaterhäuser und Festivals für alternative Präsentationsformate sensibilisiert. Hybride oder rein digitale Produktionen, die ohne die gleichzeitige physische Anwesenheit von Publikum und Künstler*innen auskommen, wurden vermehrt ins Programm aufgenommen. Diese Entwicklungen haben nicht nur die Arbeitsweisen für Künstler*innen und ästhetische Erfahrungen für das Theaterpublikum erweitert, sondern auch den Blick dafür geschärft, welche strukturellen Ausschlüsse mit traditionellen Formen der Aufführung verbunden sind. Sie werfen grundlegende Fragen danach auf, wer Zugang zu Theaterinstitutionen hat, unter welchen Bedingungen Teilhabe möglich ist und wie sich dadurch das Selbstverständnis von Theater verändert.

Dabei rückt in den Fokus, dass behinderte Künstler*innen im Bereich Tanz und Theater schon lange mit eingeschränkter Mobilität konfrontiert sind – sei es durch physische Barrieren, institutionelle Ausschlüsse oder fehlende infrastrukturelle Unterstützung. Aus diesen Erfahrungen heraus haben sie eigenständige künstlerische Praktiken und Ästhetiken entwickelt, die nicht nur auf Einschränkungen reagieren, sondern neue Perspektiven auf Körper, Raum und Präsenz eröffnen. Dennoch finden diese Perspektiven in den aktuellen Debatten um Nachhaltigkeit, Mobilität und Digitalisierung oft zu wenig Beachtung.

Ein inklusiver und zukunftsorientierter Diskurs über die Zirkulation von Theater- und Tanzproduktionen muss daher auch das Wissen und die Erfahrungen behinderter Künstler*innen ernst nehmen. Ihre Expertise kann entscheidend dazu beitragen, neue Formen des Arbeitens, Präsentierens und Teilhabens zu entwickeln, die sowohl ökologisch als auch sozial nachhaltiger sind.

Das Forschungsprojekt: Ästhetiken des Im/Mobilen: Wie Theater und Tanzperformances reisen

Diese Entwicklungen bildeten den Ausgangspunkt des 2022 bis 2026 durch den Schweizerischen Nationalfonds (SNF) geförderten Forschungsprojekts Ästhetiken des Im/Mobilen: Wie Theater und Tanzperformances reisen an der Hochschule der Künste Bern (BFH). Das Forschungsprojekt erweitert die Debatten in den performativen Künsten über Zugänge, Im/Mobilität und institutionellen Wandel im Kontext von nachhaltigeren Produktionsweisen um eine Disability-Perspektive.

Im Zentrum des Forschungsprojekts standen zwei qualitative Teilstudien, die unterschiedliche, jedoch miteinander verknüpfte Perspektiven beleuchteten. Zum einen wurden Entwicklungen an Theaterhäusern und Festivals in der Schweiz sowie in angrenzenden Ländern untersucht, insbesondere im Hinblick auf neue Formen der Produktion, Präsentation und Zirkulation von Theater- und Tanzarbeiten. Zum anderen richtete sich der Fokus auf die Perspektiven und Erfahrungen behinderter Künstler*innen aus den Bereichen Theater, Tanz und Performance. Dabei wurden sowohl strukturelle Barrieren als auch künstlerische Strategien und ästhetische Praktiken untersucht, die aus dem Umgang mit Im/Mobilität und institutionellen Ausschlüssen hervorgegangen sind.

In einem weiteren Schritt wurden die Erkenntnisse aus beiden Teilstudien in einer Fokusgruppenstudie zusammengeführt. Ziel war es, die unterschiedlichen Sichtweisen in einen produktiven Dialog zu bringen und gemeinsame Fragestellungen, Spannungsfelder und Potenziale herauszuarbeiten. Die Fokusgruppenstudie ermöglichte es, die bisherigen Ergebnisse zu validieren, zu vertiefen und neue Perspektiven für zukünftige Forschung und Praxis zu entwickeln.

Diese Publikation ist eines der zentralen Ergebnisse des insgesamt vierjährigen Forschungsprozesses und versteht sich als Beitrag zu einer inklusiveren, nachhaltigeren und kritisch reflektierten Theater- und Tanzpraxis. Die Schnittstelle zwischen Disability Studies und den Tanz- und Theaterwissenschaften ist nach wie vor unterforscht, insbesondere im deutschsprachigen Bereich. Dennoch schließt dieses Forschungsprojekt an eine Reihe von Entwicklungen in den letzten Jahren an, die zu einem größeren Diskurs beitragen. So lehrt und forscht die behinderte Choreografin Claire Cunningham seit 2023 im Rahmen einer fünfjährigen Professur am Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz in Berlin. Auch an der Universität Mainz forschen Benjamin Wihstutz, Elena Backhausen und Mirjam Kreuser zu Disability Performance als Humandifferenzierung und haben hochrelevante Texte publiziert. (Backhausen et al.; Kreuser; Wihstutz 383–392 und weitere) An der Universität Passau forscht ein Team um Susanne Hartwig zu Behinderung im zeitgenössischen Theater und Film. In der Schweiz wurde dieser Bereich erstmals 2015 durch das Projekt Disability On Stage, geleitet von Yvonne Schmidt, an der Zürcher Hochschule der Künste untersucht, welches ebenfalls wichtige Publikationen hervorgebracht hat. (Czymoch, Maguire-Rosier und Schmidt; Schmidt; Schmidt et al.; Ames et al. und weitere)

Der Diskurs wird auch aus der Praxis heraus stark angetrieben, wie etwa von dem Projekt Making a Difference in Berlin, das seit 2018 Angebote und Vernetzung für behinderte Künstler*innen schafft, oder dem Netzwerknicht-behinderter und behinderter Tanz- und Theaterschaffender, in dem sich regelmäßig online Mitglieder aus ganz Deutschland treffen. (Making a Difference)

Über diesen Sammelband

Der Band Im/Mobile Möglichkeiten: Zugänglichkeit und Verantwortung in den performativen Künsten untersucht aus einer Disability-Perspektive die Frage nach Im/Mobilität in den performativen Künsten. Er versammelt Beiträge, die sich mit im/mobilen und verantwortungsvollen performativen Praktiken auseinandersetzen. Zum einen handeln die Beiträge von Schnittstellen zwischen aktuellen Debatten zu Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit in Theaterinstitutionen und den Erfahrungen von Im/Mobilität behinderter Künstler*innen. Zum anderen zeigen die Beiträge aber auch Spannungsfelder, Widersprüche, strukturelle Ungleichheiten sowie Best Practices und kreative Prozesse auf.

Der vorliegende Sammelband möchte sich nicht damit begnügen, institutionelle Perspektiven der performativen Künste mit jenen behinderter Künstler*innen nebeneinanderzustellen. Vielmehr durchdringt die Disability-Perspektive die einzelnen Beiträge. Zentral sind dabei Konzepte wie Crip Time, ein Konzept aus den Disability Studies und dem Behindertenaktivismus, das beschreibt, wie die Präsenz von Behinderung verschiedene Einflüsse auf die Zeit haben kann. Crip Time übt Kritik an normativen Zeitkonzepten, die auf Linearität und Effizienz aufbauen. Stattdessen wird Zeitlichkeit über Pausen, Unvorhersehbarkeit und Verlangsamung verstanden. Solche Konzepte helfen, verfestigte Konventionen und Vorstellungen von Performance und (Zusammen-)Arbeit aufzubrechen und anders zu verstehen. Es geht aber nicht nur darum, analytische Instrumente der Disability Studies in die Theaterpraxis einzuführen. Das Buch möchte verdeutlichen, wie sich dieses Wissen anfühlt und in der Praxis materialisiert, indem verschiedene behinderte Künstler*innen mittels künstlerischer oder essayistischer Beiträge ihre Praktiken darlegen. Obwohl die Performing Disability Arts ein weitreichendes und vielfältiges Feld mit einer langen Geschichte darstellen, sind sie innerhalb von Theaterinstitutionen nach wie vor marginalisiert und zu wenig beachtet. Es besteht eine große Dringlichkeit, dieses Wissen bekannter zu machen. Gleichzeitig verdinglicht dieser Diskurs den Transformationsbedarf bestehender Institutionen.

Der Sammelband bietet Einblicke in verschiedene Debatten und zeigt die Vielfältigkeit der Aspekte und Fragen auf: Wie gehen behinderte Künstler*innen mit dem Thema des Reisens und der Mobilität in ihren Arbeiten um? Welche im/mobilen Strategien haben sie entwickelt, um ihre Arbeit zu verbreiten und dem Publikum zugänglich zu machen? Wie prägt dies ihre künstlerische Arbeit? Wie bestimmen die strukturellen Bedingungen der Theaterbetriebe die Art und Weise, wie die Aufführungen zirkulieren? Welche Mechanismen des Ein- und Ausschlusses entstehen dadurch? Welche Formate zur (digitalen) Verbreitung von Tanz- und Theaterperformances werden von Kulturinstitutionen angewendet und wie beurteilen die kuratorischen Leitungen diese Entwicklungen? Die vorliegende Publikation hat keinen Anspruch, fertige Ergebnisse zu liefern, sondern möchte Anstöße und Überlegungen für weiterführende Gedanken und Arbeiten liefern. Die einzelnen Kapitel und Beiträge sollen für sich selbst sprechen und verschiedene Deutungen zulassen. Das Buch möchte damit verschiedenen Perspektiven Raum bieten sowie Widersprüche und Ambivalenzen bewusst stehen lassen und aufzeigen.

Aufbau des Sammelbands

Um der Vielzahl der hier aufgeworfenen Fragen und eingenommenen Perspektiven gerecht zu werden, versteht sich das vorliegende Buch als ein kollektives Projekt von mehreren Herausgeber*innen und Autor*innen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Zugängen.

Die Kapiteleinteilung folgt sechs zentralen Kategorien: Körperlichkeit und Intimität, Gemeinschaft, Zeitlichkeit und Räumlichkeit, Mobility Justice, Care und Verantwortung sowie Zugänglichkeit. Während des Forschungsprojekts haben wir uns immer wieder mit diesen übergeordneten Themen beschäftigt. Muss Tanz und Theater mobil sein, um Intimität herzustellen und eine Auseinandersetzung mit dem Körper zu schaffen? Wie kann Gemeinschaft hergestellt werden, ohne dass physische Kopräsenz zwingend ist? Wer kann, darf und soll reisen? Gibt es institutionelle oder künstlerische Praktiken, die besonders interessant sind in ihrem Umgang mit Care und Verantwortung? Das letzte Thema der Zugänglichkeit ist eng verstrickt mit all diesen Fragen und war zentral in unserer Forschung zu künstlerischem und institutionellem Umgang mit Im/Mobilität.

Jedes übergeordnete Kapitel enthält zwei bis vier Beiträge. Mindestens einer davon ist direkter Teil der wissenschaftlichen Arbeit dieses Projekts – eine diskursive Auseinandersetzung, ein Interview oder eine Diskussionsrunde, entstanden als Teil der Forschung. Mindestens ein anderer Beitrag ist die Perspektive einer* Künstler*in. Die Formen sind dabei so vielfältig wie die künstlerischen Praktiken selber: Essays mit und ohne Audioversionen, Collagen, Impulse oder Videos. Abrufbare Audios oder Videos sind unter den angegebenen QR-Codes zu finden. Die QR-Codes befinden sich immer rechts vom Titel eines Beitrags.

Die meisten Beiträge sind in deutscher Sprache, damit dieser Sammelband zu dem bislang noch eher jungen und wenig erforschten Diskurs beitragen kann. Einige Beiträge, die in der Auseinandersetzung oder direkten Arbeit mit und von Künstler*innen aus nicht-deutschsprachigen Ländern erstellt wurden, wurden in Englisch belassen. Die Zusammenfassung in deutscher Einfacher Sprache soll dennoch einen Überblick zu diesen Beiträgen geben. Die Zuordnung der Beiträge zu den einzelnen Kapitelthemen geschah intuitiv, da sich in vielen Beiträgen inhaltlich mehrere Themenfelder überschneiden.

Das erste Kapitel, Körperlichkeit und Intimität, beginnt mit einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung von Yvonne Schmidt zu der zentralen Frage, ob Formen von Tanz und Theater, bei denen Publikum und Künstler*innen nicht zur selben Zeit denselben physischen Ort teilen, überhaupt noch Theater sind. Der zweite Beitrag ist eine Chat-Diskussion zum Stück Creature Comforts von Criptonite & Symbionts, in der sich Yvonne Schmidt in der Publikumsrolle und Kamran Behrouz und Nina Mühlemann in der Rolle als Künstler*innen unterhalten. Außerdem enthält der Beitrag ein animiertes Video von Kamran Behrouz, welches ebenfalls Teil des Stückes war.

Das zweite Kapitel, Gemeinschaft, beginnt mit einem künstlerischen Impuls von Tanja Erhart, schriftlich oder als Audio, in dem Alltagspraktiken und Rituale auch über Distanz hinweg Disability Community schaffen können, zum Beispiel während des Lesens dieser Publikation. Darauf folgt ein Interview mit Nicolette Kretz, künstlerische Leiterin des auawirleben Festivals in Bern, welches die Gemeinschaftsmomente aufzeigt, die bei Festivals entstehen können. Um einen Einblick in die Bandbreite der Interviews mit verschiedenen Leiter*innen von Kulturinstitutionen zu geben, folgt darauf ein Interview mit Anna Mülter, Leiterin des Festivals Theaterformen, in dem Anna über ihre kuratorische Arbeit spricht und Zugänglichkeit zentral ist. Der vierte Beitrag ist ein künstlerisches Essay von Noa Winter, in dem Noas persönliche Erfahrungen mit Disability Community widergespiegelt werden.

Das Kapitel Zeitlichkeit und Räumlichkeit beginnt mit einem Beitrag von Thubten Shontshang, der eine Workshop-Methode bespricht, in der Orte von Care auf eine persönliche Landkarte aufgetragen werden. Im darauf folgenden Beitrag von Nadine McKenzie werden Orte, die Barrieren darstellen, in einem künstlerischen Video und Gedicht thematisiert und mit einer Übung verknüpft. Der dritte Beitrag von Celestina Widmer ist eine historische Zeitreise: ein wissenschaftlicher Beitrag zu der wichtigen Arbeit der Künstlerin und Aktivistin Ursula Eggli, die 2008 verstorben ist.

Im vierten Kapitel, Mobility Justice, erzählt Remo Beuggert, Schauspieler im Theater HORA, von seiner Beziehung zum Reisen. Der zweite Beitrag ist eine Roundtable-Diskussion zwischen Künstler*innen, nämlich Nadine McKenzie, Dalibor Šandor und Saša Asentić, sowie Leiter*innen von kulturellen Institutionen, Anna Mülter und Sven Heier, zu verschiedenen Aspekten der mobilen Gerechtigkeit.

Der erste Beitrag des Kapitels Care und Verantwortung ist ein wissenschaftlicher Artikel von Celestina Widmer und Yvonne Schmidt, in dem es um Kuration als kritische Praxis geht. Anhand von Interviews, die sie mit verschiedenen Leiter*innen von künstlerischen Institutionen geführt haben, analysieren sie, wie sich diese Rolle laufend verändert. Darauf folgt ein wissenschaftlicher Artikel von Nina Mühlemann, der die Praktiken zweier behinderter Künstler*innen untersucht, Angela Alves und Alexandrina Hemsley. Obwohl beide unterschiedlich arbeiten, finden sich Gemeinsamkeiten darin, wie sie mit Barrierefreiheit, Care und dem Nicht-immer-verfügbar-Sein aufgrund ihrer Behinderungen umgehen. Darauf folgt ein künstlerischer Beitrag von Alexandrina Hemsley, eine Serie von Collagen und Gedichten mit Audio, in der es um sich verändernde Körper und Bedürfnisse geht.

Das letzte Kapitel, Zugänglichkeit, beginnt mit einem Essay und Audio der Künstlerin Fia Neises, in dem sie sich mit ihrer Rolle als künstlerische Leitung in dem Stück WITH OR WITHOUT YOU auseinandersetzt. Der letzte Beitrag ist ein wissenschaftlicher Text von Nina Mühlemann. Er ist kein Fazit, sondern thematisiert einige schwierige Fragestellungen, die sich durch die Forschung gestellt haben, und geht der Frage nach, wie Methodik gecrippt werden muss und kann.

An wen richtet sich der Sammelband?

Der vorliegende Sammelband richtet sich an Forscher*innen, Künstler*innen, Kulturschaffende, interessiertes Kulturpublikum und Menschen mit Behinderungen, die sich für künstlerische Auseinandersetzungen mit Barrierefreiheit und neue performative Formen interessieren.

Die Beiträge können in beliebiger Reihenfolge gelesen, geschaut oder gehört werden. Sie erscheinen in unterschiedlichen Sprachen und Formaten, um möglichst viele Ebenen der Wahrnehmung anzusprechen. Die vielsprachige und medienübergreifende Gestaltung des Bandes ist ein Versuch, Zugänglichkeit nicht nur als technische Unterstützungsleistung zu verstehen, sondern dies auch durch eine ästhetisch-politische Praxis umzusetzen. Dabei erhebt der Sammelband keinen Anspruch auf umfassende Barrierefreiheit. Vielmehr versteht er sich als fragmentierte Sammlung – als Collage – die einen Raum eröffnen soll, in dem Leser*innen selbst entscheiden können, welche Zugänge persönlich relevant und nutzbar sind.

Mit kurzen Einleitungen oder Zusammenfassungen in Einfacher Sprache in Deutsch vor jedem Beitrag versuchen wir, dennoch einen möglichst breiten und umfassenden Zugang zu den Kontexten und Schlüsselideen zu vermitteln.

Literaturverzeichnis

Ames, Margaret et al. »Responding to Per.Art’s Dis_Sylphide: Six Voices from IFTR’s Performance and Disability Working Group.« Theatre Research International, Vol. 44, No. 1, 2019, S. 82–101, https://doi.org/10.1017/S0307883318000846.

Backhausen, Elena, Benjamin Wihstutz und Noa Winter (Hrsg.). Out of Time? Temporality in Disability Performance. London/New York: Routledge 2023.

Czymoch, Christiane, Kate Maguire-Rosier und Yvonne Schmidt. »International Percolations of Disability Aesthetics in Dance and Theatre.« Theatre and Internationalization: Perspectives from Australia, Germany, and Beyond, Ulrike Garde, John R. Severn (Hrsg.). London/New York: Routledge 2020, S. 232–249, https://doi.org/10.4324/9781003028406.

Garde, Ulrike, und John R. Severn. »Theatre and Internationalization.« The Sydney EScholarship Repository (the University of Sydney). University of Sydney 2020, https://doi.org/10.4324/9781003028406.

Kreuser, Mirjam. Crip-Queere Körper: Eine kritische Phänomenologie des Theaters. Bielefeld: transcript 2023.

Making a Difference/Sophiensæle GmbH (Hrsg.). Making a Difference 2018–2024: Developing, cultivating, and strengthening anti-ableist practice in the field of dance. Making a Difference, Jan. 2024. PDF.

Schmidt, Yvonne. »Disability and Postdramatic Theater: Return of Storytelling.« Journal of Literary & Cultural Disability Studies, Vol. 12, No. 2, 2018, S. 203–19. Project MUSE, https://muse.jhu.edu/article/694075 (letzter Aufruf am 03.12.2025).

Schmidt, Yvonne et al. (Hrsg.). DisAbility on Stage. Hybrid Media Publication. subTexte 19, Zürcher Hochschule der Künste, 2019. Zenodo, https://doi.org/ 10.5281/zenodo.4019010.

Wihstutz, Benjamin. »Theater und Performance.« Behinderung. Kulturwissenschaftliches Handbuch, Susanne Hartwig (Hrsg.). Heidelberg: Metzler 2022, S. 383–392.

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